Zwischenspiel

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Für die Zeitschrift Der Zuschauer. 1894

5. Zwischenspiel von Karl Henckell[1]. Zürich,
    Schabelitz.

Wenn es ein Vorteil für die Besprechung eines neuen Buches ist,

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die vorhergehenden Werke des Verfassers nicht zu kennen, so bin
ich im vorliegenden Falle dieses Vorteils teilhaftig; denn mir sind
bis vor kurzem von Karl Henckell nur die Beiträge zum letzten
"Musenalmanach" bekannt gewesen.
Seit vierzehn Tagen nun liegt sein neuestes Gedichtbuch "Zwischenspiel"

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auf meinem Tische. Aber wenn ich vor die Wahl gestellt
würde, den Rosenstock, der daneben auf demselben Tische
steht, oder jenes Buch zu entfernen - ich wäre keine Sekunde
unschlüssig.
Und damit ist alles gesagt.

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Es ist kein Duft, keine Schönheit, keine zwingende Stimmung in
diesen Blättern. Oder nur so wenig davon, dass es im Gesamteindruck
untergeht.
Gehen wir denn immer noch in den Knabenschuhen des Individualismus,
wo man seine Eigenart nicht anders hervorzukehren

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weiß, als indem man seine Gegner spöttisch oder grob ankrakehlt
oder sich selber hochtönende Elogen[2] hält? Mir dünkt, eine wirkliche
große Eigenart redet nicht im Übermaß von sich selbst, sie
gibt vielmehr sich selbst; sie vergeudet sich nicht in öden Ausfällen
gegen Philistertum und dergl., sie sucht vielmehr in vornehmer

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Gelassenheit Werke zu schaffen, die, früher oder später, sich
geltend machen müssen . Das nenne ich eine edle Rache an dem
Unverstand der Masse nehmen, während jene fortwährende Ge-
reiztheit gegen den Philister[3] - selbst Philiströsität verrät. Gereiztheit
- das ist überhaupt der Grundcharakter der Sammlung. Entweder

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ist es die Bourgeoisie oder der Zar oder die amerikanische

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Justiz oder der Spielerprozeß oder Mirza Schaffy oder eine
Klatschbase oder ein Professor oder ein Kritiker, welcher für den
Dichter die Veranlassung ist, aufs hohe Roß zu steigen und dem
bezüglichen Opfer eine spöttische Fensterpromenade zu machen,

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wobei sich der Reiter meist ungemein satirisch vorkommt,
in Wirklichkeit jedoch gründlich langweilig ist.
Ja, der immer mehr in Mißachtung kommende Stiefbruder des
Dichters, der Kritiker - wenn man nämlich den Kritiker als den
Künstler ohne Arme definieren will - wird sogar mit einem polemischen

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Gedicht von neun Seiten bedacht -; als ob ein untauglicher
Rezensent sich dadurch beeinflussen ließe, und ein wahrhaft
befähigter deshalb sein lang erwogenes Urteil anders formulierte.

Wozu denn überhaupt noch ernste Diskussion, wenn der eine Teil

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in ablehnender Feindseligkeit verharrt?
Gehört Karl Henckell zu denen, die, ihrer Meinung nach, bereits
ausgelernt haben?
Ich glaube und hoffe es durchaus nicht: denn erstens verrät sein
Buch an vielen einzelnen Stellen wirkliches Dichtertum, und

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zweitens ist er selbst, wie nicht nur aus dem Epilog "Finis" zu
ersehen, des tendenziösen Tons herzlich satt. Sein "ca ira" ist so
schön, daß man nur den einen Schmerz empfindet, es in diesem
Werkchen noch nicht verwirklicht zu sehen. Es wäre ein Trauerfall
für die deutsche Literatur, wenn Karl Henckell sein fröhliches

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und formal nicht geringes Talent noch länger der wahren Poesie
entzöge und statt kleiner künstlerisch gebundener Bouquets noch
weiter solche achtlos zusammengeraffte Sträuße seinen Zeitgenossen
zuwürfe.
Die Basis aller Größe ist eine unerbittliche Selbstkritik, und gerade

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das ist das Kennzeichen des echten Dichters - wie überhaupt
jedes bedeutenden Menschen - daß er die Gesetze, die er von
keinem andern sich geben lassen will, in sich selber trägt, daß -
um mit Nietzsche zu reden - die Zucht zweier Jahrtausende an
ihm nicht spurlos vorübergegangen, sondern Fleisch und Blut geworden

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ist, so daß seine Freiheit nicht ein Raub, sondern ein

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Recht ist, das die Vergangenheit selbst als ihre reifste Frucht ihm
darreicht.
                                             *
Lieder wie "Arnold Böcklin", "Heimat", "Sternennacht", "Am
Waldesrand", "Rosentage", "Liebesreise", "Belvoir", "Liebesbriefe",
"Esperanza" fühlen sich einsam und bitten ihren Dichter
noch um recht viele Weg-Gefährten.

Christian Otto Morgenstern (Berlin).

 

 

Kritische Schriften:
Deutscher Geist | Sorauer Wochenblatt

Der Zuschauer: Zwischenspiel von Karl Henckell.Zürich, Schabelitz • Jugendstürme. Roman von Curt Grottewitz • Die namhaftesten deutschen Humoristen in der Gegenwart. Eine literaturgeschichtliche Studie von Dr. Adolph Kohut • Lava. Ein Jahr aus meinem Leben. S. Barinkay • Drei. Drama in drei Aufzügen von Max Dreyer • Die Eisenacher Zusammenkunft zur Förderung und Ausbreitung der ethischen Bewegung. • Antwort auf eine Zuschrift zu "Die Eisenacher Zusammenkunft..."Die FeigenblätterDer Kastl vom Hollerbräu. Roman von R. v. Seydlitz • Aus dem Leben. Von Carl Arno • Spaziergänge in der Heimat. Mit einem Anhang: Ausflüge in der Fremde. Von P. K. Rosegger • Im Sommersturm. Von Arthur von Wallpach • Berliner Neue Freie VolksbühneRudolph

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Karl Henckell
  2. Wikipedia:Eloge
  3. Wikipedia:Philister (Ästhetik)

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 27ff.