Vor 100 Jahren: Venus-Gedicht muss geschwärzt werden

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Zensur verbietet erotische Verse

Vor 100 Jahren: Venus-Gedicht muss geschwärzt werden / Richard Dehmel vor Gericht

MARLIES SCHNAIBEL

KREMMEN Dreißig erotische Gedichte stellte Richard Dehmel zusammen und veröffentlichte sie unter dem Titel "Die Verwandlungen der Venus". Das war 1907. Zu dem Zeitpunkt war der in Kremmen aufgewachsene Dehmel bereits ein berühmt-berüchtigter Mann, einer der bekanntesten Dichter Deutschlands. Die erotische Rhapsodie festigte seinen Ruhm.

In dem Band ist mit "Venus Consolatrix" ein Gedicht enthalten, das er einem früheren Band entnommen hatte. Dem elf Jahre zuvor erschienenen Buch "Weib und Welt". Seine Zeilen hatten damals für Aufsehen gesorgt, nicht nur in der literarischen Welt, sondern auch in der juristischen. Dehmel musste vor Gericht.

Aber so richtig dürfte sich Richard Dehmel über das Urteil des Berliner Landgerichts gar geärgert haben, denn es hatte ihn schlagartig bekannt gemacht. 1897 befanden nämlich die hohen Herren, den Mittelsatz besagten Dehmel-Gedichtes verbieten zu müssen. Nach dem Urteil des Gerichtes musste das Gedicht "Venus Consolatrix" nach der 24. Zeile überschwärzt, in neuen Auflagen unterbrochen worden. Statt dessen folgte in allen weiteren Veröffentlichungen eine amtliche Mitteilung: "Der Mittelsatz dieser Phantasie, der die sagenhaften Tugenden der Magdalenischen und Nazarenischen Maria in dem hier dargestellten weiblichen Wesen vereinigt zeigt, ist durch Urteil des Berliner Landgerichtes vom 30. August 1897 für unsittlich erklärt worden und darf daher öffentlich nicht mitgeteilt werden."

Zweiundzwanzig sündige Zeilen blieben dem Leser vor einhundert Jahren vorenthalten, ehe das Gedicht seinen erotischen Fortgang nahm.

Natürlich hatte der Dichter gegen diesen Fall von Literaturzensur protestiert. Zu seiner Verteidigung hatte er vor Gericht gerufen: "Meine Zeit kann mich dafür verurteilen, die Zukunft wird mich freisprechen."

Wie gesagt, so richtig geschadet hatte ihm das Urteil nicht, denn es machte ihn weithin bekannt. Er galt als populärster deutscher Schriftsteller seiner Zeit. Dehmel, der als Förstersohn in Kremmen aufgewachsen war, hatte nach seinem Studium als Sekretär im Verband der Privaten Deutschen Versicherungsgesellschaften gearbeitet, sich aber schon bald dem Leben der Boheme hingezogen gefühlt. 1895 hatte er den Versicherungsjob aufgegeben und hatte als freier Schriftsteller gelebt. Für einen Skandal war er bereits in jenen Jahren gut, lebte zeitweise in Polygamie, machte mit freizügigen Gedichten auf sich aufmerksam.

Die "Venus Consolatrix" floss dann in die Sammlung der Gedichte ein, die Dehmel 1907 unter dem Titel "Die Verwandlungen der Venus" herausgab. Dreißig erotische Gedichte, die von seiner Mitwelt unterschiedlich aufgenommen wurden: Venus Primitiva, Venus Madonna, Venus Excelsior, Venus Mystica, Venus Regina, Venus Perversa, Venus Fantasia . . . Für die einen war es Pornografie, für die anderen Kunst.

Christian Morgenstern schrieb in einem Artikel für "Zeitschrift für Literatur und Kunst" über Richard Dehmel: "Diese Verwandlungen der Venus sind – bei aller vielfältigen Unklarheit, die mehrere Stücke für mich noch nicht verloren haben – eine monumentale Schöpfung, eine in ihrer Kühnheit und Tiefsinnigkeit einzige dichterische Tat. Wer hier nur brennende Leidenschaft, rasende Sinnlichkeit sieht, sieht nicht genug. Er sieht nicht die mächtige Schöpferhand, die dem Chaos Ordnung abgewann." Und wie dichtet doch Dehmel selbst in seiner "Venus Mamma": "Dunkel ist der Zweck der Lüste."

Nun, die Mitwelt hat Dehmels Gedichte verschlungen, die Nachwelt hat ihn nahezu vergessen. In Antiquariaten sind seine Bücher heute zu haben, im Internet sind seine Gedichte zu finden. Ohne jede Zensur findet sich dort auch die gesamte blasphemische Venus Consolatrix. Mit so etwas würde sich heute wohl kein Gericht mehr befassen.[1]

Kommentar

siehe Gedicht Eine Threnodie auf den Doktor - nicht den Dichter - Dehmel, als ich seine neuen "Verwandlungen der Venus" gelesen und Text Richard Dehmel (Zeitschriftenartikel)

Venus Consolatrix (Richard Dehmel)

Fußnoten

  1. Quelle: Onlineausgabe der Märkischen Allgemeinen vom 9. Oktober 2007