Morgenstern am Abend

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Titel
Gert Fröbe, Morgenstern am Abend und Als wärs heut gewesen
Verlag, Erscheinungsjahr
Kein & Aber, 2003
Interpret
Wikipedia:Gert Fröbe
  • * 25. Februar 1913 in Oberplanitz bei Zwickau, † 5. September 1988 in München
  • kam als Bühnenbildner am Schauspielhaus Dresden zum Theater
  • Schauspielunterricht bei Erich Ponto
  • Theaterrollen in Wuppertal, Frankfurt, Wien
  • nach dem Krieg Kabarett "Simpl" in München
  • Filme:
    • Berliner Ballade - 1948
    • Es geschah am hellichten Tag - 1958
    • Via Mala - 1961
    • Goldfinger - 1965
    • Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten - 1965
    • Ludwig II. - 1972
Inhalt
Mit Gert Fröbes "Morgenstern am Abend" gab er 1973, zu seinem 60. Geburtstag, sein Debüt im Deutschen Fernsehn. Fröbe hatte sich die Aufzeichnung und Ausstrahlung seines Morgenstern-Abends im Mainzer "Unterhaus" vom ZDF als eine Art Geburtstagsgeschenk gewünscht: "Ich hatte einfach das Bedürfnis, die Werke des Dichters Christian Morgenstern so, wie ich sie seit Jahren immer wieder im kleinen Kreis zitiere, auch im Fernsehn vorzutragen." Die Fernsehausstrahlung wurde ein Riesenerfolg.
Co-Produktion ZDF/ORF, copyright ZDF 2003, 45 min
Fröbe wurde von dem Filmmusikkomponisten Hans-Martin Majewski

am Klavier begleitet. Dieser schrieb auch die Musik.

Zur gleichen Zeit gelangten bereits verschiedenste Verleger an Fröbe mit dem Wunsch, seine Memoiren veröffentlichen zu dürfen. Statt diese niederzuschreiben beschloss Fröbe jedoch, zunächst einmal auf der Bühne Stehgreifgeschichten aus seinem Leben zu erzählen und pantomimisch zu spielen. "Als wär's heut gewesen" hießen seine Erzählabende.
aufgezeichnet 1978 im schwimmenden Theater "Das Schiff" in Hamburg
Produktion der POLYPHON Film- und Fernseh GmbH, copyright Polyphon 1978, 45 min
interpretierte Gedichte
  1. Windgespräch
  2. Das Vermächtnis
  3. Das Huhn
  4. Möwenlied
  5. Es ist Nacht
  6. Schauder
  7. Anmutiger Vertrag
  8. Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst
  9. Fisches Nachtgesang
  10. Die Schildkrökröte
  11. Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid
  12. Die Flamme
  13. Meeresbrandung
  14. Laß sie Bomber bauen
Pressestimmen
Die Zeit:
"Gert Fröbe macht aus jedem Morgenstern-Gedicht eine geschliffene Pantomime, nein, ein ganzes Dramolett, ein Stück voll prallen, strotzenden Lebens."
Die Zeit:
"Gert Fröbe braucht weder Kostüm noch Requisit nochSchminke, er versetzt sich nicht nur in das Wesen von Tieren und skurrilen, imaginären Gestalten. Er kann, zum Beispiel, mit weit ausladenden Gesten das landfressende Meer darstellen, dass man bei diesen elementaren Wogen für die kleine Bühne bangt. Aber er kann auch ein Liebesgedicht sprechen: von Sentimentalität chemisch rein."
Fröbe über seine Leidenschaft für Morgenstern
Der Morgenstern erhellt die Finsternis
"Bunte Abende" hieß die Zauberformel gegen die Tristesse der Vorwährungsreformzeit. In Schliersee organisierten Werner Bochmann und ich die "Bunten Abende". Im Ortskino sang statt Zarah Leander die Frau eines Versicherungsdirektors und statt Johannes Heesters ein Schneidermeister, der es später mit seinem Tenor zu lokalem Ruhm brachte. Den Flügel hatten wir über holprige Waldwege mit einem Ochsengespann von einem Bergggipfel aus einer entlegenen Scheune geholt, wohin er "ausgelagert" worden war. Ich machte die Ansagen und trug solide Klassik vor. (...) Der Star der Abende war Werner Bochmann mit eigenen Melodien am Flügel.
Vom ersten Abend an waren unsere Vorstellungen ausverkauft. An Eintrittsgeld waren wir nur sehr bedingt interessiert. Was sollten wir mit Papierscheinen. Lebensmittel und Cigaretten waren gefragt.
Werner Bochmann hat sich zwei Jahrzehnte später später noch an unsere ersten Einnahmen erinnert: "Ein Kilo Würfelzucker und ein Liter Himbeersaft!" Was waren dagegen 100 Tapetenmark! (...)
Nach unseren "Bunten Abenden" verließen Werner Bochmann und ich immer als letzte das Kino in Schliersee. Vor uns lag noch ein Fußweg von gut einer Stunde bis zu seinem Haus. Auf einem dieser nachtmärsche blieb Werner plötzlich stehen und sagte ohne jede Einleitung: "Gert, du müsstest Morgenstern machen!"
"Wen?"
"Christian Morgenstern, du kennst doch seine Gedichte!"
Inzwischen war ich 36 geworden, aber von Morgenstern hatte ich nie etwas gehört. Werner und ich mögen gegen ein Uhr nachts in seinem Haus angekommen sein, sein erstes war, einen Band Morgenstern aus dem Bücherschrank zu angeln. Er hieß "Der Böhmische Jahrmarkt". Den drückte er mir in die Hand und befahl: "Ließ!" Dann ging er nach nebenan und fantasierte.
Ich blätterte in den Seiten, wie man eben in einem aufgenötigten Buch blätterte. Das erste, was im Inhaltsverzeichnis bei mir haften blieb, war die Überschrift "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst". Ich fand sie so ungewöhnlich, dass ich das Gedicht aufblätterte und zu lesen begann. (...)
Es war der erste Morgenstern-Text meines lebens. Er gefiel mir, gefiel mir auf Anhieb. Ich las ihn nochmal, formte dabei Lippen, Gesicht und Schultern, als wäre ich die Schnecke, die diese gedanken aussprach. Ich ging ins Nebenzimmer.
"Werner, hör mal zu!" Er drehte sich auf seinem Klavierschemel zu mir.
"Wie findest du das?" Ich legte das Buch mich, las und spielte dabei das "Gespräch einer hausschnecke mit sich selbst". Werner saß da und starrte mich an. Eine Ewigkeit. Jedenfalls kam es mir so vor.
"Gert, das ist es! So und nicht anders!"
Mehr sagte er nicht. Ich ging wieder in mein Zimmer und las weiter. Ungestört. Draußen im Mondschein standen ein paar Rehe auf der Lichtung, irgendwo lauerte sicher ein Dachs.
Als das erste Büchsenlicht dämmerte, hatte ich alles gelesen, was im "Böhmischen Jahrmark" stand.
Es war, als hätte ich gefunden, wonach ich schon immer insgeheim gesucht hatte.
Über Jahrzehnte ist die "Schnecke" eines der wichtigsten Gedichte bei meinen Abenden geblieben. Für mich, aber - wie ich zu wissen glaube - auch für mein Publikum. "Die schnecke" gehört zu meinem Stammrepertoire. Selbst wenn ich nur zwei, drei Morgenstern-Gedichte vortrage, ist "sie" immer dabei.
Des Morgensterns zweites Leuchten
Ein Gutes brachte die Probezeit mit dem "Schaubude"-Ensemble - ich hatte Walter Kiaulehn kenn gelernt, diesen hervorragenden Journalisten und Texter. Er wurde für mich zu einer Art kritischer Institution. Zu ihm ging ich in der Nacht nach meinem Bruch mit Schündler und sprach einige Morgenstern-Gedichte vor, weil ich wissen wollte, was er davon hielt.
Seinen Kommentar habe ich noch wortwörtlich im Ohr: "Was Sie da machen, ist ungewöhnlich, aber wenn Sie es so fühlen, dann ist das richtig, dann sollten Sie das auch so bringen. Denn das Publikum hat ein ganz sicheres Gefühl für das, was echt und persönlich ist." Walter Kiaulehn hat es nicht bei diesem nüchternen Urteil belassen, sondern einen Abend im "Schauspielerclub" veranstaltet, in dem er mich mit meinen Morgenstern-Interpretationen vorstellte.
Mein Gott, war das ein Abend" (...) Der Rahmen war denkbar primitiv: Wir trafen uns im Keller des ehemaligen Hotels "Continental" hinter dem "Regina"-Hotel. Der Keller war ungefähr das einzige, was von dem "Conti" übrig geblieben war. Die Amerikaner hatten uns weiße Farbe und Rattengift gestiftet, um den raum etwas ansehnlich zu machen. Auf harten Stühlen saß an diesem Abend, was damals von Film und Bühne in München war. (...) Mit deren Namen hätte man glatt jeden Klassiker erstklassig bestzen können: Maria Koppenhöfer, Paul Dahlke, Maria Niklisch, Richard Münch, Friedrich Domin, Robert Graf, Theo Lingen, auch ein großer Morgenstern-Kenner, Erich Kästner war da und - und - und. Kiaulehn sagte sinngemäß: "Wir von der schreibenden Zunft kommen uns vor wie die Astronomen. Wir gehen abends durch die Münchner Lokale und Theater und gucken, ob nicht irgendwo ein neuer Stern leuchtet. Manchmal glaubt man, einen neuen Stern gefunden zu haben, aber oft stellt er sich schon nach kurzer Zeit als Fixstern heraus, denn er ist fix wieder weg. Heute abend habe ich Sie hierher gebeten, damit Sie als Kollegen feststellen können, ob es sich bei diesem hieru m einen echten Stern handelt oder vielleicht doch nur um einen Fixstern"
Jedem vom Lampenfieber geschüttelten jungen Schauspieler muss eine solche Rede in die Beine fahren. Mir jedenfalls zitterten damals die Knie. Vor Schauspielern zu spielen, ist ganz etwas anderes als vor Publikum. Einerseits sind sie kritischer, andererseits erkennen sie bereitwilliger an, wenn einer etwas neues macht, das aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Etwas, das sie vielleicht auch hätten machen können, das ihnen aber nicht eingefallen ist.
An diesem Abend war das so. Eitel Wonne im ganzen Keller. ich hatte gesiegt. Arm in Arm mit Morgenstern. Es war meine erste Bestätigung durch die Fachwelt.
Wie ich mich verschwitzt, aber glücklich in eine Ecke zurückziehen wollte, kam einer der Schauspieler auf mich zu und drückte mir einen zusammgefalteten Brief in die Hand. Noch bevor ich fragen konnte, was es damit auf sich habe, erklärte er mit seiner immer leicht heiseren Stimme: "Pass mal auf, mein Junge, mit diesem Brief bittet mich die Universität München, in der Aula Morgenstern zu rezitieren. Ich trage ihn seit acht tagen mit mir herum, aber nach dem, was ich soeben gesehen und gehört habe, kann ich das nicht übernehmen. Ich gebe dir den Auftrag. Im übrigen - ich heiße Paul.", und damit reichte mir Paul Dahlke, den ich bewunderte, seit ich ihn in dem Film "Romanze in Moll" gesehen hatte, die Hand.
Texte entnommen dem Cover und dem Einleger der beschriebenen DVD
Abbildungen
Sehprobe
Windgespräch, wmv-Datei, 4,9 MB
Rezension der Hörbuchfassung
Dichter des Dadaismus haben sich auf Christian Morgenstern berufen, aber auch Exponenten der "Konkreten Poesie". Fraglos ein Prophet der literarischen Moderne. Doch dass er immer noch lebendig zu erleben ist, verdankt Morgenstern dem unvergessenen, begnadeten Mimen Gert Fröbe, der uns auf diesem Tonträger wieder begegnet.
Da haben sich die beiden Richtigen gefunden: Dichter und Interpret. Der Dichter: Christian Morgenstern, Protagonist der Berliner Caféhaus-Boheme an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Unsterblich durch seine skurril-phantastischen Verse, seine sprachkritischen Verzerrungen und Klangspiele. Der Schöpfer von Fabeltieren - wie dem "Nasobem" oder dem "Zwölf-Elf".
Darüber hinaus anerkannter Übersetzer von August Strindberg und Henrik Ibsen. Und keineswegs nebenbei Nietzsche-Enthusiast, der - parallel zu seinen Grotesken - zeitlebens ernste, melancholisch-meditative Gedichte geschrieben hat. Ein "mystischer Kobold", wie ihn der österreichische Sprachphilosoph Fritz Mauthner nannte.
Besondere Schatten
Dem gegenüber Morgensterns zeitlos grandiosester Interpret: Gert Fröbe. Darsteller vorzugsweise von Dunkelmännern, deren besondere Schatten er unnachahmlich herauszuarbeiten verstand. Filme wie "Das Mädchen Rosemarie", 1958 - es ging um die schräge Karriere der Prostituierten Nitribitt - oder "Goldfinger", 1964, "August der Starke", 1983 haben den vor zwölf Jahren verstorbenen Gert Fröbe zum Weltstar gemacht.
Wohl am ausdrucksstärksten aber manifestiert sich Fröbes komödiantische Leistung in seinen Leseabenden. Christian Morgenstern stand seit den frühesten Nachkriegstagen - als es noch kaum genug zu essen gab - an der Spitze von Fröbes Vortrags-Repertoire, in ungeheizten Kinosälen, vor heißen Zuhörer-Herzen.
Prophet der literarischen Moderne
Und noch Jahrzehnte später haben sie darauf schon gewartet, dass er Morgensterns Selbstgespräch einer Schnecke vortrug:
"Soll ich aus meinem Hause raus? / Soll ich aus meinem Hause nit raus? / Einen Schritt raus? / Lieber nit raus? / Hausenitraus - / Hauseraus / Hausenitraus / Hausenaus / Rauserauserauserause . . . / (Applaus.)"
Nur noch eine Probe aus dieser umwerfenden, soeben erschienenen CD: Das Gespräch in einem Gebirgskessel zwischen einem Sturm, der über ganz Europa fegt und einem kleinen Lokalwind.
"Hast nie die Welt gesehn? / Hammerfest - Wien - Athen? / Nein, ich kenne nur dies Tal, / bin nur so ein Lokalwind - / kennst du Kuntzens Tanzsaal? / Nein, Kind. / Servus! Muß davon! / Köln - Paris - Lissabon."
Dichter des Dadaismus haben sich auf Christian Morgenstern berufen, aber auch Exponenten der "Konkreten Poesie". Fraglos ein Prophet der literarischen Moderne. Doch dass er so lebt, wie Sie es eben hören konnten, verdankt Morgenstern dem unvergessenen, begnadeten Mimen Gert Fröbe, der uns auf diesem Tonträger wieder begegnet. Eine Sternstunde zweier Großer des zwanzigsten Jahrhunderts.
Gerhard W. Appeltauer
Quelle: http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,102120,00.html