Mädchentränen

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Die schönen, blauen Augen des Himmels
hängen voll trüber Nebelschleier,
und unter verstohlenen Schluchzern
strömen graue Güsse zur Erde nieder.

5

Auf traurigen Häuptern tragen die Bäume
das schwere Tränenweh, die Bäche
hetzen verstört sich talwärts, mürrisch
vermummt sich der Berg in weißer Wolle.

Und das alles?

10

Weil mit allzuglühender Lippe
der liebesrasende, ungestüme Sonnengott
des Morgenhimmels reine, kühle Mädchenunschuld
bestürmt und die tief errötende Geliebte
mit allzuversengenden Küssen

15

in ihrer jungfraustillen Seele
fassungslos aufgewühlt.
Wie ein Krampf packte die Leidenschaft
den überwältigten Herzensfrieden ...
Und all die verwirrten Gefühle

20

lösten und schütteten sich aus
in einem großen Weinen.

Mählig verebben die Seufzer.
Versöhnlicher, weicher wird das Herz.
Und schon sehe ich wieder ein halbes Lächeln,

25

ein warmes Winken
undämmbar aufdrängender Liebe
in den schönen, blauen Augen.

 

 

Lyrik | In Phantas Schloss
Dem Geiste Friedrich Nietzsches | Prolog | Auffahrt | Im Traum | Phantas Schloss | Sonnenaufgang | Wolkenspiele | Sonnenuntergang | Homo Imperator | Kosmogonie | Das Hohelied | Zwischen Weinen und Lachen | Im Tann | Der zertrümmerte Spiegel | Das Kreuz | Die Versuchung | Der Nachtwandler | Andre Zeiten, andre Drachen | Die Weide am Bach | Abenddämmerung | Augustnacht | Mädchentränen | Landregen | Der beleidigte Pan | Mondaufgang | Mondbilder | Erster Schnee | Talfahrt | Epilog


Kommentar

Erstdruck
In Phantas Schloss
Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 54f.