Im Traum

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Wer möcht am trägen Stoffe kleben,
dem Fittich ward zu Weltenflug!
Ich lobe mir den süßen Trug,
das heitre Spiel mit Welt und Leben.

5

In tausend Buntgewande steck ich,
was geistig, leiblich mich umschwebt;
in jedem Ding mich selbst entdeck ich:
nur der lebt Sich, der also lebt.

Mir ist, ich sei emporgestürmt

10

über stürzende Wasserfälle.
Mir engt's die Brust, um mich getürmt
ahn ich schützende Nebelwälle.
Aus dumpfen Regionen,
aus Welten von Zwergen,

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trieb's mich fort,
ob auf ragenden Bergen
ein besserer Ort
dem Freien, zu wohnen.

Es weht mir um die Stirne

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ein Hauch wie von Frauengewand ...
Folgte zum steilen Firne
mir wer aus dem Unterland?
Es beugt sich zu mir nieder
ein liebes, schönes Gesicht ...

25

Glaubst Du, ich kenne Dich nicht,
Sängerin meiner Lieder?
Du bist ja, wo ich bin,
mein bester Kamerade!
Bei Dir trifft mich kein Schade,

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meine Herzenskönigin!

"Du flohest aus Finsternissen,
mühsamen Mutes,
ich weiß es.
Du hast zerrissen

35

Dein Herz, Dein heißes,
und bei dem Leuchten Deines Blutes
bist Du den dunklen Pfad
weiter getreten,
bis Du mich fandest

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und mit tiefen Gebeten
mich an Dich bandest,
dass ich Dich liebgewann,
dem ringenden Mann
ein treuer Kamerad.

45

Du brachst uralte Ketten
und kamst heute Nacht
in mein Reich.
Ich will Dich betten
an meiner Brust

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warm und weich,
in Träumepracht
Deine Seele verzücken:
der ganzen Welt
Außen und Innen

55

sei Deinem Sinnen
preisgestellt.
Magst sie schmücken
mit lachender Lust,
magst sie tausendfach

60

deuten und taufen,
mit Berg und Wald,
mit Wiese und Bach,
mit Wolken und Winden,
mit Sternenhaufen

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Dein Spiel treiben,
Deinen Spaß finden;
brauchst nicht zu bleiben
an einem Ort;
magst die Welt

70

bis zu Ende laufen;
denn Hier oder Dort,
wo Du auch seist,
wo sich das Himmelszelt
über die Erde spannt:

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das sei Deinem Geist
Phantas Schloss genannt."

Schneller strömt des Blutes Fluss,
Wonne mich durchschauert,
auf meinen Lippen dauert

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sekundenlang Dein süßer Kuss.
Nun nimm mich ganz, und trage
mein Fragen mit Geduld!
Für alles, was ich nun sage,
trägst Du fortan die Schuld.

 

 

Lyrik | In Phantas Schloss
Dem Geiste Friedrich Nietzsches | Prolog | Auffahrt | Im Traum | Phantas Schloss | Sonnenaufgang | Wolkenspiele | Sonnenuntergang | Homo Imperator | Kosmogonie | Das Hohelied | Zwischen Weinen und Lachen | Im Tann | Der zertrümmerte Spiegel | Das Kreuz | Die Versuchung | Der Nachtwandler | Andre Zeiten, andre Drachen | Die Weide am Bach | Abenddämmerung | Augustnacht | Mädchentränen | Landregen | Der beleidigte Pan | Mondaufgang | Mondbilder | Erster Schnee | Talfahrt | Epilog


Kommentar

Erstdruck
In Phantas Schloss
Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 15ff.