Helene Fehdmer-Kayssler

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  • * 18. Januar 1872 in Königsberg, † 12. August 1939 in Eibsee, Bayern
  • Schauspielerin und Plastikerin (Wachsplastiken)
  • jüngstes Kind des Malers Georg Fehdmer und dessen Frau Wilhelmine, geb. Kulschitzki
  • Familie des Vaters aus Salzburg nach Preußen eingewandert
  • 20 Jahre ältere Schwester war Malerin, 4 Brüder ebenfalls Maler
  • zwei starben früh; der zweitälteste, Richard Fehdmer ist Landschaftsmaler und lebte in Berlin
  • Helene besuchte Schule in Berlin
  • wurde in Antwerpen konfirmiert, wohin die Eltern mit den Brüdern verzogen
  • schauspielerische Ausbildung in Köln, im Hause der Schwester
  • erstes Engagement Kurtheater in Wildbad 1891
  • es folgten Anfängerrollen am Lessingtheater Berlin, Gastspiel in Moskau und am Residenztheater Berlin
  • Wien, Theater in der Josefstadt, später Deutsches Volkstheater
  • 1901 - 1903 Trägerin des Spielplanes Trianontheater Berlin
  • 1904 beginnen tragische Rollen im Neuen Theater Berlin
  • 1905 Eheschließung mit Friedrich Kayssler (dessen zweite Frau)
  • Engagements in Berlin am Deutschen Theater, Hebbeltheater, Lessingtheater, Kleinen Theater, Theater in der Königgrätzer Str. bis 1917
  • dazwischen Gastspiele in Deutschland und Wien, während des Krieges in belgien
  • 1918 - 1923 Volksbühne Berlin
  • 1923 - 1930 Gastspielreisen im In- und Ausland
  • 1931 - 1936 Gastspiele am Staatstheater Berlin
  • letzter Auftritt Sommer 1936 während der Olympiade in "Ministerpräsident" von Wolfgang Goetz als Gräfin Bismarck
  • Mutter des Schauspielers Christian Kayssler
  • Ihr Ehemann Friedrich Kayssler schrieb ihrer Kunst zur Ehre ein Buch: Helene Fehdmer zum Gedächtnis, Rütten & Loenig Verlag Potsdam, 1942

Privatphotos

Schauspielerin

im Theater

1898
Thekla, Gläubiger, Strindberg Theater in der Josefstadt, Wien
1901 - 1904
Die Notbrücke
Die Liebesschaukel
Die glückliche Gilberte
Trianontheater Berlin
1904
Lola Montez, Morgenröte, Ruederer Neues Theater, Berlin
1905 - 1910
Maddeleine Salvière, Der verwundete Vogel, Capus
Liebesleute, Donnay
Alkmene, Amphitryon, Kleist
Olivia, Was ihr wollt, Shakespeare
Königin, Hamlet, Shakespeare
Goneril, Lear, Shakespeare
Klara Sang, Über unsere Kraft, Björnson
Deutsches Theater, Berlin
Karen, Tragödie der Liebe, Gunnar Heiberg Kleines Theater, Berlin
Prinzessin, Torquato Tasso Neues Schauspielhaus, Berlin
Ninon de l'Enclos, Ninon de l'Enclos, Freska Hebbeltheater, Berlin
1911 - 1915
Katharina, Spielereien einer Kaiserin, Dauthendey Theater i. d. Königgrätzer Str., Berlin
Maria Iwanowna, Und das Licht scheint in der Finsternis, Tolstoi Kleines Theater, Berlin
Fanny, Zeitenwende, Eulenberg Lessingtheater, Berlin
Halla, Bergeywind und sein Weib, Sigurjonsson Volksbühne Berlin
Margarete von Parma, Egmont, Schiller Deutsches Schauspielhaus, Berlin
1907 - 1915
Jekaterina Iwanowna, Jekaterina Iwanowna, Andrejew
Lady Cicely, Kapitän Brassbounds Bekehrung, Shaw
Tora Parsberg, Paul Lange und Tora Parsberg, Björnson
Die Dame, Nach Damaskus, Strindberg
Minna, Minna von Barnhelm
Klara Sang
Rhodope, Gyges und sein Ring,
Rebekka West, Rosmersholm
Lulu, Erdgeist, Wedekind
Gastspiele München, Wien usw.
1915 - 1917
Elisabeth, Götz von Berlichingen
Elisabeth, Maria Stuart
Gina, Wildente, Ibsen
Alkmene
Klara Sang
Tora Parsberg
Theater i. d. Königgrätzer Str., Berlin
1918 - 1923
Ljubow Andrejwna, Kirschgarten, Tschechow
Frau John, Ratten, Hauptmann
Gräfin Terzky, Wallensteins Tod
Hermione, Wintermärchen
Die Dame
Klara Sang
Tora Parsberg
Maria Iwanowna
Natalja Pawlowna, Die Lüge, Wynnytschenko
Volksbühne, Berlin
1923 - 1930
Die Dame
Klara Sang
Tora Parsberg
Maria Iwanowna
Rebekka West
Gastspiele Deutschland, Schweiz usw.
1932 - 1933
Klara Sang. Nach einem Gastspiel durch Deutschland und die Schweiz letzte Vorstellung Über unsere Kraft zur Feier von Björnsons 100. Geburtstag, April 1933 Komödie, Berlin
1931 - 1936
Frau Boll, Der blaue Boll, Barlach
Die Mutter, Musik, Carl Hauptmann
Deike Witten, Land in der Dämmerung, Blunck
Gräfin Bismarck, Ministerpräsident, Wolfgang Goetz
als Gast am Staatstheater, Berlin

im Film

  • Es gibt eine Frau, die dich niemals vergisst; Deutschland; 1930; Regie: Leo Mittler
  • Luise, Königin von Preußen; Deutschland; 1931; Regie: Carl Fröhlich
  • Eine von uns; Deutschland; 1932; Regie: Johannes Mayer
  • Das erste Recht des Kindes; 1932; Deutschland; Regie: Fritz Wendhausen
  • Der ewige Traum; 1933/34; Deutschland; Regie: Arnold Franck
  • Friesennot; 1935; Deutschland; Regie: Peter Hagen
  • Der Herrscher; 1936/37; Deutschland; Regie: Veit Harlan
  • Ballade. Die Prinzessin kehrt heim; 1938 Deutschland; Regie: Peter Hagen

Photos ihrer Rollen

Schaffen als Plastikerin

Über ihre Plastiken aus Wachs schreibt Friedrich Kayssler hier.

Helene Fehdmer zum Gedächtnis

Widmung, Vorwort und Nachwort aus dem Buch Friedrich Kaysslers

Widmung

Liebe, Freudigkeit, Güte, Vertrauen:
das waren ihre Kräfte. Aus ihnen schöpfte sie ihre Helle, das Licht, das sie brauchte:
das Element, von dem ihr Wesen und ihre Arbeit erfüllt ist, das sie Allen gab.

Vorwort

Dieses Buch ist geschrieben zum Gedächtnis der Künstlerin Helene Fehdmer. Ich als Künstler schreibe dieses Buch. Dass ich zugleich ihr Mann bin, macht mich nicht befangen. Im Gegenteil: ich habe als Einziger den Überblick über den gesamten Bogen ihrer Darstellungen vom Beginn ihres reifen Könnens bis zuletzt. Ich weiß um ihr Wesen und um die Zusammenhänge zwischen ihren einzelnen Darstellungen, und ich bin ihr Partner in so vielen Rollen gewesen, dass ich als seelischer Zeuge über eine Summe von Einzelzügen aussagen kann wie niemand sonst. Darum glaube ich, dass mir diese Aufgabe nicht nur zusteht, sondern dass ich zu ihr verpflichtet bin.

Ich habe gekämpft und mich gewissenhaft geprüft, bevor ich mich dazu entschloss. Jedem sind seine Aufgaben innerhalb bestimmter Zeit zugewiesen. Als meine wichtigste Aufgabe empfinde ich diese für den Rest meiner Zeit.

Ich schreibe das Buch für Diejenigen, die Helene Fehdmer lieben und verehren; die aus dem Zusammenhange der Darstellungen, die sie von ihr sahen, diejenige seelische Kraft von ihr empfangen haben, welche ich versuchen will als den Kern ihres künstlerischen Wesens zu deuten. Ich schreibe aber auch vor allem für Jüngere, die nicht aus der Erinnerung an sie schöpfen können, denen ich aber den Segen ihrer künstlerischen Kräfte in diesen Blättern erschließen möchte.

Wer über meine Berufenheit eine andere Ansicht hat, den bitte ich außerhalb des Leserkreises zu bleiben. Hier ist weder Wunsch noch Aufgabe zu überzeugen. Ein Anhauch der Weihe hat diesem Buche das Leben gegeben. Weihe muss auch den Kreis derer umschließen, die sich im Lesen dieser Seiten zusammenfinden. Wer nicht von innenher dazu kommt, bleibe außerhalb.

Bei jedem Künstler, dessen Arbeit seelische Nachwirkungen von Dauer ausströmt, ist nicht die Leistung als solche allein das Beglückende, das nachwirkt und befruchtet; es ist noch etwas über die Leistung hinaus, etwas aus seinem menschlichen Grundwesen, das durch die Leistung hindurchleuchtet, ohne dass der Künstler selbst davon weiß. Die Leistung selbst ist messbar, ihre Grenze ist das Gelingen. Das Unvergessliche ist ihre Aura, ein durchschimmerndes Persönliches aus dem Reiche des Unbewussten. Es hat darum Dauer, weil es aus dem Unbewussten stammend auch im Unbewussten erst wieder ganz empfangen wird, dort, wo jede Seele das Unverlierbare aufbewahrt und sich zu eigen macht. Bei Helene Fehdmer ist es ein Zwiefaches, das ihre Darstellung immer gab, wie und wo und wann es auch war. Sie spielte ein Menschenschicksal. Aber wie dieser Mensch auch litt und fiel und so in die Tiefe stürzte, daß der mitfühlende Empfangende in seiner Erschütterung nur noch Finsternis sah: immer entzündete sich im Innern ihrer Gestalten auf heimliche Weise ein Licht, das Weg und Sicherheit gab trotz dichtester Finsternis. Der Grundzug ihres Wesens, das unbeirrbare Vertrauen in das Gute auf dem Grund aller Dinge, konnte nicht anders, es musste auch in dem trostlosesten Dunkel einer Menschenseele trotz allem und allem immer noch das Helle verkünden, das dennoch da ist, auch wenn Augen es nicht sehen.

Der ewige Widerspruch im Menschen, das Geheimnis der leisen Pendelbewegung, die in jeder Menschenseele unablässig schwingt; das Wissen darum, daß neben einem noch so düsteren äußeren Leben immer die tröstende Möglichkeit innerer Klarheit steht:
diese Wahrheiten waren ihrem Wesen als selbstverständlich vertraut; nicht wie mühsames Erkennen, sondern wie angeborenes Gut; sie schwangen mit in jedem künstlerischen Impuls. Die unendlich weichen Übergänge im Ausdruck ihrer Gesichtszüge, die schwebende Zartheit ihrer Stimme auf dem Grunde einer ruhigen Kraft waren wie eine heitere zuversichtliche Bestätigung dafür. Ein Blick in ihre immer bewegten Züge, ein Klang ihrer immer im Schweben begriffenen Stimme erinnerte an die einfache, alte Weisheit, dass Kunst sich nicht in feste Konturen bannen lässt, dass ihr Urwesen unablässig strömende Bewegung ist, hinter deren ewigem Wechsel wie hinter einem Schleier wir den Sinn ahnen, nach dem wir uns sehnen.

Eine besondere stille Liebe von ihr war das stumme Spiel. In Pausen zwischen den Worten stumm auf der Bühne zu sein, zuzuhören, scheinbar achtlos, mit irgendetwas beschäftigt und doch im Tiefsten mitfühlend in der Handlung verwoben, nicht gebunden durch festumrissene Worte, gleichsam in der Schwebe zwischen den Worten einmal vorübergehend einfach nur da zu sein: war ihr künstlerisches Entzücken.

Wie oft war ich dabei, wenn Regisseure ihr dankten, weil sie aus ihrem Dasein und stummen Mitleben heraus Anordnungen vorwegnahm und alles das Äußere selbstverständlich tat, was getan werden musste, bevor die Regie dazu kam, es erst anzuordnen. Sie konnte solchen Dank nicht begreifen und lachte. Es wäre ihrer künstlerischen Natur unmöglich gewesen, gewissermaßen im Wortlosen auszuruhen, sich außerhalb zu stellen und Anordnungen abzuwarten, wo das stumme Leben der Handlung alles von selbst ergab.

Mancher Laie ist vielleicht erstaunt, daß ich so etwas erwähne. Der künstlerische Mensch, auch wenn er nicht selbst Kunst ausübt, wird tief verstehen. Ihr ganzes Wesen wurde von Natur eins mit der Atmosphäre der Kunst, sobald es sie nur berührte; sobald sie die Bühne betrat, stand sie innerhalb, war da, tiefer als Worte sagen konnten, und hielt durch, auch während sie nicht auf der Szene sichtbar war. Eines der stärksten Beispiele dafür war Klara Sang in Über unsere Kraft: sie sank am Schlusse des großen ersten Aktes in ihren tiefen Schlaf und blieb während des ganzen zweiten Aktes unsichtbar gegenwärtig durch alles hindurch, was währenddessen zwischen anderen Menschen auf der Bühne geschah, bis sie am Ende des Aktes sichtbar wandelnd wieder in der Tür erschien.

Seit den Jahren ihrer künstlerischen Reife trug sie den unerfüllt gebliebenen Wunsch in sich, Regie zu führen. Unter vielem Anderen hätte sie leidenschaftlich gern Gesellschaften inszeniert; hätte ein scheinbar verworrenes Durcheinander von Menschen so in Bewegung setzen mögen, daß das scheinbar zufällige, das chaotische In- und Durcheinandergleiten des Vielerlei erhalten bliebe, dass darin aber unmerklich die Einzelerscheinungen sich offenbarten und frei würden, um dann wieder unterzutauchen im Gewoge des Ganzen; wie es der eben Eintretende als Gesellschaft wahrnimmt.

Immer wieder war es das geheimnisvolle Gesetz der Bewegung, das sie beschäftigte.

Für eine Veranlagung solcher Art wäre ein Leben während vieler Jahre in der Geborgenheit eines wahrhaften Ensembles die ideale Arbeitswelt gewesen. Dieser meist vergebliche Traum aller echten Künstler blieb auch ihr unerfüllt. Aber nicht einmal der äußeren Form nach war ihr eine bleibende künstlerische Heimat vergönnt. Manche ihrer Berufserfahrungen hätten sie bitter machen können. Aber sie kannte Bitterkeit nicht. Tief in ihrem Innern stand eine herrliche Gelassenheit da, die sich in Demut neigte vor der freundlichen Macht, die sie mit Kunst gesegnet hatte, die aber stolz von sich abgleiten ließ, was sich an Enttäuschungen herantasten wollte. Sie wusste, wer sie war, und wem sie dieses Sein zu danken hatte; Menschen konnten nichts nehmen und geben.
Ganz so war auch ihre innere Haltung innerhalb der dämonischen Sphäre des Premieren-Getriebes. Aufgeregt habe ich sie gesehen, aber niemals in Angst vor dem, was eine Premiere bringen könnte. Was kann wohl geschehen, wenn ich ihnen nicht gefalle ? war ihre lächelnde Frage. Würde und innere Haltung haben sie nie verlassen. Sie kannte nicht die schülerhafte Furcht vor einer eingebildeten Entscheidung", die ein einziger Abend bringen könnte.
Nur das Ganze schien ihr wichtig: die Würde der Kunst, ihr eigenes künstlerisches Wachstum, ihr Können, ihr künstlerisches Gewissen.

Es war nicht nur für sie selbst ein Verlust, daß sie auf lange Dauer die Geborgenheit eines wahren Ensembles nicht fand. Denn sie war eine geborene Kameradin aus vollem und reinem Herzen. Neidlos und dankbar genoss sie reine Kunst, wo sie ihr begegnete. Wo sie in eine Arbeitswelt eintrat, schwiegen Missmut und Unfreude. Arbeitsfreudigkeit und Harmonie kamen mit ihr zur Tür herein; sie schlug Brücken, wo keine waren und schuf heiteren Sinn und arglose Gesichter. Weil sie selbst arglos war. Sie kam voll Vertrauen, aber sie vertraute nicht blind. Sie kannte die Menschen und nahm sie wie sie sind. Aber sie besaß ein Zaubermittel: Höflichkeit des Herzens. Jeder Fremdeste fühlte sich sofort voll geachtet, aber durch nichts verpflichtet. Die Sonne ihrer Fröhlichkeit, die unbeirrbare Sicherheit ihres Glaubens an alles, was guten Willens war, ihr unbesiegbarer Humor überstrahlten alles Trübe und Dunkle. Ich habe nie einen freundlicheren Menschen gesehen als sie, der so ernst sein konnte wie sie.

Und wie hat sie gerade die einfachsten Menschen in ihrem Wesen verstanden und heimlich liebevoll beobachtet. Viele Arbeiter habe ich gekannt, die ihr durch Jahrzehnte Dankbarkeit bewahrt haben. Für ein verstehendes Wort, für ein gutes Gespräch. Das Wort Herablassung kannte sie nicht. Sie war Mensch bis auf den Grund.

Oft, in den finstersten Tagen der zwanziger Jahre, die unser Land durchleben musste, blieb sie plötzlich auf der Straße stehen und starrte mit Tränen der Erschütterung einem verwahrlosten jungen Menschen nach, in dessen verschlossenem Ausdruck sie den Funken einer in Verschüttung erstickenden Seele zu spüren glaubte. Monatelang konnte solch ein im Halbdunkel einer Straßenmündung vorübergleitendes Gesicht ihr nachgehen in dem Gedanken, dass da ein rettungslos Verlassener in die Nacht untertauchte, wo vielleicht nur noch Verbrechen als Zuflucht blieb. Ihre Seele, die vom Licht kam, ertrug es schwer, dass junge Seelen versinken mußten, ohne vom Schimmer erweckenden Lichts erreicht worden zu sein.

Ihre Herzenshöflichkeit feierte ihren künstlerischen Triumph in einem heiteren Zwischenspiel mitten zwischen der Tragik schwerster Erschütterungen wie der Jekaterina Iwanowna"und der Tora Parsberg: als Lady Cicely in Shaw's Brassbounds Bekehrung. Eine freundliche Frauenhand wischte da mit einer leichten gütigen Bewegung allen Staub der Satire von dem Tisch dieser Komödie fort bis auf den kleinsten Rest kalter Ironie. Aber ein Frauenherz tat sich auf und neigte sich höflich zu einer Handvoll Halunken, so dass sie halb durch Humor halb durch Güte bezwungen wohl oder übel zu Menschen wurden. Und alles ohne viel Aufhebens, leicht, nebenbei, wie ein Streifchen Sonne und ein kleiner, erquickender Seewind es tun. Wenn man die Leichtigkeit bewunderte, mit der sie gerade die

Stellen köstlichsten Humors scheinbar achtlos fallen ließ und eben dadurch gerade ins rechte Licht hob, erinnerte sie sich dankbar der Zeit ihrer ersten künstlerischen Reife, wo sie im Berliner Trianon-Theater einige Jahre lang alleinige Trägerin des Spielplans gewesen war. Man hatte sie vielfach bedauert, dass sie dort tagtäglich ihre zum Tragischen neigende Gestaltungskraft an französische Salonstücke hätte verschwenden müssen. Aber sie lächelte immer und meinte, es sei für sie eine heilsame künstlerische Erziehung gewesen. Sie habe das Glück gehabt, dort Stücke zwar leichter Art, aber nur von echter Grazie anzutreffen. Es sei sehr schwer gewesen, Wochen hindurch täglich dasselbe zu spielen; aber diese Pflicht habe sie gelehrt, sich zu eiserner Disziplin zu erziehen; sie habe gelernt, täglich nicht einfach zu wiederholen, sondern täglich neue künstlerische Wege zu gehen. Und gerade diese tägliche Übung, im Gebiete leichtbewegten Dialoges dauernd neue Varianten zu finden, habe ihre Zunge gelöst zu jener Leichtigkeit, die Wichtiges scheinbar fallen lässt anstatt ihm Gewicht zu geben und es eben gerade dadurch im Abgleiten ans rechte Licht hebt.

Ich will in diesem Buche versuchen, nicht über sie zu schreiben, wie es ein Dritter tun könnte. Ich will leise eine Tür öffnen, durch die sie hereintritt und vor Auge und Ohr des Lesers die Gestalten noch einmal spielt, die ich in diesen Blättern festhalten möchte. Ich will gleichsam selbst nichts sagen, nur still beiseite stehen und hindeuten: so war es. Wie sie dem Auge und Ohr erschien, in Gestalt und Stimme. Ihren Namen wieder und wieder zu nennen, wird so nicht mehr nötig sein. Dann wird von selbst ihre Seele sprechen, um derentwillen dieses Buch erscheint. Um die Umwelt ihrer Gestalten, den Gang einer Handlung anzudeuten, wird das einfachste Mittel das beste sein: nicht zu umschreiben, sondern den Dialog selbst im Abriss sprechen zu lassen, soweit er nötig ist.

Die Auswahl der Darstellungen ist nicht willkürlich. Sie ist bestimmt durch ein gemeinsames, wie ich schon andeutete, das sich wie eine lichte Bahn durch sie hindurchzieht und sie alle zu einem einzigen inneren Bilde sammelt.

Unendlich viel Dank ist ihr im Leben und im Tode zuteil geworden von Menschen, die dieses innere Bild in ihren Darstellungen geliebt und in sich aufbewahrt haben, denen das zuversichtliche heitere Licht, das sie in sich trug, Segen und Kraft gegeben hat.

Wenn der Vorhang nach dem letzten Akt fiel, empfand sie es als schönstes Zeichen des Dankes, wenn, wie es nach Über unsere Kraftmeistens geschah, die Menschen lautlos itzen blieben. Entweder verharrten sie lange so, erhoben sich endlich still und gingen dann ebenso lautlos auseinander. Oder sie erwachten erst nach der langen Stille der Entrückung zum Beifall. Das war würdiger Dank.

Die tiefste Beglückung durch Dank aber empfing sie auf folgende Weise.

In München schrieb ihr nach der Darstellung der Jekaterina Iwanowna ein Psychiater einen Brief: er habe seit Monaten einem Falle von tiefer Schwermut nicht beikommen können. Seit er sie als Jekaterina auf der Bühne gesehen, habe ihn der Gedanke nicht ruhen lassen, er müsse seiner Patientin diese Jekaterina auf der Bühne zeigen. Zuerst sei es ihm wie ein Wahnsinn erschienen, diesen Abstieg eines Frauenlebens in einen scheinbaren Abgrund einer seelisch Kranken vorzuführen; aber immer wieder meldete sich sein erster Impuls: dass in dieser Darstellung nicht der sichtbare Niedergang entscheide, sondern der unsichtbare Aufstieg, daß hier die Seele das Reinigende sein müsse. Und endlich habe er sich entschlossen, den Versuch zu wagen. Die Kranke habe Jekaterina gesehen und gäbe ihm seit diesem Abend einen möglichen Weg zur Heilung. Arzt und Patientin dankten der Künstlerin; aber die tiefste Demut der Dankbarkeit durchlebte sie selbst für sich allein. Reich war der Dank, den sie erfuhr, im Gebiete des Seelischen für das, was sie mit letzter Hingabe ihrer Seele Menschen gegeben hat.

Von ihrem Beruf selbst hat sie mehr Undank als Dank erfahren. Nicht einmal nach einem ganzen Leben solchen künstlerischen Reichtums wurde ihr während der reifsten letzten Jahre eine künstlerische Heimat zuteil.

Aber sie bedurfte ihrer nicht, wie Alle eine äußere Heimat entbehren können, die ihre innere in sich tragen.

Ich möchte das Buch nicht beginnen, ohne ein Wort aus einem Briefe an diese Stelle zu setzen, aus der Mitte Derer, die ihrer Kunst im tiefsten Herzen Liebe bewahren:

"Ich erinnere mich der vielen, vielen Tage, die ich zubrachte in Gedanken an den kommenden Abend, der mich ins Theater führen sollte, wie ich alles von mir forttat, was unruhig und zerstreut machen könnte. Dann saß ich vorm geschlossenen Vorhang ein wenig scheu, ein wenig zweifelnd, ob ich ganz vorbereitet war, um klar und rein aufzunehmen, was sie so unbeschreiblich klar und rein gab, aus der tiefen Wahrhaftigkeit heraus, durch die sie ,das Gottesbild im Menschenbild' erahnen lassen konnte."

Nachwort

Bevor dieses Buch seinem Ende zugeht, sollen den Gestalten ihrer Darstellungen, die von ihrem inneren Wesen Zeugnis gaben, jetzt Abbildungen folgen von solchen Gestalten, die ihre Hände geformt haben, von Plastiken aus Wachs. Ohne technische Schulung fühlte sie sich eines Tages auf einer Reise plötzlich zu der ersten dieser Arbeiten und insbesondere zu diesem eigenartig lebendigen, durchscheinend beschaffenen Material gedrängt. Mit primitiven Hilfsmitteln, wie Haarnadeln, begann sie die ersten Versuche, das leicht sich härtende widerstrebende Wachs ängstlich an der Lampe immer wieder erwärmend. Bald erkannte sie, welcher Weg ihr für diese Art von Arbeit gegeben war. Jeder Versuch, den Mangel chulmäßiger Ausbildung durch Zuhilfenahme äußerer Anschauungsmittel wie Modell oder Gliederfigur auszugleichen,blieb vergeblich. Allein aus ihrer inneren Anschauung her, aus dem inneren Wissen ihres eigenen Körpers heraus konnten ihre Hände den Weg finden, den sie suchte. Im Vorwort wurde davon gesprochen, dass die unendlich weichen Übergänge im Ausdruck ihrer Gesichtszüge, der Klang ihrer immer im Schweben begriffenen Stimme daran erinnerten, dass das Urwesen aller Kunst unablässig strömende Bewegung ist. Dieses Element der Bewegung ist auch das innerste Wesen dieser Wachsgestalten. Immer war es die Bewegung, das von innen und außenher Bewegte, was sie ergriff und beschäftigte: das unauslöschliche Sinn-Bild und In-Bild alles ewigen Lebens, des sichtbaren und unsichtbaren.

Auf geheimnisvolle Weise haben diese kleinen Wachsgeschöpfe ihr Leben aus derselben Quelle, aus der die Darstellerin ihre Menschengestalten speiste. Aus ihnen allen spricht dasselbe Grundwesen des einen Menschen. Und so sind auch die Wachsgeschöpfe ohne hörbare Sprache nicht stumm. Sie sprechen zu Allen, die Liebe haben, sie von innenher zu betrachten wie sie von innenher entstanden sind, dieselbe Sprache, die das Innere dieses ganzen Buches, kraft seines Urbilds, erfüllt: die Sprache der Seele.


Quelle

Friedrich Kayssler, Helene Fehdmer zum Gedächtnis, Rütten & Loenig Verlag Potsdam, 1942