Gesang II

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15.
September rauscht, die Blätter wehn und wischen
gleich Schleppen unsichtbarer Windgespenster,

115

die Wolken jagen, und die Dächer zischen,
und Guß auf Guß versehrt die grauen Fenster.
Vor Tagen kreuzt' ich noch in ruhiger Jolle
der nahen Müggel leicht bewegt Gewässer,
doch gestern die Regatta ward schon nässer,

120

und manche Yacht fiel kenternd aus der Rolle.


16.
Oh sonderbarer See, wie ich dich liebe!
So nüchtern auch der Ort an deinem Ufer,
er war doch immer schön genug als Rufer
aus dieser Stadt verwirrendem Getriebe.

125

Du See so hehrer Sonnenuntergänge
mit deinem Flutspiel ruhlos-umgestaltig,
mit deiner Kiefernforsten bronzner Strenge,
mit deinen Nächten lieblich und gewaltig.


17.
Wie hab ich oft des Mondes Feerien

130

vom Altan aus beträumt auf deinem Spiegel,
indes von ferne drüben Raben schrien,
und welchen Friedens war sein Silber Siegel!
Und blieb er fort und stand das Nachtgewände
voll glühnder Welten ohne Zahl und Namen,

135

wie reich und elend dehnt' ich da die Hände
empor oft nach dem unermeßnen Samen!


18.
Und hier - wie lernt' ich hier die Welt verachten,
mit ihrem hier und dort und heut und morgen,
mit ihren großen Worten, kleinen Sorgen,

140

und wie unmöglich ein gemeinsam Trachten.
Ich sah im Geist der Hauptstadt planlos Leben,
dem allerorten mangeln rechte Meister,
da ist kein Einheitsbau von großem Streben,
nur ein Asyl für obdachlose Geister.


19.

145

Was ist, darum ihr so viel Hände reget?
Wo liegt das Ziel, das eure Arbeit adle?
Wie heißt die Sehnsucht, die euch tief beweget?
Wen setzt ihr euch, daß er euch lob' und tadle?
Was sind die Grundgefühle eurer Herzen -

150

und dienen sie aus ganzer Lust der Erde -
und wissen um Kultur, und wie sie werde, -
und dürsten sie nach Schönheit unter Schmerzen?


20.
Ach Lieber, der so schön am Schreibtisch spricht,
du glaubst, wir hätten Zeit zu solchen Dingen?

155

Die Pferdebahn, die Stadtbahn warten nicht, -
doch möchtest du es nicht der "Zukunft" bringen?
Gedichte lesen sich nicht gut, hingegen
vermag uns dort ein witziger Erguß
vielleicht zu manchem Guten anzuregen -

160

entschuldige, da kommt der Omnibus!


21.
September heult und rüttelt an den Scheiben,
wie kurz vorher der März die Gassen fegte
und durch sein tolles ungestümes Treiben
mir Herz und Hirn empörerisch erregte.

165

Man eilte Willehalm für Moltkes Siege
inmitten wilder Löwen aufzutürmen.
Ich aber flog, womit ich immer fliege,
ein breiter Adler mit den freien Stürmen.


22.
Und sah der Wimpel bunten Wirrwarr flattern,

170

auf Pforten des Triumphs die schwarzweißroten
und andre auf den Gräbern kühner Toten,
mir war, als hörte ich Gewehre knattern.
Und wie von Tränen dunkel ward mir alles -
von Tränen sagt' ich? nein! von Lachen, Lachen,

175

wie auch in Staats- (nicht nur privaten) Sachen
mein Volk sich reif benimmt gegebnen Falles.


23.
Mein Deutschland, ja, nun stehst du auf dem Gipfel,
und deine schöne Seele heißt Berlin;
verschwunden ist dein Michelzopf und -zipfel

180

(daß er dem Pickelhelm zum Polster dien').
Er tanzt dir nicht wie einst mehr um die Ohren,
wenn jäh zu Boden deine Stirn geflohn,
wie anders nun, die Spitze einzubohren
vor dem, dem dies condicio sin' qua non!


24.

185

"Schon wieder müßen wir dich, Bester, mahnen,
doch dieses Mal mit ganz ergebner Frage:
Warum, wenn Stadt und Volk dir so zur Klage -
warum dann wandelst du nicht andre Bahnen?
Man druckte doch, wenn wir uns recht besinnen,

190

du wärst gewandt im lyrischen Gedicht, -
es gibt so viele Gretchen anzuminnen!
Wir brauchen dich bei Gott und Teufel nicht!"


25.
Ja, ja, ihr habt nicht unrecht, und wer weiß es,
ob ich, gebunden nicht an diese Stätte,

195

die Kraft' und Mittel langen Jugendfleißes
nicht beßren Stoffen zugewendet hätte.
Jedoch, hier bin ich nun einmal und stehe
und wage für mein freies Wort die Knochen
und glaube, daß ich kaum vom Platze gehe,

200

eh daß sich Hass und Liebe nicht gerochen.


26.
Ihr wißt ja nicht, wie Gram und Hoffen streitet
in einem Herzen, das da recht betrachtet,
wie reich das Schiff der Gegenwart gefrachtet,
und doch wie trag und festelos es gleitet.

205

Oh nicht so einfach mit Entweder-Oder
ist diese Zeit dem Fühlenden zu richten!
Von Keimen grünt es zwischen Schutt und Moder,
doch eben der kann stündlich sie vernichten.


27.
Hier staubt und stinkt es aus vergilbten Akten

210

zum Spott gewordner Überlieferungen,
dort geilt der Pöbel nach dem freien Nackten,
und was er preist, besudeln seine Zungen.
Und so bedroht von Pöbel oben, unten,
zu Seiten, vorne, hinten, gestern, heute,

215

erglimmen, ach nur allzuleichte Beute,
der neuen Kämpfe blutgetränkte Lunten.


28.
September peitscht den greisen Sommer nieder -
und du, mein Herz, du magst noch hoffen, glauben?
Nun ja, es kommen doch die Vögel wieder,

220

und wieder wird der Frühlung uns umlauben.
Wie oft mich auch der Zweifel unterwühle,
und schwerer Sinn mir Kraft und Mut begrenze,
das bürgt den Lenz mir, daß ich, ich ihn fühle!
Ich bin ja selbst ein Stück von diesem Lenze.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 454ff.