Gesang I

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1.
Wie oft der Großstadt mächtige Gemälde -
wenn Rauch und Dunst, der Dämmerung gegattet,
die Abendglut den lauten Gassen schattet -
wenn falbem Gelb und stumpfem Rot die Zinnen

5

getürmter Bauten grau hinüberrinnen - -
Wie oft der Großstadt mächtige Gemälde
mit rauhem Zauber mein Gemüt umspinnen!
Am meisten aber, wenn der Tag sein Licht bestattet.


2.
Wenn dann vom steingewölbten Damm getragen

10

der Züge lichte Reihn die Stadt durchstampfen,
den Fluß auf langen Brücken überjagen,
der Hallen Bogenlampen unterdampfen,
empfangend nun des Abends müde Menge
und nun nach ihren Orten sie verteilend,

15

nach Regeln einer unsichtbaren Strenge
in festen Fristen hin und wider eilend...!


3.
Du wanderst durch die volkerfüllten Gassen;
das Dunkel mischt und mildert alle Risse;
du liebst den großen Strom auf Ungewisse

20

und magst dich gerne von ihm treiben lassen.
Die Fenster prahlen tausend Siebensachen,
ein jedes findet seine eignen Pächter;
und allzu viele bleiben nicht Verächter,
erschließt sich einer Schenke schmucker Rachen.


4.

25

Die Menge stockt... das Pflaster dröhnt und zittert...
Es stürmen an hochspringende Gespanne,
als ob ein Zug Geschütz herangewittert,
und auf den Wagen drängt sich Mann an Manne;
die Schellen gellen ihre langen Rufe,

30

die Brunst der Fackeln loht zurück im Sturme...
Zur Ferne hallen schnell die treuen Hufe,
und schaurig klagt das Brandsignal vom Turme...


5.
- O nein, Ihr Schirmchen hat mich nicht belästigt,
mein liebes Fräulen! Zwar es traf mein Herz

35

und hatte sich schon völlig - ohne Scherz! -
mit seinen Widerhaken drin befestigt.
Mir scheint, der Stock ist einst ein Pfeil gewesen,
dieweil er solche Liebeswunden sticht -
oh helfen Sie mir wieder zu genesen! -

40

Mein Gott, was machen Sie für ein Gesicht!


6.
Da will ich lieber ins Theater treten,
wo mancher Mensch sich wohl erträglich macht,
indem er nach der Vorschrift des Poeten
einhergeht, redet, stumm ist, weint und lacht.

45

Man kam' vielleicht zum idealsten Ziele,
wenn man gleich Dramen schrieb' für ganze Städte,
drin dann ein jeder seine Rolle hätte -
und wehe dem, der aus der Rolle fiele!


7.
Doch laßt uns an Probleme nichts verzetteln,

50

auf die bei Patzenhofer nicht noch Tucher
(was meint des Pilsner redlicher Versucher?)
noch auch bei Pschorr - vielleicht jedoch bei Spaten? -
vom Weltgeist eine Antwort zu erbetteln, -
es sei denn, daß, wer recht vom Geist beraten,

55

den siebten Bier-Stock auf den sechsten türmte
und gleichsam so den Gott mit Seideln stürmte.


8.
Erkenn ich recht? wie geht es? "Nun, es geht so;
ich hab heut vierzehn Feuilletons geschrieben,
nun muß ich ins Cafe, danach zu Bötzow,

60

zum Schlusse will man noch ein Mädchen lieben,
dazwischen aber - hätt' ich bald vergessen -:
Man gibt ja 'Faust' in neuer Zubereitung!
Da kann man wieder erst um zwölf Uhr essen -
ach Freund, man ist ein Opfer seiner Zeitung!"


9.

65

So wandre ich dem Zufall hingegeben
die lange schmale Straße auf und nieder;
du siehst bei Tag und Nacht sie bunt beleben
der Dirnenhüte nickende Gefieder.
Hier findest die Modelle du der "Jugend",

70

hier wird das "Simplicissimum" verstanden,
hier sieh der Großstadt wahres Leben branden
in umgewerteter neudeutscher Tugend.


10.
Doch andres siehst du lieber? Oh so sende
den Blick empor den starren Häuserfluchten,

75

und sieh - wie über bergige Gewände -
den Mond sich rot aus schwarzen Wolken wuchten:
So furcht ein goldner Wikingbug, indessen
sich in der Tiefe blaue Klippen bäumen -
doch ach! ich habe die Kritik vergessen,

80

nur Pierrot Lunaire darf also träumen.


11.
Nun ja, die Kritiker sind meist Semiten
und diese wieder starke Nachempfinder,
als eigne Künstler meistens andrer Kinder,
und so voll Mißtraun gegen jeden Dritten.

85

Ich höre schon den klugen Chorus leiren
"Das Rätsel seines Könnens ist sein Kennen;
er sog sich voll wie Liliencron an Byron."
Und Michel wird zudem mich undeutsch nennen.


12.
Dagegen nun versichr' ich frank und bieder,

90

daß ich "Don Juan" viertels nur gelesen
und mehr als "Poggfred" schätze Detlevs Lieder,
bin überhaupt ein Buchwurm nie gewesen.
Ein Buch nur war's, das ewig mich ergetzte:
die grandiose Narrensymphonie,

95

die Partitur des Schicksals-Potpourri,
die sich ein Gott aus unsern Köpfen setzte.


13.
Wie wär's, wenn ich der Chiffren dieses Buches
ein Seitlein nachzureimen mich erkühnte,
obzwar gewiß, daß mehr mir Grolls und Fluches

100

als Danks und schnellen Ruhms daraus ergrünte! ?
Wie wär's, dem Moloch in den Schlund zu stieren,
so unästhetisch das auch manchmal ist,
dem Moloch Großstadt, der so viele frißt,
ein wenig in die Zähne zu spazieren?! ......


14.

105

Die große Straße hab' ich längst gemieden
und gehe heim, es ist schon spät geworden;
der Mond liegt voll auf meinen Bücherborden...
Oh Heinrich, hätt ich deiner Sprache Frieden!
Oh Miguel, daß ich Sanchos Weisheit hätte!

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Oh Francois, war' ich fromm und sanft wie du!
Oh Laurence, deine Einfalt gib dazu! -
So betend leg ich friedlich mich zu Bette.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 450ff.