Fritz Büchtger - Münchens aktivster Musikbeweger

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Zum 100. Geburtstag des Komponisten


von Gabriele E. Meyer*

Am 14. Februar 2003 fand in der Hochschule für Musik und Theater ein großes Festkonzert zum 100. Geburtstag des Münchner Komponisten Fritz Büchtger statt. Geehrt wurde eine Musikerpersönlichkeit, die, heute leider nur noch einem kleineren Personenkreis wenigstens namentlich bekannt, jahrzehntelang als Organisator, Lehrer und unermüdlicher Förderer der musikalischen Jugend weit über Münchens und Bayerns Grenzen hinaus unendlich viel bewirkt hat.

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Dabei zählte er mit Karl Amadeus Hartmann zu den wichtigsten Wegbereitern für die zeitgenössische Musik aller Stilrichtungen im Münchner Kulturleben des vorigen Jahrhunderts. Beeindruckend Büchtgers Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen in der "Vereinigung für zeitgenössische Musik", geradezu beispielhaft sein außerordentliches Verhandlungsgeschick in zahlreichen Führungspositionen auf Orts-, Landes- und Bundesebene, nicht selten als Präsident ("Jeunesses musicales", Weikersheimer Sommerkurse, Verband Deutscher Musikerzieher und konzertierender Künstler, "Jugend musiziert", Aktionsgemeinschaft Musik in Bayern, Allgemeines Deutsches Musikfest, usw.). Unvergessen für uns alle, die wir ihn erleben durften, sein stets hochmotivierter Einsatz für das "Studio für Neue Musik" über drei Jahrzehnte hinweg bis zu seinem Tod im Jahre 1978.

Ziel der Initiatoren des Festkonzerts zum 100. Geburtstag Fritz Büchtgers in der Münchner Musikhochschule und einer weiteren Veranstaltung der Christengemeinschaft sowie einer kleinen Ausstellung und einer durch die GEMA-Stiftung geförderten Jubiläumsbroschüre war es, an diesen "friedfertigen Tondenker" anlässlich seines runden Geburtstages wieder einmal nachdrücklich zu erinnern.

Am 14. Februar 1903 als Sohn des Kunstmalers Robert Büchtger und dessen Frau Marie, geb. von Lehmann, in München geboren, wuchs Fritz Büchtger in einem sehr musischen Umfeld auf, in dem auch viel musiziert wurde. "Mein Vater blies recht gut Flöte und meine Mutter sang." (F. Büchtger). Trotz seiner Begeisterung für die Musik und mancher Kompositionsversuche wurde er zunächst in einem bayerischen Kadettencorps erzogen, war er doch für die Offizierslaufbahn vorgesehen. Schließlich gaben die Eltern seinem Drängen nach und ließen ihn Musiker werden. 1923 schrieb sich der junge Mann an der Münchner Akademie der Tonkunst, der heutigen Hochschule für Musik und Theater, ein. Er belegte die Fächer Komposition, Chorleitung, Dirigieren, Orgel, Klavier, Flöte und Gesang. Seine Lehrer für Komposition waren Anton Beer-Walbrunn und Hermann Wolfgang von Waltershausen, beide durchaus Vertreter der damals so genannten modernen Musik, wenn auch beileibe nicht zur Avantgarde zählend.

Die Studenten aber waren plötzlich neugierig geworden. Man hatte inzwischen von den Wiener Zwölftönern gehört, man wollte wissen, was in Berlin, London, Paris und Wien im Gespräch war und was bei den Musikfesten in Baden-Baden und Donaueschingen vorgestellt wurde. Konzerte mit Neuer Musik gab es in München durchaus, oftmals allerdings ohne didaktisches Konzept und in höchst unregelmäßiger Abfolge. So blieben Irritationen auch bei den aufgeschlosseneren Zuhörern und Pressevertretern nicht aus. Diese gut gemeinten Versuche galt es zu systematisieren, denn vor allem die junge Generation wollte die neuen Wege genauer studieren. Etwa zur selben Zeit und im Zusammenhang mit einer Arbeit über Claudio Monteverdi lernte Büchtger auch den nur einige Jahre älteren Carl Orff kennen. Diese Begegnung sollte ihm die entscheidenden Impulse für seinen eigenen kompositorischen Weg geben, in dem das Wort, insbesondere das religiöse, im Mittelpunkt stand. Nur wenig später kam Fritz Büchtger mit der Lehre Rudolf Steiners in Berührung. Sie wurde zur Grundlage seines Denkens über Musik. Und er begegnete Elisabeth Cullmann, die er 1928 heiratete. Sie war Bildhauerin gewesen, hatte dann "aber alles Eigene zurückgestellt, um ihm die Lebenshülle zu geben, in der sein Schaffen gedeihen konnte" (Ch. Schädel).

Noch während seiner Studienzeit veranstaltete Fritz Büchtger mit den Pianisten Udo Dammert und Franz Dorfmüller Privatkonzerte. Nur wenig später wagte der Dreierbund mit Werner Egk und Carl Orff die Gründung eines professionellen Forums, die "Vereinigung für zeitgenössische Musik". "Wir holten uns Experten nach München, wie Hermann Scherchen." (F. Büchtger). Ungeschminkt schilderten sie ihre Lage, dass sie einige junge Leute seien, die den Wunsch hätten, Neue Musik aufzuführen. Geld hätten sie keines, ein Orchester bekämen sie zusammen. Scherchen folgte der Bitte ebenso wie viele andere Musiker und Komponisten, die die Bedeutung der Neugründung erkannten und sie unterstützen wollten.

Jedem an den neuesten stilistischen Entwicklungen, aber auch an der ganz alten, der "gotischen" Musik Interessierten war es nun möglich, umfassende Einblicke zu gewinnen und zu einem eigenen Urteil zu kommen. Was da fast ohne Geld, einzig in jugendlicher Begeisterung auf die Beine gestellt wurde, und wie es gelang, in dem wahrlich konservativen Umfeld auch das Bayerische Staatstheater, die Kammerspiele, den Konzertverein, die Konzertgesellschaft für Chorgesang, den Münchner Domchor, den Rundfunk, sogar die Standmusik an der Feldherrnhalle zum Mitmachen zu bewegen, verdient noch heute große Anerkennung. Urplötzlich wurde München zum Zentrum neuer ästhetischer Anschauungen. Selbst das Medium Film wurde mit einbezogen, etwa die Tonfilme Episode, Musik von Paul Dessau, oder Vormittagsspuk mit der Musik von Paul Hindemith.

Vorgestellt wurden etwa 175 Werke - u. a. von Bartók, Berg, Brecht/Weill, Hába, Hindemith, Orff, Schönberg, Strawinsky und Tscherepnin -, viele von ihnen gar zum ersten Mal. Der programmatische Bogen reichte von den ersten Organa (etwa Perotins Sederunt principes in der Bearbeitung Rudolf von Fickers) bis hin zu Hábas Vierteltonoper Die Mutter unter Hermann Scherchen im Münchner Gärtnerplatztheater, Bartóks viertem Streichquartett und Bergs Lyrischer Suite durch das Wiener Streichquartett. Bereits die wenigen Namen zeigen eine erstaunliche Offenheit. Lediglich die Wiener Schule war kaum vertreten (nur mit vier Werken). Hier mag wohl Büchtgers eigener kompositorischer Denkansatz eine Rolle gespielt haben, denn er empfand diese Musik als zu "konstruktivistisch". Schönbergs drittes Streichquartett beschrieb er viel später einmal als "eines der Schreckgespenster unserer Konzerte". Insgesamt aber galten die Arbeit und das Engagement der "Münchner Unruhegeister", auch "Büchtgerbande" genannt, in jenen Jahren als vorbildlich. "Ein kleiner Kreis junger Musiker hat hier, auf gewiss nicht günstigem Boden, in zäher, selbstloser Arbeit aus bescheidensten Anfängen heraus etwas aufgebaut, was heute weit über München hinaus Geltung beanspruchen darf. Diese jungen Musiker der 'Vereinigung für zeitgenössische Musik' haben "die Ehre Münchens als Musikstadt gerettet." (Melos, 1931).

Schon nach wenigen Jahren aber, 1932, kam das endgültige Aus. Die allgemeine wirtschaftliche Not - die "Vereinigung" war bereits zur Zeit ihrer Gründung von Zuschüssen abhängig - und die wachsende politische Radikalisierung zwangen Büchtger schließlich zur Auflösung. Die Annäherung an den "Kampfbund für deutsche Kultur" (eine nur nach außen hin unabhängige Besucherorganisation) erbrachte nichts, weil diese wenig später in der "N.S. Kulturgemeinde Ortsverband München" aufging. Der ebenfalls 1932 vollzogene Eintritt in die SA (deren Mitgliedschaft der bekennende Anthroposoph Büchtger im Jahre 1938 wieder aufkündigte), half auch nicht weiter. Es blieben nur noch sehr wenige Möglichkeiten zu einer einigermaßen befriedigenden Weiterarbeit, etwa in der "Neuen Musikalischen Arbeitsgemeinschaft München", nun allerdings mit Konzerten "aus dem Gesamtgebiet der Musikliteratur". Sie fanden meist "in den Souterrain-Räumen der Tonhalle, im Untergrund halt" statt, "und da waren eben nur 20 bis 30 Leute da. Doch alle Musiker haben mitgemacht." (F. Büchtger).

Die bitter notwendigen finanziellen Zuwendungen wurden immer wieder von den Programminhalten abhängig gemacht. Werke von missliebigen, gar verbotenen Komponisten aufzuführen, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Büchtger selbst wurde zum Leiter des Deutschen Arbeitersängerbundes und anderer Singgemeinschaften ernannt. Außerdem arbeitete er an einer Privatschule und an einem privaten Kindergärtnerinnen-Seminar. "1940 wurde ich als Hilfspolizist eingezogen, bald als Singeleiter verwendet und mit der Ausbildung der Singeleiter beauftragt." 1942 erhielt er den Auftrag, die Deutsche Musikschule in Prag zu "modernisieren". Weitere Stationen: 1943 Strafversetzung an die Ostfront (Jugoslawien) wegen "weltanschaulicher Unzuverlässigkeit", 1945 Verwundung und Entlassung. Wie so viele seiner Kollegen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches musste sich auch Fritz Büchtger den Fragen der Zeit stellen. Für sich als Komponist kam er zu der Erkenntnis, seine Musik zukünftig dodekaphonisch zu strukturieren, allerdings nicht in dem Sinne Arnold Schönbergs. Seine hauptsächlichen Bemühungen aber galten dem zügigen Aufbau eines alle Fassetten umfassenden Musiklebens. 1948 übernahm Fritz Büchtger das 1946 von Wolfgang Jacobi und Hans Mersmann gegründete "Studio für Neue Musik", kammermusikalisches Pendant zu Karl Amadeus Hartmanns Orchesterkonzerten der Reihe "musica viva". Komponist wie Publikum sollten gleichermaßen die Freiheit haben, sich mit sämtlichen Erscheinungen, auch den unbequemen, auseinanderzusetzen. Schon früh zeichnete sich auch hier eine Polarität der Meinungen ab, deren ideologische Radikalität Büchtger als höchst unzeitgemäß empfand: "In der einen Hälfte der Welt wird gerne alles, was sich um neue Ausdrucksformen der Musik bemüht, als intellektualistisch und dekadent gebrandmarkt. Andrerseits gibt es im Westen Kreise, die uns z. B. die serielle Methode als die allein seligmachende anpreisen möchten und alles andere als rückständig bezeichnen. In Wirklichkeit kommt es in jeder Methode auf die Kraft der musikalischen Aussage an."

In diesen drei Jahrzehnten organisierte "Münchens aktivster Musikbeweger", wie Büchtger gerne genannt wurde, "außer zehn Musikfesten etwa 700 Einzelkonzerte, die rund 2800 Werke Neuer Musik zur Diskussion stellten. Ein imposantes Panorama, in dem kaum ein Komponist von Rang ausgespart blieb." (H. Lohmüller). Wiederum faszinierten seine Programme durch ihre Aufgeschlossenheit nach allen Seiten, ausgehend von den Klassikern der Moderne bis hin zu Lachenmann, Zender und B. A. Zimmermann. Denkwürdig die Abende in der Lenbachgalerie mit Werken der Wiener Schule oder die Veranstaltungen, die Bartók, Strawinsky und Hindemith, Boulez und Messiaen gewidmet waren, selbstverständlich immer in qualitätsvollen Interpretationen, oder die ungemein interessanten "Einführungen" unter Titeln wie "Japanische Komponisten", "Französische Schule", "Neue Musik in Italien", "Neue Musik mit Harfe", "Neue Musik mit Schlagwerk", "Experimentelle Orgelmusik", "Experimentelle Blockflötenmusik". Maßgebliche Förderung erfuhren darüber hinaus u. a. Theodore Antoniou, Peter Michael Hamel, Robert M. Helmschrott, Nikolaus A. Huber, Rudolf Kelterborn, Wilhelm Killmayer, Josef Anton Riedl und Ulrich Stranz - nicht wenige von ihnen begannen als Büchtgers Schüler.

Wie Büchtger das alles trotz minimaler finanzieller Mittel schaffte, blieb auch jetzt sein Geheimnis, hatte er doch in seinem ganzen Leben keine feste Position inne, nur Ehrenämter auf allen Ebenen, weil jeder sein taktisches Geschick, seine unbedingte Einsatzbereitschaft und sein Durchsetzungsvermögen schätzte. Erinnert sei hier nur an seine Arbeit für "Jugend musiziert" und die "Musikalische Jugend Deutschlands", für die Sommerkurse in Weikersheim, die Aktionsgemeinschaft Musik in Bayern, die Allgemeinen Deutschen Musikfeste und für den Verband Deutscher Musikerzieher und konzertierender Künstler. Ohne diesen ganz besonderen Idealismus wäre das Musikleben Münchens, Bayerns und Deutschlands um eine ganz entscheidende Fassette ärmer gewesen.

Über dem unentwegten Organisator, Dirigenten und Lehrer geriet der Komponist Fritz Büchtger nur allzu oft ins Hintertreffen. Doppelt geprägt - durch die Auseinandersetzung mit der Zwölftonlehre Arnold Schönbergs und der Anthroposophie Rudolf Steiners - entwickelte er sein ureigenes Credo, gegen alle kurzlebigen Modernismen. In Büchtgers geistiger Mitte stand das Komponieren als kosmischer Schöpfungsakt, die Ordnung der zwölf Töne im Zusammenhang mit den Tierkreiszeichen als gestirnhaftes Gesetz, der einzelne Ton als singuläre Wesenheit: Musik als Spiegelung einer höheren Ordnung, die Tonwelt als ein in mikrokosmischer Weise tönendes Abbild der makrokosmischen Weltenordnung von Planeten und Tierkreis (nach H. Pfrogner). Da musste er geradezu zu einem "Außenseiter der Zwölftonmusik, der zwischen zwei Stühlen steht" (F. Büchtger), werden, denn dieser so besondere Blickwinkel war ganz und gar nicht spektakulär. Schicksal der Stilleren wie so oft: Auch seine Musik, lauter und rein, fiel weitgehend der Vergessenheit anheim.

"Er war ein Mystiker, d. h. einer, der sich in Zusammenhänge und Bedeutungen versenkt" (K. Schumann), weit weg von bloßer Repräsentation und leeren Versprechungen. Und dennoch eignet Büchtgers Musik eine unbeirrbare Kraft und Intensität. "Neben dem Instrumentalwerk steht ein Vokalschaffen, für das die Einheit von Wort und Klang charakteristisches Grundprinzip ist. Die völlige Durchdringung der Sprachsymbole mit Musik wird dadurch Wirklichkeit, dass melodische, harmonische und rhythmische Strukturen organisch aus dem Melos der Sprache wachsen." (A. Ott).

Fritz Büchtger starb am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1978 an den Folgen eines Autounfalls in der Nähe von Starnberg, vier Jahre nach dem Tod seiner Frau Elisabeth.

[*] Gabriele E. Meyer, Dr. phil., studierte zunächst Schulmusik, später Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie. Freiberuflich tätig. Langjährige Mitarbeit an der Reihe "Meisterwerke der Musik" (Wilhelm Fink Verlag) und bei den Münchner Philharmonikern. Zahlreiche Buchpublikationen, monografische und musikästhetische Aufsätze zur Musik des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie Radiosendungen und Ausstellungen. Schwerpunkte: Ludwig van Beethoven, Günter Bialas, Oswald Kabasta, Musikgeschichte München, Geschichte der Münchner Philharmoniker, Klaviermusik des 18. bis 20. Jahrhunderts. Kritiker-, Organisations- und Redaktionstätigkeit.


Quelle
GEMA Nachrichten, Juni 2003