Der Fall des Raubmörders Hennig

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[Der Fall des Raubmörders Hennig]



Ich will hier in diese Aufzeichnungen einen Namen aus dem ge­sellschaftlichen
Leben unserer Tage hineinschreiben, den Namen

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des am 7.Dezember 1906 hingerichteten Raubmörders
Hennig. Und daneben schreibe ich: ich klage den deutschen Kai­ser,
Wilhelm II. an. So wie unsere Verhältnisse liegen, hatte er
allein die Macht, dem Gesetz der Toren das Gesetz der Weisen
entgegenzustellen. Aber was sage ich, der — Toren. Die Todesstrafe

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ist die Vergewaltigung des scheinbaren Verbrechers durch
den wirklichen - Verbrecher. Wer ist der sogenannte Verbrecher
eines Volkes? Der Verbrochene eines Volkes. Das Gesetz der To­ren
sagt: töte den verlorenen Sohn. Aber das Gesetz der Weisen
antwortet: Ihr dürft keinen töten - dafern ihr euch nicht selbst

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mittötet. Denn es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gemein­schuld.
O du Frevler, o du Narr, der du deine eigne große Schuld
verschweigst und hinter der Gebärde des Richters verbirgst, und
die kleine Schuld des ändern mit feierlichem Spruch brandmarken

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zu können glaubst. Umsonst; der Blitz, der aus deiner Hand
den Verbrecher trifft, schlägt aus dem Opfer wie eine grelle Lohe
auf dich zurück. Und wir stehen in ihrem Schein da, in all unsrer
Lüge und Erbärmlichkeit, Verbrecher, von denen man sich ab­

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wendet, weil sie Feiglinge und Schwachköpfe zugleich sind. Jener
Hennig besaß doch Mut und Witz, als er sich hunderten, tausenden
gegenübersah. Du, trauriges Massengeschöpf Gesell­schaft,
hast nur den Witz der Unwissenheit und nur den Mut der
Furcht. Was ist dein Gesetz andres als ein Mittel dir die Erfüllung

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des Gesetzes zu ersparen, das da lautet: Der wahre Schuldige ist
zu ermitteln und zu bestrafen.
Und deshalb klage ich dich an, König von Preußen, daß du den
Baubmörder Hennig hast hinrichten lassen statt zu sagen: Seine
Schuld ist zugleich unsere Schuld. Da aber seine Strafe nicht zu­

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gleich unsere Strafe sein kann, so dürfen wir ihn auch nicht töten.
Unser Bruder lebe — und da ich ihm nicht die Freiheit schenken
darf, so will ich doch in seine Zelle kommen und zu ihm sprechen:
Wenn du die Strafe nicht auf dich nehmen willst, so laß mich sie
auf mich nehmen. Denn ich, oder irgendein andrer, haben deine

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Tat so gut getan wie du selbst. Und ein Leuchten würde durch alle
Seelen gegangen sein. —
Statt dessen wurde am 7. Dezember 1906 der Raubmörder Hen­nig,
nachdem er sich wie ein Wahnwitziger gegen den Tod ge­sträubt
hatte, nach allen Regeln der Gesetze enthauptet. Friede

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seinem Andenken.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 354f.