Aphorismen - Psychologisches - 1907

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1907

[1236]

Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.

[1237]

Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende schon
glücklich.

[1238]
5

Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so würde er
in einer so über alles Maß gewaltigen und erschütternden Welt, in
verhältnismäßig unmittelbarer Nähe eines Naturphänomens wie
unserer Sonne - um nur etwas herauszugreifen — nicht so sein,
wie er heut noch ist: ein kleinliches, grämliches, banales, kindisches,

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eitles, zanksüchtiges, gedankenloses, planloses, kurz,
durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.

[1239]

"Totentanz" ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen,
wie das Weib den Mann in den großen Mischmasch hineinzieht.
Unten sollte man die breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen,

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und in diese Suppe hineinführend eine unabsehbare
Kette von Weib und Mann, immer das Weib voraus, mit tausend
Gebärden, von der unschuldigsten bis zur lasterhaftesten. Die
Männer, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie wollen die Welt
vorwärtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen . Ihm

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genügt das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich völlig
gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient.
Es ist die, trotz der bekannten Unbilden, bequemste Art, den
Fortschritt der Menschheit zu fördern: man stellt ein Kind, d.h.
man beschränkt sich darauf, die Aufgabe weiterzugeben, einen

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Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das nicht begriffen
haben, nämlich daß es neben ihrem üblichen häuslichen Ideal
auch noch andere, größere Kulturideale geben könnte, wird die
Menschheit nicht entscheidend vorwärtskommen. Und deshalb
liebe ich die Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet

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man heute noch am ersten Frauen, die nicht nur Sinn für sich,

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sondern auch Sinn für den Mann haben, die ihn wirklich wie Kameraden
unterstützen und nicht nur als gesetzliche Konkubinen
zum obersten Haussklaven machen wollen.

[1240]

Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein äußerster

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Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer
fortläuft, so muß das aussehen, als ob sie auf der andern Seite des
Weges etwas ungemein Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern
Gedanken ausschlösse. Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner
gerufen wird, so muß er immer erst wie der Mond aus dem Gewölk

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treten, d.h. erst nach längerer Zeit und nur auf einen Moment,
zu dem man sich beglückwünschen muß, da ihn neues
Gewölk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen
Dingen nützt dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann
sicher sein, daß ihn so bald keiner wichtignimmt.

[1241]
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Was ist das erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel
kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.

[1242]

Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es
nicht ertrügen, von andern überlegen betrachtet zu werden. Sie
fürchten die Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls,

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sie ziehen es vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein,
statt auf dem Markte die Zweiten. Aber manch einen macht solch
heimliches Schatzhütertum auch bitter und hochfahrend. Immer
lauter muß er bei sich Stolz nennen, was im Grunde vor allem
Furcht ist, um schließlich, statt der Verschwender, der giftige

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Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut verachtet.


[1243]

Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das weiß vielleicht
am besten, wer sich dem Feind entgegenwirft.

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[1244]

Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das:
desto mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein - aus
Zartgefühl, Schamgefühl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung,
Scheu, kurz, aus den allerbesten Gründen und mit dem

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unanfechtbarsten Takt des Herzens.

[1245]

Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken,
daß man als der und der lebt.

[1246]

Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden wissen, verdächtig.
Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die

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Natur etwas Eigenes zu sagen mitgab, den kümmert es wenig, in
jenem Sinne klug zu reden. Ihn erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe
(nicht der Aufgabe anderer).

[1247]

In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses.
Sein "Wie schön ist das! Wie schön ist das" ist nichts andres

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als ein "Wie wohl fühle ich mich, wie wohl fühle ich mich!" Das
aber brauchte er nicht fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln.
(Im "nil admirari" liegt doch immerhin ein ganzes Teil
Selbstzucht und Takt.)

[1248]

Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen Matten -

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eine beinahe tragische Wirkung.

[1249]

Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß man eine
Seite und mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.


[1250]

Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch

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der vollkommene Weise im Geistigen jäher Bewegungen enthalten.

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Im Grunde ist es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst
und sein Zutrauen gewinnst, und wie du an einen Menschen dich
wendest und ihn eroberst.

[1251]

Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu

5

altern versteht und wie sie sich im Alter darstellt.

[1252]

Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer
Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls
nennen möchte.

[1253]

Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der

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Mensch an seine Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen
nach größerer und feinerer Behaglichkeit des persönlichen wie
sozialen Lebens aus: Der Mensch will wohl endlich so weit kommen
wie die Blumen und die Bäume: ruhig leben und sterben zu
dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen nichts

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Besseres.

[1254]

Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung
von Polizisten ohne Exekutivgewalt.

[1255]

Ironisches Gebot. Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir
zu, das erweckt allgemein Furcht.

[1256]
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Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen und inzwischen
nicht ganz klar und zusammenhängend gedacht habe, so
könnte ich mir leicht einreden, ein Jahr sei vergangen und noch
vielmehr.

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[1257]

Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert
und tausend.

[1258]

Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen
Menschen unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt für

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sich. Und vor allem - wird der Kontemplative sagen - dem Aktiven
sein Reich für sich. Denn wenn das Kontemplative der Duft
der Lebensblume ist, so ist das Aktive der einzige Weg zu diesem
Duft. Man stellt Christus über Caesar, aber ohne Caesar
kein Christus.

[1259]
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Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er
seinen Ernst nehmen.

[1260]

Der Unbedingte.
- Es gibt auf der ganzen Erde keinen Maler, der den Fleischton
besser trifft als Professor N.

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- Sie sind unglaublich kategorisch in ihren Urteilen.
- Ich - kategorisch? Das ist just das Einzigste , was ich niemals
in meinem Leben gewesen bin.

[1261]

Der Vorsichtige.
- Man müßte die ganze Geschichte der Strategie kennen, um

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auch nur annähernd die Rangstufe bestimmen zu können, auf die
jener Feldherr vielleicht zu stellen sein möchte.
- Das heißt mit Vorbehalt urteilen.
- Ja, mein Bester, nur ein allwissender Gott dürfte allenfalls
ohne Vorbehalt zu urteilen vermögen. (Und vielleicht auch der

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noch nicht.)

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[1262]

Nervös überreizt.
- Zwei mal zwei ist vier.
- Wir bedauern, mein Herr, unserer Ansicht nach ist es nur drei.
- Sie sind nicht bei Sinnen!

5

- Bitte, bitte, mein Herr, nur keine nervöse Überreiztheit!

[1263]

Vorsehung - Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen
Menschen auch ein geniales un- oder unterbewußtes sich Vorsehen
waltet, so wie einer im Traumwandeln dem überall drohenden
Tode instinktiv ausweicht.

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Napoleon im Kugelregen.

[1264]

Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie
auch. Ich behaupte, ohne diesen Mangel würde die Menschheit
den Mut zum Weiterexistieren längst verloren haben.

[1265]

Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 269ff.