Abenddämmerung

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebückten Ganges
durchs Gefild

5

und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.

Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,

10

von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf

15

und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.

Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen

20

ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.

25

Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiß,
als wär' es mit Mehl
rings überpudert.

30

Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll

35

und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen großen,
runden Tupfen -

40

das ist der Mond.

Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es

45

langsam
zu Bette.

 

 

Lyrik | In Phantas Schloss
Dem Geiste Friedrich Nietzsches | Prolog | Auffahrt | Im Traum | Phantas Schloss | Sonnenaufgang | Wolkenspiele | Sonnenuntergang | Homo Imperator | Kosmogonie | Das Hohelied | Zwischen Weinen und Lachen | Im Tann | Der zertrümmerte Spiegel | Das Kreuz | Die Versuchung | Der Nachtwandler | Andre Zeiten, andre Drachen | Die Weide am Bach | Abenddämmerung | Augustnacht | Mädchentränen | Landregen | Der beleidigte Pan | Mondaufgang | Mondbilder | Erster Schnee | Talfahrt | Epilog


Kommentar

Erstdruck
In Phantas Schloss
Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 52f.