Über die weite märkische Ebene (o. T.)

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Über die weite märkische Ebene
wandre ich heim.
Irdische Sterne, blitzen
von fern mir entgegen

5

die Lichter der Riesenstadt.

Hinter mir
türmt sich der Kiefern
schwärzlicher Wall
höher und höher

10

vor dem reglosen Sonnenauge.
Die Ebne kehrt von seiner Gnade
sich ab in das kühle Schattenreich.
Unter den kalten Glanz
der weißen Sonne der Nacht

15

fliehen mit mir die stillen Lande.

So kehrt sich alles
zu seiner Zeit
vom Lichte ab.
Umsonst

20

strecken bittende Arme wir
gegen die scheidende Sonne aus.
Nicht sie versinkt,
uns reißt das wuchtige Rad,
drauf wir, machtlos, geflochten,

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von ihr hinweg in die Nacht.
Das Leben beharrt,
die Lebenden wechseln.

Oh du düstere Glut
über dem Schweigen der Wälder,

30

oh ihr schwermuttrunkenen
Abschiedsgrüße der Sonne,
gehaucht, geküßt
wie ein Vermächtnis
auf errötende Wolkenstirnen,

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über der Trauer
vereinsamter Reiche
wie ein schmerzlicher Segen ruhend.

Bis in die Tiefen meiner Seele
schleicht euer müdes Gold

40

und legt sich um meine Gedanken,
daß sie einherwandeln
wie finstre Mönche,
auf deren braunen,
verstaubten Kutten

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ein letzter Strahl sich trüb vergaß.

Und meine Gedanken
wandern aus mir heraus
und schreiten,
ein Zug barfüßiger Pilger,

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vor mir her. Sie rufen "Wehe"
auf Baum und Feld,
auf Bach und Dorf,
daran mich
mein Heimweg vorüberführt,

55

und ihre bleichen Lippen flüstern:
"Alles ist eitel",
und "Alles ist eitel"
flüstern zurück
die lichtlosen Lande.

60

Durchs reifende Korn
fahren die knochigen Finger
der dunklen Gesellen.
Weißt du, wozu du reifst?
Elenden Menschen die Kraft

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eine Spanne zu fristen,
daß sie unter unsäglicher Qual
die Kreuzlast weiterzuschleppen
vermögen.
Oh daß du stürbest,

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eh' daß deine Ähren
den Verhungernden
von seinem ewigen Frieden trennten.
Und aus den Halmen
raunt es schaudernd:

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"Oh daß wir stürben."

An Hütten vorüber
gleitet vor mir
die schwarze Schar.
Auf einer Bank

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schaut nach dem Liebsten
ein Mädchen aus.
Weißt du, wonach du schaust?
Nach deiner Hölle!
Durch ein Rosentor trittst du ein,

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aber als Kerkertür fällt es zu.
Sorgen und Qualen,
Enttäuschung und Öde
werden die braunen
Flechten dir bleichen,

90

und gleichem Lose
wirst du wehklagend
Kinder gebären.

Nimm einen Schleier
vor dein Antlitz

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und geißle die Lust
aus dem törichten Leib.

Und wie von bangem
Ahnen ergriffen,
geht, aufseufzend,

100

das Mädchen in seine Kammer.
Von ferne blitzen
die Lichter der Riesenstadt.
Funkelt nur lustig,
ihr Eintagssterne!

105

Wie lange:
da fragen
die schweifenden Winde der Nacht
vergeblich
nach eurem Glanze;

110

auf eurer Städte
lockeren Bau
legt die Zeit
ihre malmende Hand,
und Haufen Schutte,

115

von Unkraut bewuchert,
zeugen dem späten
Fernherwandrer,
daß einst ein Volk
da gewohnt.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 461ff.