Sofia Gubaidulina

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Wikipedia:Sofia Gubaidulina


Inhaltsverzeichnis

Werke bezügl. Morgenstern

Galgenlieder à 3 1996/1998

15 Stücke für Mezzosopran, Schlagzeug und Kontrabass

gewidmet für und beauftragtdurch Patricia Adkins Chiti

  1. Die Mitternachtsmaus
  2. Das Nachdenken
  3. Das ästhetische Wiesel
  4. Das Knie
  5. Das Spiel I
  6. Das Spiel II
  7. Die Beichte des Wurms
  8. Psalm
  9. Der Tanz
  10. Das Gebet
  11. Das Fest des Wüstlings
  12. Improvisation
  13. Fisches Nachtgesang
  14. Nein!
  15. Das Mondschaf

Dauer: 45

Besetzung: Mezzosopran, Schlagzeug, Kontrabass

Besetzung (lang): 1 Schl (Pk, Crot [hg.], 2 Broncerasseln, Flex, 3 Holzbl, 5 Bongos, 5 Tomt, 5 hg.Bk, gr.Tam-t, Gl, Glsp, Marimba)

Uraufführung: 25 November 1996, Huddersfield Festival, St Paul’s Hall; Patricia Adkins Chiti (Mezzosopran) – Marta Ptaszyñska (Percussion) – Alexander Suslin (Kontrabass)

Musikverlag Hans Sikorski, Hamburg

Galgenlieder à 5 1996

14 Stücke für Mezzosopran, Flöte, Bajan, Schlagzeug und Kontrabass

Gewidmet Ensemble "that"

Beauftragt durch Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik

  1. Die Mitternachtsmaus
  2. Das ästhetische Wiesel
  3. Das Knie
  4. Die Beichte des Wurms
  5. Improvisation
  6. Die Prozession
  7. Der Tanz
  8. Das Gebet
  9. Das Fest des Wüstlings
  10. Das Spiel I
  11. Das Spiel II
  12. Fisches Nachtgesang
  13. Nein!
  14. Das Mondschaf

Dauer: 45

Besetzung : Mezzosopran, Holzbläser (3), Flöte, Becken (7), Tamtam (5), Glocken, Glockenspiel, Marimbaphon

weitere Instrumente: Flexaton, Bayan,2 Rasseln, 5 Bongos

Uraufführung: 23 Mai 1997, Hannover, Biennale Neue Musik; Ensemble "that" (Stimme: Elena Vassilieva, Flöte: Natalia Pschenitschnikova, Bayan: Elsbeth Moser, Schlagwerk: Edith Salmen-Weber, Kontrabass: Wolfgang Gütter)

Musikverlag Hans Sikorski, Hamburg

Von diesem Werk existiert eine CD.

Programmheft 12/2006 der Berliner Philharmoniker

Am 18. Oktober 2006 kamen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmoniker u.a. Werke von S. Gubaidulina zur Aufführung. Im entprechenden Programmheft ist folgendes zu finden:

zu Sofia Gubaidulina

»Den größten Einfluss auf meine Arbeit hatten Dmitri Schostakowitsch und Anton Webern. Obwohl dieser Einfluss in meiner Musik scheinbar keine Spuren hinterlassen hat, ist es doch so, dass mich diese beiden Komponisten das Wichtigste gelehrt haben: ich selbst zu sein« Mit diesen Worten gibt Sofia Gubaidulina, die 1931 in Tschistopol in der Tartarischen Republik geboren wurde, in Kasan und Moskau studierte und seit 1992 in Deutschland lebt, Auskunft über den Nährboden ihres Schaffens. Sie berührt damit allerdings nur einen Aspekt ihres »Selbst-Seins«, das noch andere Wurzeln hat: in ihrer tiefen religiösen Bindung zum Beispiel; in den Prägungen, die sie durch die Macht- und Zeitverhältnisse des Sowjetstaates erfuhr; in der Erfahrung, dass Musik Rettung bedeuten kann, wo äußere Drangsale und Leiden die Existenz bedrohen. Gubaidulinas Musik strahlt unbedingte Wahrhaftigkeit aus, ist von »leibhaftiger« Wirkung. Und noch etwas kommt hinzu: die strukturbildende Funktion von Zahlen und Zahlenverhältnissen. Dabei geht es der Komponistin sowohl um das proportionale Kalkulieren der Großform (wesentlich gegründet auf die »Fibonacci-Reihe«, in der jede Zahl die Summe der beiden vorherigen bildet: 0 – 1 – 1 – 2 – 3 – 5 – 8 – 13 – 21 usw.) als auch um den Symbolwert von Zahlen, der ihnen im Laufe der Kulturgeschichte zugewachsen ist. Rhythmus sei die wichtigste Grundlage der Musik, sagt sie, vor allem im Sinne von »Rhythmus der Form« und darin eingebetteter »numerical plots«, speziell gebauter Bedeutungsinseln.

Ermutigt, inspiriert und geprägt haben Gubaidulina zudem Interpreten, an erster Stelle Gidon Kremer, der mit der Uraufführung ihres Violinkonzerts Offertorium bei den Wiener Festwochen 1981 für ihren internationalen Durchbruch sorgte. Detto II und die Sieben Worte verdanken ihre Entstehung der Zusammenarbeit mit den Cellisten Natalja Schachowskaja und Wladimir Toncha; der Moskauer Meister-Percussionist Mark Pekarski regte das Konzert für Schlagzeug und Orchester Perkussio für Pekarski an. Bald folgten die Musikfeste mit Aufträgen: 1986 bestellten die Berliner Festwochen bei ihr die zwölfsätzige Symphonie Stimmen... Verstummen..., 1991 schrieb sie für die Leipziger Oper das Ballett Medea-Landschaften. Im Bach-Jahr 2000 trat die Internationale Bach-Akademie Stuttgart an sie (sowie an Tan Dun, Wolfgang Rihm und Osvaldo Gojilov) mit der Bitte heran, einen Beitrag zum Thema »Passion« zu schreiben. Gubaidulina komponierte die gewaltige Johannes-Passion, mit der sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllte: religiöses und musikalisches Empfinden »in ein unauflösliches Drittes zu erheben«.

zu Galgenlieder á 3

Wenn heute mit den Galgenliedern ein Werk auf dem Programm steht, das einer ganz anderen Sphäre angehört, ergibt sich wie von selbst die Verbindung zu einer biografischen Episode, von der hier noch nicht die Rede war: Gemeinsam mit ihren Kollegen Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin (auch Alfred Schnittke war eine Zeitlang beteiligt) rief die Komponistin 1975 die Gruppe Astraea ins Leben, ein Improvisationsensemble, das auf Volks- und Ritualinstrumenten experimentierte. Ihre dort gesammelten Erfahrungen mit Klang-Phänomenen sowie mit der musikalischen Zeit sind ohne Frage in die Galgenlieder eingeflossen. Seien es die einzigartigen Spiel- und Klangeffekte, die der Kontrabassist vorführt, seien es die Finessen des Schlagzeug-Einsatzes oder die Artikulationswechsel der Singstimme – in allem offenbart sich dieser reiche, faszinierende Schatz an praktischen Erfahrungen.

Dass Gubaidulina bei der Textauswahl für die 15 Stücke für Gesang, Schlagzeug und Kontrabass ausgerechnet auf Christian Morgenstern und den wohl bekanntesten Teil seiner Lyrik stieß, mag erstaunen: Spricht ihre Hinwendung zu diesen Humoristika eventuell für eine »Leichtigkeit des Seins« der heute fast 75-Jährigen? Oder knüpft sie ein geistiges Band an den anthroposophischen Dichter? Wie auch immer: Die Galgenlieder bringen eine weniger bekannte Facette in ihrem Œuvre zum Vorschein. Morgenstern-Kenner dürfen sich auf das ästhetische Wiesel, das Vierviertelschwein und die betenden Rehlein freuen, werden aber auch ihnen unbekannte Titel entdecken, denn die Komponistin hat ihren Literaten nämlich »weitergeschrieben«: Über die zehn ausgewählten originalen Texte hinaus enthält ihr Zyklus fünf, überwiegend den beiden Instrumentalisten übertragene, Abschnitte (am Spiel I ist auch die Sängerin mit Vokalisen beteiligt), denen die Funktion des Weiterspinnens oder des Vorgreifens zukommt (so ist zum Beispiel Der Psalm ein Nachspiel auf die letzte Zeile aus Die Beichte des Wurms, »der hat mir mit Getuschel sein Herze offenbart«). Dient dies dem »Rhythmus der Form«, so auch die Proportionierung des Ganzen, die Gewichtsverteilung zwischen kürzeren und längeren, zwischen schlicht-komischen Texten und solchen »mit Tiefgang«. Ein Kabinettstück für sich ist die Nr. 13, Fisches Nachtgesang. Den vielen Versuchen, dieses berühmte »Lautgedicht« zu interpretieren, fügt Gubaidulina einen gelungenen hinzu: Sie notiert eine »Musik der Gesten«, in der die Beteiligten ihr je eigenes Werkzeug einzusetzen haben – die Sängerin den (stumm bleibenden) Mund, Schlagzeuger und Kontrabassist Schlegel und Bogen, die nur die Luft treffen. Hinsehen genügt! Ansonsten wird allerdings gutes Hinhören erwartet...

Leben und Zeit