Reinhard Piper: Erinnerungen an meine Zusammenarbeit mit Christian Morgenstern. Piper Verlag, München. 1978

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Cover
Vorblatt
Autor
Reinhard Piper
Titel
Erinnerungen an meine Zusammenarbeit mit Christian Morgenstern
Auflage
Weihnachtsgabe des Verlages an seine Freunde 1978
Maße, Seiten, Einband
16,9 x 11,3
35 S.
Paperback

Inhalt

Vorblatt

Den Freunden unseres Verlags
mit guten Wünschen für die Festtage
und das neue Jahr
R. Piper & Co. Verlag
München Zürich

Vorwort

   S. 5
Vorwort

Als sich Christian Morgenstem 1910 an Reinhard Piper
wandte, war dessen Verlag erst sechs Jahre alt. Arno
Holz, der erste Autor Pipers, die eben begonnene große
Dostojewski-Ausgabe, die Reden Gotamo Buddhos,
"Moderne" und "Klassische Illustratoren", die Reihe
"Die Fruchtschale", die Kunstdeuter Julius Meier-Graefe
und Wilhelm Worringer hatten dem jungen Verlag
schon sein eigenes Profil verliehen. Im Programm des
Piper Verlags ist die geistige Figur Christian Morgensterns
durch alle Jahrzehnte hindurch wie ein helles
Licht wirksam geblieben.

Bei Kriegsende machte sich Reinhard Piper, nach der
Ausbombung seiner Münchener Wohnung noch im Ausweichquartier
bei Verwandten auf dem Lande, eine Niederschrift
über seine verlegerische Beziehung zu Morgenstern
und dann später zu dessen Witwe Margareta
M.. Er hat davon ein Konzentrat in seine Autobiographie
"Mein Leben ais Verleger" (von dieser wird beim Deutschen
Taschenbuch Verlag im Frühjahr 1979 um 75jährigen
Jubiläum unseres Verlags eine gekürzte Fassung
erscheinen) aufgenommen. Beim Wiederlesen der ursprünglichen
Aufzeichnung über Morgenstem schien es
meinen Mitarbeitern und mir reizvoll zu sein, sie den
Autoren und Freunden unseres Hauses ais Weihnachtsgabe
darzubieten.

Sie ist ein literarisch-kulturelles Zeitdokument und gewahrt,
wie dies selten geschieht, Einblicke in das ganz
Konkrete der Zusammenarbeit von Autor und Verleger.

München, im November 1978 Klaus Piper

Reinhard Piper: Erinnerungen an meine Zusammenarbeit mit Christian Morgenstern

   S. 7
Reinhard Pieper

Erinnerungen an meine Zusammenarbeit mit Christian Morgenstern

Christian Morgenstern wandte sich Anfang 1910 — vier
Jahre vor seinem Tode - von Meran aus an den Verlag
und bot ihm zwei Gedichtbände an, "Einkehr" und "Ich
und Du". Was veranlasste ihn, sich gerade an mich zu
wenden? Viele Jahre später, im Dezember 1925, sandte
ich an Margareta Morgenstern das neueste Heft des
"Piperboten". Sie schrieb mir daraufhin: "Das Heft war
mir diesmal eine ganz besondere und aufrichtige Freude,
als ich sah, daß Sie Christian Morgenstern zwischen Dostojewski
und Buddho eingereiht haben. Da fiel mir unsere
Tiroler Sommerfrische ein, und ich sah uns im Geiste
dort hinter dem Haus im Walde sitzen und mit den
Manuskripten von "Einkehr" und "Ich und Du" den ersten
Brief an Sie schicken, und gerade an Sie, weil es Christian
Morgenstern ein lieber Gedanke war, in der Gesellschaft
von Buddho und Dostojewski sein zu dürfen."
Ich hatte mir also durch die Arbeit für Buddho und Dostojewski
Morgenstern als Autor sozusagen verdient.

Schon 1907 hatte zweimal ein flüchtiger Kontakt mit
dem Dichter bestanden. Er hatte sich auf einer Postkarte
die Prospekte über die Reihe "Die Fruchtschale" und die
Dostojewski-Ausgabe bestellt, und ich hatte ihn etwas
früher um die Erlaubnis gebeten, in dem von Karl Röttger
herausgegebenen Band der Fruchtschale "Die moderne
Jesusdichtung" die "Legende"[1] von ihm abzudrucken.

   S. 8
Morgenstern hatte darauf Wert gelegt, dass dem
Titel hinzugefügt werde: "Nach dem Anhören eines
Präludiums von Chopin". Das Gedicht war aus einer
musikalischen Stimmung entstanden, und das sollte der
Leser wissen.

Ich erhielt also nun Anfang 1910 die Manuskripte der
beiden Gedichtbände. Die Gedichte gefielen mir sehr,
aber ich reagierte als Verleger durchaus nicht begeistert.
Ich erschrecke heute etwas, wenn ich meinen Brief vom
10. 2. 1910 noch einmal durchlese, und wundere mich
beinahe, dass Morgenstern daraufhin nicht die Lust verlor,
die Korrespondenz mit mir fortzusetzen. Ich schrieb:
"Wir haben die Manuskripte Ihrer beiden Gedichtbände
gelesen und sind nicht abgeneigt, der Verlagsübernahme
derselben näherzutreten. Sie werden selbst wissen, dass
das Verlegen von Lyrik für den Verleger eine undankbare
Sache ist, und werden auch wohl Ihre ersten bei
Schuster &. Löffler erschienenen Bände selbst bezahlt
haben. Interessant wäre es uns, zu erfahren, ob etwa
Bruno Cassirer diese beiden neuen Bände abgelehnt hat.
Vielleicht teilen Sie uns dies offen mit. Es ist dies ja
noch nicht ein Grund für uns, die Bände gleichfalls
abzulehnen. Im allgemeinen wäre es doch wohl für Sie
das Nächstliegende, sich an den Verleger Ihrer "Galgenlieder"
zu wenden, von denen, wie wir hören, demnächst
ein zweiter Band erscheinen soll..."
 
Wie gesagt, ich erschrecke heute über diesen Anfang
meines Briefes. Ich hätte doch unbedingt zunächst einmal
etwas über den starken Eindruck sagen müssen,
den die Gedichte auf mich gemacht hatten, und meiner
Freude Ausdruck geben müssen, mit einem so vollgültigen

   S. 9
Dichter in Verbindung treten zu können. Statt
dessen war ich nur "nicht abgeneigt", statt dessen sprang
ich ihm gleich mit der harten Tatsache ins Gesicht, dass
das Verlegen von Lyrik eine undankbare Sache sei.

Alles das ist verzeihlich, wenn man bedenkt, dass Morgenstern
damals erst bekannt zu werden begann, und
dies auch nur als Dichter der "Galgenlieder". Außer
diesen waren von ihm schon sechs Gedichtbände erschienen,
die alle wenig Beachtung gefunden hatten und
sicher auch sehr wenig Absatz. Als erster, vor fünfzehn
Jahren, war "In Phanta's Schloss" in dem Verlag von
Richard Taendler in Berlin herausgekommen. Wie man
heute in der Morgenstern-Biographie nachlesen kann,
hatte der Dichter dafür 300 Mark bezahlt. Ebendort erschien
auch der "Horatius travestitus", dann kamen zwei
Bände bei Schuster & Löffler, "Auf vielen Wegen" und
"Ich und die Welt", bei S. Fischer "Ein Sommer" und
"Und aber rundet sich ein Kranz" und schließlich bei
Bruno Cassirer "Melancholie".

Doch war mein Brief damit glücklicherweise noch nicht
zu Ende. Weiter hieß es:

"Selbstverständlich möchten wir Ihnen nicht zumuten,
einen Beitrag zu den Kosten zu leisten, jedoch könnte
eine Honorierung erst nach Absatz von 400 Exemplaren
jeden Bandes eintreten, womit etwa unsere Kosten gedeckt
wären. Von da an würden Sie von jedem weiteren
abgesetzten Exemplar je 60 Pf. Tantieme erhalten.
Außerdem bei Erscheinen 20 Freiexemplare, wovon 5
gebundene. Als Ladenpreis denken wir uns M 2.50 für
das geheftete Exemplar. Die Auflage wäre 1000 Exemplare
stark. Nachdrückliche Ankündigung bei Buchhandel,

   S. 10
Presse und Publikum würde natürlich erfolgen. Wir
müssten Sie bitten, die beiden Bücher nicht gleichzeitig
erscheinen zu lassen. "Einkehr" könnte noch im Frühjahr
erscheinen, "Ich und Du" dann im Herbst. Presse
und Publikum würden dann zweimal auf die Bücher
hingewiesen, was dem Absatz viel günstiger wäre, als
wenn beide Bücher auf einmal erschienen. Außer einer
ganz kleinen Gemeinde von Verehrern würde wohl
kaum jemand die Bücher gleichzeitig kaufen. Wir müssten
überhaupt Wert darauf legen, dass Sie Ihre weiteren
Werke zunächst uns anbieten. Der Verlag der jetzt vorliegenden
beiden Bände wird, wie gesagt, ein kaufmännisch
undankbarer sein, und wir haben alsdann wenigstens
die Möglichkeit, dass unsere Mühe sich bei späteren
Publikationen lohnt. Auch einen Auswahlband würden
wir seinerzeit gern erwägen, doch dürfte derselbe
wohl nicht früher als ein Jahr nach dem Erscheinen von
"Ich und Du" herauskommen, damit dem Absatz dieser
Bände nicht zu stark Abbruch getan wird. Der Idee einer
Gesamtausgabe könnte man insofern Rechnung tragen,
als die jetzt in Aussicht genommenen beiden Bände
bereits mit einem Doppeltitel versehen werden, wovon
der linke Titel als Obertitel auf die Gesamtausgabe Bezug
nimmt."

Aus all diesem musste Morgenstern immerhin den Eindruck
gewinnen können, dass mir ernsthaft an einer
dauernden Verbindung mit ihm lag, und darauf kam
es ihm an. Die vier Verleger, mit denen er bisher zu tun
gehabt hatte, schienen dies offenbar nicht angestrebt
zu haben.

"Ich und Du" war der dichterische Niederschlag von

   S. 11
Morgensterns Begegnung mit Margareta Gosebruch von
Liechtenstern. Im März 1910 erhielt ich aus Obermais
bei Meran die Anzeige der Vermählung.

Begreiflicherweise hätte ich gerne auch den Humoristen
Morgenstern verlegt, aber der Dichter schrieb mir, darüber
sei gar nicht zu diskutieren. Bruno Cassirer wolle
auf diesen nicht verzichten. Es war ja schon zu verwundern,
dass er sich den "Nicht-Humoristen" entgehen
ließ, zumal er - wenn er die Sache nur geschäftlich ansah
- in den gutgehenden Humoresken einen Ausgleich
für die weniger gängigen ernsten Gedichte hatte. Zudem
stand Morgenstern seinem Verlag seit Jahren als
Lektor persönlich nahe.

Das Manuskript zur "Einkehr" ging sogleich an die
Druckerei. Schon im Mai konnte das fertige Buch versandt
werden.

Der Setzer hatte zunächst nach eigenem Geschmack am
Ende jedes Gedichtes ein kleines, unauffälliges, aber
doch von einem Buchkünstler "entworfenes" Schlussstück
gesetzt. Dies erregte Morgensterns Bedenken:

"Nun aber noch ein Letztes: Finden Sie, aufrichtig prüfend,
nicht auch, dass das Abschlußornament eine gewisse
Unruhe in das Buch bringt, dass es ihm an Ernst
und Stille gewissermaßen etwas nimmt? Ich habe von
Anfang an bis jetzt nichts bemerken wollen, weil ich
dachte, Sie haben es vielleicht extra so ausgewählt. Aber
schließlich da wir jetzt vor der Entscheidung stehen,
glauben Sie nicht ernstlich, dass das Buch, das doch im
übrigen so sorgfältig ausgestattet ist, noch sehr gewinnen
würde, wenn wir den Schnörkel ganz einfach fortließen?
Oder um es anders auszudrücken, wenn wir dem 'Känguruh'

   S. 12
gestatteten, statt nur von Seite zu Seite weiter,
lieber gleich ganz in den Setzerkasten zurückhüpfen zu
dürfen? Notabene, man kann ihn natürlich auch sehr
ernst, man kann ihn sogar theosophisch nehmen.
Gleichviel, wir haben es hier wohl hauptsächlich mit
Gesichtspunkten im wörtlichen Sinne zu tun."
Das "Känguruh" wurde entfernt.

Im Dezember 1910 spielte sich ein kleines Intermezzo
ab. Ernst Rowohlt, der erst kürzlich seinen Verlag gegründet
hatte, schrieb an Morgenstern, ob er ihm nicht
etwas für seine Drugulin-Drucke geben könne. Dies war
eine Reihe schmaler Bände, die bei Drugulin gedruckt
wurden und Sonette von Platen und anderes in Neudrucken
brachten. Darauf antwortete ihm Morgenstern,
er könne vielleicht eine Neuausgabe von "In Phanta's
Schloss" machen, welches Buch samt drei anderen seiner
Gefährten bei Schuster &. Löffler brachliege. Außerdem
stellte er ihm für seine Drugulin-Drucke eine Epigramm-
Sammlung in Aussicht. Rowohlt war schnell bei der
Hand und teilte Morgenstern mit, er habe die vier Bücher
erworben. Am nächsten Tag erhielt Morgenstern
einen Brief von mir, ich hätte mich entschlossen, doch
schon jetzt alle vier Bücher zu übernehmen und neu
herauszubringen. Morgenstern hat gewiß darüber gelächelt,
dass sich nun plötzlich gleichzeitig zwei Verleger
für diese Bücher interessierten, um die sich zehn Jahre
lang keiner gekümmert hatte. Ich war ein wenig verwundert
darüber, dass Morgenstern, der sich doch eben
erst verpflichtet hatte, mir alle seine weiteren Bücher
zuerst anzubieten, Rowohlt die Sammlung seiner Epigramme

   S. 13
in Aussicht gestellt hatte, von der zwischen uns
noch gar nicht die Rede gewesen war. Ich hielt ihm dies
freundlich vor. Er befand sich in einer Zwickmühle.
Glücklicherweise bestand Rowohlt nicht auf seinem Anspruch.
Er besuchte mich überraschend in München, und
die Angelegenheit war in wenigen Minuten geordnet.
Er überließ mir die von ihm erworbenen Bücher mit
einem kleinen Aufgeld. So hatte ich nun schon sechs
Morgenstern-Bücher vereinigt.

Ich wollte den vier älteren Titeln neue Umschläge von
Karl Walser geben, der auch den Umschlag zu den "Galgenliedern"
und zu "Palmström" gezeichnet hatte. Morgenstern
erklärte jedoch, diese Umschläge sagten ihm
persönlich nicht zu, und bat, davon abzusehen. Nur der
"Horatius travestitus" hat dann einen Umschlag von
Walser erhalten.

Morgenstern hielt sich seiner Lungenkrankheit wegen
fast immer in südlichen Kurorten oder in der Schweiz
auf. In Taormina entstanden einige Portrait-Aufnahmen
von ihm mit kräftigem Vollbart. Er wollte diese
aber einem Gedichtband nicht beigegeben wissen, da
er darauf zu sehr als "dunkler und kompakter Typus"
erscheine.

Im April 1911 schrieb er mir aus Arosa: "Bitte beraten
Sie mich in puncto der Schillerstiftung. Ein Armutszeugnis
kann ich freilich nicht beibringen. Zu leben
habe ich wohl, aber nicht genug für solche Kriegsjahre
wie diese." (Er meinte die Jahre seiner Krankheit.) "Als
Künstler hätte ich's wohl besser, um den Schriftsteller

   S. 14
kümmert sich niemand im lieben Vaterlande. Vielleicht
kann ich mir nun also bei der Schillerstiftung meinen
zweiten Korb holen. Den ersten holte ich mir beim Schillerpreis
in Augsburg vor Jahren mit "Und aber ründet
sich ein Kranz"."

Ich schickte ihm die Geburtsanzeige meines Sohnes
Klaus, auf der ich einen Kupferstich von Schongauer
mit einem kleinen, noch befremdet in die Welt sehenden
Kinde abgebildet hatte. Morgenstern nahm herzlichen
Anteil an der Geburt dieses Stammhalters und
widmete ihm im nächsten von ihm erscheinenden Band
das Gedicht vom Häslein.

   Das Häslein

   Dem kleinen Klaus Piper

   Unterm Schirme, tief im Tann,
   hab ich heut gelegen,
   durch die schweren Zweige rann
   reicher Sommerregen.

   Plötzlich rauscht das nasse Gras —
   stille! nicht gemuckt! —:
   Mir zur Seite duckt
   sich ein junger Has ...

   Dummes Häschen,
   bist du blind?

   S. 15
   Hat dein Näschen
   keinen Wind?

   Doch das Häschen, unbewegt,
   nutzt, was ihm beschieden,
   Ohren, weit zurückgelegt,
   Miene, schlau zufrieden.

   Ohne Atem lieg ich fast,
   laß die Mücken sitzen;
   still besieht mein kleiner Gast
   meine Stiefelspitzen ...

   Um uns beide — tropf — tropf — tropf —
   traut eintönig Rauschen ...
   Auf dem Schirmdach — klopf — klopf — klopf...
   Und wir lauschen ... lauschen ...

   Wunderwürzig kommt ein Duft
   durch den Wald geflogen;
   Häschen schnubbert in die Luft,
   fühlt sich fortgezogen;

   schiebt gemächlich seitwärts, macht
   Männchen aller Ecken ...
   Herzlich hab ich aufgelacht—:
   Ei der wilde Schrecken![2]
 
Im Juli 1911 erschien "Ich und Du". Morgenstern hatte,
als das Buch schon beinahe fertig war, den Titel noch

   S. 16 gv
ändern wollen in "Vom Ich und Du", was mir aber
etwas allzu umständlich erschien und was ich ihm ausreden
konnte. —

Im Dezember bot er das Bilderbuch "Klaus Burmann"
an, das in lustiger Weise die Abenteuer eines Tierphotographen,
frei nach Schillings "Mit Blitzlicht und Büchse",
behandelte. Ich konnte mich aber nicht dazu entschließen,
ein so ganz vereinzeltes Bilderbuch zu verlegen,
und setzte ihm auseinander, dass sich mit dem Bilderbücher-
Verlegen nur einige wenige Spezial-Firmen beschäftigen,
bei denen die Sortimenter im Großen einkaufen.
Der "Klaus Burmann" ist dann auch erst 1941
bei Gerhard Stalling in Oldenburg erschienen. —

Am 18. September 1911 konnte ich ihm das erste Exemplar
des neuen "Horatius travestitus", dieses "Studentenscherzes",
in dem das Augusteische Rom zum Berlin
des ausgehenden 19. Jahrhunderts umgewandelt wurde,
vorlegen. Morgenstern schrieb einem Freunde: "An dem
Horaz sind gewiss das beste die neu hinzugefügten
Oden, aber ich hätte sie nie gemacht und dem Buch damit
eine so neue Note mitgegeben, wenn nicht Piper
eine solche Begeisterung für eine Neuauflage bewiesen
und mich zu einer Vermehrung geradezu gedrängt
hätte." Die neu hinzugekommenen sechs Gedichte sind
tatsächlich viel bedeutender als der alte "Studentenscherz".
Sie sind eigentlich das, was heute noch dem
Buch seinen Wert gibt. Besonders das Gedicht "Lass sie
Dreadnoughts bauen und Uberdreadnoughts ..."[3] ist
weithin bekanntgeworden. Die "Neue Zürcher Zeitung"

   S. 17
druckte es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ohne weiteren
Kommentar ab und fügte noch aus einem anderen
Morgenstern-Buch meines Verlags Palma Kunkels
Stellungnahme zur Kriegsfrage ab.[4]

Zu meinem 65. Geburtstag schenkte mir Morgensterns
Witwe aus dem Besitz des Dichters eine reizende Horaz-
Ausgabe, gedruckt in Venedig 1688, in Pergament gebunden
und in zierlichstem Taschenformat.

Im Oktober 1911 schickte mir Morgenstern ein Gedicht
mit der Bitte, es bei einer Münchener Zeitung unterzubringen :

   An Dostojewski

   Das Unerhörte lockte mich von je —
   und darum bleibst Du mir so wert vor allen.
   Dich lässt nicht ruhn der Erde tiefes Weh,
   Du musst aus Schmerzgewölk gewaltig fallen

   wie Blitz und Schloßen oder süßer Strahl
   und jäh, weils immer jäh Dich überfällt.
   Du standst nie satt im zaungezogenen Kral,
   Dich bannte nie des Bürgers platte Welt.

   An Dir soll man sich nähren hier und dort,
   an Dir des Herzens Unruh wieder lernen,
   Du Glut aus Steppenbrand und Gottessternen,
   nicht Künstler bloß, Du, selbst — ein "neues Wort".[5]

   S. 18
Ich bat ihn, das Gedicht selbst einzusenden, denn ich
hätte "keinerlei persönliche Beziehung zu Münchener
Redaktionen". Das war auch wirklich so. Ich habe diese
Beziehungen lange vernachlässigt. Es wäre sicherlich von
Nutzen gewesen, wenn ich von Zeit zu Zeit mit den
neuesten Verlagswerken den Feuilleton-Redakteuren
einen Besuch gemacht und um ihr Interesse für diese
Bücher gebeten hätte. Ich war leider im Besuche-Machen
immer etwas schwerfällig und scheute mich vor allem,
irgend jemandem lästig zu fallen. Ich wollte meine Verlagswerke
durch sich selber sprechen lassen.

Wiederholt riet ich Morgenstern, doch nicht so viele
schmale Gedichtbändchen herauszugeben. Ich schrieb
ihm:

"Bei dieser Gelegenheit möchten wir Ihnen nahelegen,
doch in Zukunft überhaupt nicht mehr Ihre Produktion
auf so viele kleine Bändchen zu vertröpfeln. Die Bände
sind dann verhältnismäßig teuer. Billiger machen kann
man sie aber nicht, da die allgemeinen Vertriebsunkosten
viel zu hoch sind. Man brauchte sie aber nicht
teurer zu machen, wenn die Bände zwei, drei Bogen mehr
enthielten. Ihre Gemeinde, die bei allen diesen kleinen
Bändchen unbedingt mitgeht, ist aber doch noch nicht
so groß, als daß sich diese Verzettelung nicht rächen
sollte. Wir hören auch von Gutgesinnten manchmal:
'Was, schon wieder ein Band Morgenstern?' Wir glauben
Ihnen unbedingt raten zu sollen, jetzt einmal mehr zusammenkommen
zu lassen, etwa einen Band doppelten
Umfangs, ehe Sie wieder eine Sammlung erscheinen
lassen. Ihnen wird das recht äußerlich gedacht erscheinen.

   S. 19
Aber dazu sind wir Verleger ja da, dass wir das
Äußere bedenken, und das ist für die Wirkung leider
oft entscheidend. Auch würde es guttun, wenn zu den
vielen Gedichtbänden jetzt einmal ein Aphorismenband
käme. Wie steht es damit?"

Im Januar 1912 erinnerte ich wieder an den Aphorismenband.
Morgenstern schlug seinerseits einen Band
"Berlin" vor, aus Gedichten und Prosastücken gemischt.
Es ist aber zum Abschluss dieses Manuskripts nicht gekommen.

Zum zehnjährigen Bestehen des Verlags ging ich schon
früh an die Vorbereitung eines repräsentativen Almanachs
und bat Morgenstern um einen autobiographischen
Beitrag. Er antwortete aus Portorose bei Triest:

"Was ich Ihnen zusagen kann, ungefähr, ist folgendes:
die Auswahl der fünf Gedichte, wovon vielleicht ein
oder zwei unveröffentlicht. Eine ganz kurze Notiz wichtigster
Lebenswendepunkte gebend, aber besonders
bauen dürfen Sie darauf auch nicht; denn ich habe im
Grunde nicht die mindeste Lust, mich irgendwie vor die
Leute hinzustellen. Sie sind nicht die einzigen, denen
ich mich mit biographischen Notizen usw. gegenüber so
verhalte. Es ist ja noch bis Ende Mai Zeit. Ich werde
nicht aufhören, daran zu denken und besten Willens
dazu sein. Nur lebe ich jetzt hier ein Garten- (vide
die schlimme Schrift) und Strandleben und damit allem
Offiziellen mehr denn je entrückt. Es wird Sie freuen,
zu hören, dass sich am 1. Mai die Deutsche Schillerstiftung
mit einer Ehrengabe meiner erinnert hat."

Diese "ganz kurze Notiz" sollte lauten: "Geburt, Tod

   S. 20
der Mutter, Friedrich Kayssler, Heirat, Nietzsche, Rudolf
Steiner." Damit konnte ich nun wirklich nichts anfangen,
und auch auf die Leser des Almanachs hätte das
sonderbar gewirkt. Darum schrieb ich ihm:

"Ich will Ihnen natürlich nicht im mindesten zumuten,
sich, wie Sie schreiben, 'vor die Leute hinzustellen', aber
ich meine, wir sollten doch die so seltene Gelegenheit
eines Jubiläums-Verlagsalmanachs benutzen, das Publikum
für Ihre Gedichtbände zu erweitern. Als Ihre Gattin
das letztemal bei uns war, beklagte sie sich etwas
über Vernachlässigung, über das Ausbleiben von Besprechungen
und dergleichen ... Wenn wir nicht müde
werden, für Ihre Bände zu wirken, so müssen Sie uns
darin auch etwas unterstützen und nun nicht sich bei
einer solchen Gelegenheit wortkarg zurückziehen. Ein
solcher Almanach kommt viel unter die Leute, und auf
diese Weise lassen sich auch wertvolle neue Beziehungen
anknüpfen. Wenn wir da nur ein paar Gedichte
wieder abdrucken, die auch schon in den Bänden stehen,
so wird das keine besondere Wirkung tun, aber für unveröffentlichte
Originalbeiträge in Prosa ist ein größeres
Publikum, das deshalb ja noch nicht unwürdig zu sein
braucht, leicht zu interessieren. Ich möchte Sie also nochmals
dringend bitten, doch einen nicht allzu kurzen
aphoristischen Prosa-Beitrag zu liefern, wie er Ihnen
gerade in den Sinn kommt, etwas Tagebuch-Artiges oder
dergleichen. Mereschkowski schreibt uns auch etwas
und ist doch nicht gerade einer von den Schlechtesten.
Mit einer 'ganz kurzen Notiz' ist da wirklich nichts
auszurichten."
 
Als Antwort kam aus Portorose:

   S. 21
"L H P! Die betr. Auffassung ist ein gänzliches Missverständnis.
— Ich hoffe, Ihnen jedoch mehrere Seiten
schicken zu können, da sich mir unerwarteter Weise
einiges Diesbezügliches einzustellen scheint."
 
So entstand auf mein Zureden die bedeutungsvolle
"Autobiographische Notiz"[6], ein besonders aufschlussreiches
Dokument zur Lebensgeschichte Morgensterns.
Zur gleichen Zeit schrieb Morgenstern in eines seiner
Taschenbücher ein Gedicht, das sich mit demselben
Thema beschäftigt. Seine Witwe teilte es mir nach seinem
Tode mit:

   Für Reinhard Piper
 
   Wollt ihr wissen, wer ich bin,
   mögt ihr künden, wer ich werde.
   Über Altem, das dahin,
   öffnen neu sich Mensch und Erde.
 
   öffnen neu sich neuem Geist,
   lassen lange Dürren segnen;
   und was er uns bringt und weist,
   soll fortan allein begegnen.

   Endlich ward das alles neu!
   Geisterschoß, der uns geboren,
   hat uns, unaussprechlich treu,
   neu zu sich zurückbeschworen.

   S. 22
In der endgültigen Fassung lauten die letzten Zeilen so:

   Und der Mensch, der sich gestellt
   schien an allen Wissens Ende,
   sieht auf einmal eine Welt
   unerhörter Aufwärtswende.[7]

Durch diese Verkürzung hat das ursprünglich etwas umständliche
Gedicht zweifellos an Klarheit gewonnen. Die
"unerhörte Aufwärtswende" bezieht sich ohne Zweifel
auf die Wirkung Rudolf Steiners.

Im Oktober 1913 kam Morgenstern für kurze Zeit nach
München. Da er sich fast immer, und zwar häufig wechselnd,
in Kurorten aufhielt, hatte ich nur zwei Begegnungen
mit ihm. Vor diesem letzten Besuch im Verlag,
der kurz vorher aus einer Drei-Zimmer-Wohnung in
der Hohenzollernstraße in größere Räume in die Römerstraße
1 übergesiedelt war, hatte er geschrieben, es möge
doch in dem Besuchszimmer niemand rauchen.

Leider habe ich mir damals nichts über das Gespräch
notiert. Morgensterns ganze Erscheinung war fast körperlos.
Er konnte nur noch flüstern, um so eindringlicher
sprachen seine wunderbaren blauen Augen, die unter
der hohen schmalen Stirn glänzten. Ich habe bei keinem
anderen Menschen so strahlende Augen gesehen.

Im Februar 1914 kündigte er einen Gedichtband an, der
den Titel führen sollte "Wir fanden einen Pfad". Wieder
beschäftigte er sich eingehend mit der äußeren Form.

   S. 23
Von praktischen Fragen der Drucklegung handelte auch
sein allerletzter Brief, geschrieben am 16. März:

"Lieber Herr Piper,
bin vor 14 Tagen 3 Wochen akut erkrankt, laboriere sehr
an Darm, Niere, etc., musste Sanatorium Gries verlassen.
Habe jetzt hier, Meran, Villa Helioburg, Winkelweg,
gemietet, hoffe langsam wieder hochzukommen.
Acceptiere alles von Ehmcke Gesandte, mit Ausnahme
der großen blauen Papierprobe; finde ursprüngliche
kleine Probe (das rötliche Blau) weit schöner; machen
wir also Umschlag von diesem Papier,- ich sende Ihnen
heute I.) das Titelblatt nebst den blauen Papieren der
Ehmckeschen Vorlage zurück. Ich lasse Herrn Professor
nur um eines bitten: den Stein jedesmals streng im
Charakter des Pentagramms zu halten. 2.) sende ich Bogen
I zum Satz fertig, in der von Ehmcke vorgezeichneten
Weise. Erfreuen Sie mich nun durch recht rasche
Weiterführung, lassen Sie den einen Bogen vielleicht
gleich im Originalformat absetzen; ich schicke dann
womöglich sofort den Rest. Also Meran, Villa Helioburg,
Winkelweg.
Ihre 'gleichzeitig' mit der betr. Nachricht annoncierten
Drucksachen kommen immer 3—5 Tage später, woran
mag das liegen?
Mit herzlichen Grüßen Ihnen allen
                        Ihr ergebener
                        Christian Morgenstern"

Ich antwortete sofort:
"Wir nehmen also das blaue Papier der kleinen Probe.
Ich werde Ehmcke veranlassen, den Stern jedesmal
streng im Charakter des Pentagramms zu halten.

   S. 24
Der erste Bogen geht heute an die Druckerei. Sie hätten
uns ja allerdings die Sache sehr erleichtert, wenn Sie
gleich das ganze Manuskript gesandt hätten. Druckereien
fangen auch nicht gern mit so wenig Blättern an,
um dann die Arbeit wieder abzubrechen. Auch hätten
wir, wenn wir das Manuskript ganz gehabt hätten, schon
gleich das Papier bestellen können, um dabei jeden Aufenthalt
zu vermeiden.

Die Widmung an Rudolf Steiner lassen wir in einem
großen Grad der Type des Buches und in Versalien setzen.
Wenn die Anordnung des Titelblattes nicht aufs
erste Mal glücken sollte, so werden wir dasselbe durch
Herrn Ehmcke in bessere Form bringen lassen."
 
Der erste Korrekturbogen verließ schon am 21. März
die Druckerei Ohlenroth in Erfurt. Er wurde von Morgenstern
bis ins kleinste durchgefeilt. Die Ausstattung
hatte ich F. H. Ehmcke übertragen.

Morgenstern sollte das Fertigwerden des Buchs nicht
mehr erleben. Er starb in der Nacht zum 31. März in
Meran. Am 2. April schrieb ich an seine Frau. Ich habe
diesen Brief jetzt mit einem gewissen Zögern wieder in
die Hand genommen. Kondolenzbriefe gelingen nicht
immer. Mich hemmt dabei manchmal das Gefühl, dem
vom schwersten Verlust Betroffenen das eigene Empfinden
nicht mitteilen zu können und so den Empfänger
zu enttäuschen. Aber in diesem Fall konnte ich doch den
Brief ohne Beschämung wiederlesen:

"Verehrte gnädige Frau!
Als ich gestern abend ein Konzert besuchen wollte, fiel
mir zufällig noch die Zeitung in die Hand mit der Nachricht
von dem Tode Ihres Gatten. Schon bei seinem letzten

   S. 25
Besuche, wo uns seine ganz durchgeistigte, zarte
Erscheinung tief rührte, mussten wir für sein Leben
zittern und konnten eigentlich jeden weiteren Tag nur
noch wie ein unerwartetes und kaum glaubhaftes Geschenk
empfinden. Nun ist die zarte, von Ihnen mit
soviel Liebe gehütete Lebensflamme erloschen oder
brennt in einem reineren Lichte. Glauben Sie uns, dass
wir aufrichtig mit Ihnen fühlen. Gewiss ist das Wertvollste,
was Sie im Leben besaßen, jetzt der Erde übergeben
worden.
Wie gern hätten wir dem Dichter die Freude gemacht,
ihm noch sein Buch, das nun sein letztes geworden ist,
fertig zu überreichen. Jeden Tag erwarteten wir die weiteren
Korrekturen von der Druckerei, die wir, was sonst
im Geschäftsleben nicht zu geschehen pflegt, durch
einen Hinweis auf das schwere Leiden des Dichters
zu besonderer Sorgfalt bei der Arbeit anzuspornen
suchten.
Selbstverständlich betrachten wir es als unsere hohe
Pflicht, die Werke des Dichters, die unserm Verlag anvertraut
sind, nach besten Kräften zur Geltung zu bringen.
Der Tod lässt so manche, sonst gleichgültige Menschen
einen Augenblick auf ihrem Wege anhalten, und
so werden wir morgen an eine große Reihe von Zeitschriften
und von Persönlichkeiten die fünf Bücher mit
einem ausführlichen Brief senden. Auch den Verlagsalmanach
mit der autobiographischen Notiz fügen wir
überall bei. Leider besteht bei den Zeitungen manchmal
die Unsitte, auch in solchen Fällen das Publikum nicht
so gut wie möglich, sondern so schnell wie möglich zu
orientieren. Wir hoffen aber doch, daß einige von denen,

   S. 26
auf die es ankommt, sich jetzt die Zeit nehmen, tiefer in
die Persönlichkeit des Dichters einzudringen.
Die Arbeiten an dem letzten Bande werden wir ganz im
Sinne des Dichters zu Ende führen und diesen Band
auch nun so bald als möglich fertigstellen ...
                  Ihr R. P."

Der Dichter hätte sich keine bessere, tätigere Verwalterin
seines Nachlasses wünschen können als seine Gattin.
Zu seinen Lebzeiten waren nur schmale Bände erschienen.
Er hatte seine Gedichte immer zu Zyklen zusammengestellt
und als solche veröffentlicht. Die Gedichte,
die in solche Zyklen nicht hineinpassten, blieben zurück.
Es war noch kein Prosa-Buch von ihm vorhanden. Ein
Hauptwerk wie die "Stufen" wurde erst aus seinen vielen
Taschenbüchern zusammengetragen. So konnten bis
zum Jahre 1944 insgesamt siebzehn Nachlass-Publikationen
erscheinen.

Die Zusammenarbeit mit Frau Morgenstern war nicht
immer ganz einfach. Ihre Stimmung wechselte sehr. Das
eine Mal sprach sie mir in überschwenglichen Worten
ihren Dank aus, dann wieder beschwerte sie sich über
Vernachlässigung und ließ mich Misstrauen fühlen. Ich
formulierte gelegentlich, sie behandle mich abwechselnd
mit Zuckerbrot und Peitsche. Sie konnte selbst sehr empfindlich
sein. Neben ihr in Breitbrunn am Ammersee
wohnte Ernst Buschor, der Verfasser der "Griechischen
Vasen". Beide Häuser lagen in Gärten. Frau Morgenstern
ließ sich des öfteren von Buschor beraten, besonders auch
in stilistischen Fragen. Sie erzählte mir einmal, wie
"taktlos" sich Buschor benommen habe: Sie sei mit einer

   S. 27
solchen Frage zu ihm an den Gartenzaun gekommen
und habe hinzugefügt: "Das ist nun aber das letzte Mal,
dass ich Sie bemühe!" Daraufhin habe er erwidert: "Na,
na, wer weiß!" Dies empfand sie besonders "einer Dame
gegenüber" als höchst unpassend.

Morgenstern schreibt von ihrer Mutter, sie sei eine "dem
gesellschaftlichen Codex streng ergebene Dame". Auch
Frau Morgenstern war ein solcher Codex nicht ganz
fremd. In der Biographie ist die schöne Aufnahme Morgensterns
"Liegekur in Arosa 1912" wiedergegeben. Nur
nach längerem Zögern konnte Margareta Morgenstern
sich entschließen, dieser Veröffentlichung beizustimmen.
Morgenstern lag doch da sozusagen im Bett. Die
Aufnahme musste dann so beschnitten werden, dass fast
nur der Kopf übrigblieb.

Ich habe es Margareta Morgenstern sehr zugute gehalten,
dass sie niemals einen Versuch gemacht hat, mich
zu Rudolf Steiner zu bekehren. Nicht einmal die Lektüre
seiner Bücher hat sie mir nahegelegt. Als Verehrer
Schopenhauers wäre ich für Steiner auch wohl kaum
aufnahmefähig gewesen.

In den letzten Jahren hat ihre wechselnde Stimmung
mehr einer Stetigkeit Platz gemacht, und sie hat mir
mehr und mehr ein gleichbleibendes Wohlwollen entgegengebracht.
Zu meinem 50. Geburtstag 1929 schenkte
sie mir zu meiner Freude Morgensterns eigenhändig
geschriebenes Manuskript zu "In Phanta's Schloss", entstanden
in Berlin 1895. Noch reicher bedachte sie mich
zu meinem 65. Geburtstag. Zu diesem sandte sie mir
eine Ölstudie und eine Zeichnung des Großvaters sowie
eine des Vaters von Morgenstern. Dazu das bis in seine

   S. 28
letzten Tage viel vom Dichter benutzte Taschenschach
mit der Niederschrift einer von ihm selbst erfundenen
Schachaufgabe und graphische Blätter verschiedener
Künstler aus dem Besitz des Vaters, schließlich ein
Exemplar der hektographischen Zeitschrift "Deutscher
Geist", die Morgenstern als ganz junger Mensch mit
seinen Freunden herausgegeben hatte.

Bald nach Morgensterns Tod wurde eine Biographie
geplant. Diese sollte von Michael Bauer geschrieben
werden, der Morgenstern in dessen letzter Lebenszeit
besonders nahegestanden hatte. Bauer war früher Lehrer
in Nürnberg gewesen und hatte in der Christengemeinschaft
mitgewirkt. Er krankte an dem gleichen schweren
Lungenleiden wie der Dichter. Frau Morgenstern
nahm ihn in ihr Haus in Breitbrunn am Ammersee auf
und betreute ihn dort bis zu seinem Tode. Die Arbeit
an der Biographie rückte nur außerordentlich langsam
vor, und es wurde immer zweifelhafter, ob Michael
Bauer sie jemals vollenden werde. Es konnte aber auch
zu seinen Lebzeiten kein anderer Bearbeiter gesucht
werden, denn diese Aufgabe erhielt ihn am Leben. Ich
besuchte ihn im Sommer 1928. Er war von der Krankheit
schon sehr abgezehrt. In mein Album schrieb er
mir: "Wie ganz anders würde ich vorwärts kommen,
wenn nicht so viel Schweres auf mir läge! sagte der
Mensch. — Wie ganz anders wollte ich mein Werk tun,
wenn nicht die schweren Gewichte an mir hingen! sagte
die Schwarzwälder Uhr." — Nach Michael Bauers Tod
gewann Frau Morgenstern für die Beendigung des Werkes
den Pfarrer der Christengemeinschaft Rudolf Meyer.

   S. 29
Dieser machte sich mit großer Frische an die Arbeit
und beendete sie, in steter Verständigung mit Frau Morgenstern,
in überraschend kurzer Zeit. Er ging dabei vielleicht
manchmal, besonders in stilistischen Dingen, etwas
unbedenklich vor, aber ohne eine solche Unbedenklichkeit
wäre das Buch wohl nie fertig geworden. Zwanzig
fahre nach Morgensterns Tod lag seine Biographie endlich vor.

Morgenstern war ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten
Weltkriegs gestorben. Während des Kriegs wurden
nach und nach Neuauflagen seiner Bücher nötig, doch
war die Höhe dieser Auflagen sehr bescheiden. So erschien
die zweite Auflage der "Einkehr" in 1300 Exemplaren,
diejenige von "Ich und Du" 1916 in 1500 Exemplaren.
Eine Neuauflage von "Wir fanden einen Pfad"
war schon 1914 gedruckt worden, die dritte Auflage
1915, und zwei Jahre später erschien dann das 5.-7.
Tausend.

Im Mai 1918 erschienen zum erstenmal die "Stufen",
also der Aphorismenband, von dem Morgenstern in
seinem ersten Brief an den Verlag gesprochen hatte.
Hierbei kam es zu einer kleinen Verstimmung. Mir
wollten manche Notizen nicht wichtig genug vorkommen,
so zum Beispiel: "Wenn ich ein Musiker wäre, so
würde ich eine Symphonie Vineta schreiben!"[8] Dies erschien
mir allzu vage. Man konnte sich danach die Symphonie
doch in keiner Weise vorstellen. Ich riet Frau
Morgenstern, derartiges doch wegzulassen, was sie jedoch
ablehnte. Später bin ich toleranter geworden.
Dagegen wollte ich meinerseits einmal mit verschiedenen

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andren Gedichtproben auch "In Phanta's Schloss"
das zweite der Wolkenspiele abdrucken:

   "Es ist, als hätte die Köchin
   des großen Pan
   — und warum sollte der große Pan
   keine Köchin haben?
   Eine Leibnymphe,
   die ihm in Kratern
   und Gletschertöpfen
   köstlichen Bissen brät
   und ihm des Winters
   Geysir-Pünsche
   sorglich kredenzt? —
   Als hätte diese Köchin
   eine Schüssel mit Rotkohl
   an die Messingwand
   des Abendhimmels geschleudert.
   Vielleicht im Zorn,
   weil ihn der große Pan
   nicht essen wollte ..."[9]

Margareta Morgenstern schrieb mir daraufhin: "Ich vermute,
Sie wählten es vorwiegend seiner Kürze wegen,
um Raum zu ersparen. Dies Gedicht gehört doch nun
aber wirklich zu den allerschwächsten des Buchs. Es ist
weder künstlerisch irgendwie von Gewicht noch inhaltlich,
da das Bild ja doch reichlich willkürlich ist und
seine Bizarrerie in keiner Weise einen Ausgleich schafft,
die Verbürgerlichung des Kosmos aber sicher nichts ist,
was auf die Dauer standhält. Vor allem aber würde ich

   S. 31
als Leser nicht das geringste Interesse an dem Buch "In
Phanta's Schloss" bekommen, nach dieser Probe." Ich
wunderte mich, dass man so verschiedener Meinung sein
kann. Mir hat das Rotkohl-Rot auf dem messinggelben
Abendhimmel immer besonders gut gefallen. Es ist ein
origineller Einfall und sehr prägnant ausgedrückt.

Die "Stufen" erschienen 1918 in einer ersten Auflage
von nur 2400 Exemplaren. Es war damals Kriegszeit,
der Verleger musste sich sein eng begrenztes Papierkontingent
sehr genau einteilen. Im Dezember des nächsten Jahres
wurden weitere 4000 Exemplare gedruckt. Nun
folgten die Neuauflagen schnell aufeinander. 1921
hatte "Wir fanden einen Pfad" sein 20. Tausend erreicht,
dann wurden in einem Jahr, 1922, insgesamt
63000 Bände Morgenstern hergestellt. Es war Inflationszeit.
Auch die Bücherpreise stiegen. Man hatte die Taschen
voller Geld und kaufte, ohne lange zu zögern. Wer
wusste, was die Bücher morgen kosteten! Nach der Stabilisierung
wurden die Auflagen wieder bescheidener.
Das Jahr 1927 brachte zwei Nachlass-Bände, "Die Schallmühle"
und "Mensch Wanderer". Der erste war eine
Sammlung von Grotesken und Parodien, der zweite ein
biographisch geordneter Band nachgelassener Gedichte,
dessen letzte Stücke kurz vor dem Tod des Dichters
geschrieben worden waren. "Die Schallmühle" erhielt
vier phantasievolle Scherenschnitte, die man Galgenlieder
aus Farbe und Papier nennen könnte.

1929 kam der Auswahlband zustande. Auch von dem
Plan einer solchen Auswahl hatte der Dichter schon in
einem seiner ersten Briefe geschrieben.

   S. 32
Die Auswahl wurde dann später völlig umgestaltet und
erschien neu unter dem Titel "Meine Liebe ist groß wie
die weite Welt".

Zum 20. Todestag Morgensterns 1933 schrieb ich den
Aufsatz "Christian Morgenstern in München", wozu
ich mancherlei Studien machte, mich mit einer Tante
Morgensterns, einer alten Dame, in Verbindung setzte
und das Geburtshaus Morgensterns in der Theresienstraße
und das Haus seiner Kindheit in der Nymphenburger
Straße aufsuchte. Der Aufsatz erschien mit einer
Zeichnung des Großvaters und einer des Vaters Morgenstern
in den "Münchner Neuesten Nachrichten" und
wurde, etwas umgearbeitet, 1939 noch einmal in der
Wochenschrift "Deutsche Zukunft" abgedruckt.

Im Herbst 1933 wurde Friedrich Kayssler, der große
Schauspieler und Jugendfreund des Dichters, von Bekannten
darauf aufmerksam gemacht, dass Christian
Morgenstern in dem von Theodor Fritsch herausgegebenen
"Handbuch der Judenfrage" als "jüdische Mischung"
aufgeführt sei. Es war, wenn ich mich recht erinnere,
hinzugefügt: "Manchem kommt sein Witz ganz
jüdisch vor." Der literaturgeschichtliche Teil dieses Buchs
stammte von dem bekannten Judenfresser Adolf Bartels.
Eine solche Behauptung bedeutete damals geradezu
ein Verdikt für Morgensterns Werk. Sie wog um
so schwerer, als das Handbuch mit viel Reklame als
ein "Meisterwerk in der Tatsachenauswahl, makellos
in wissenschaftlicher Gründlichkeit" angezeigt wurde.
Trotz dieser "makellosen Gründlichkeit" war im Falle

   S. 33
Morgenstern nicht die geringste Nachforschung erfolgt.
Ich übergab die Sache dem Rechtsanwalt Wilhelm Diess.
Theodor Fritsch ließ die Angelegenheit von seinem Mitarbeiter
Adolf Bartels weiterführen. Dieser schrieb an
Diess, ehe man sich auf die Beschwerde einzulassen
brauche, müssten doch erst einmal die Vorfahren Morgensterns
festgestellt und deren Bildnisse beigebracht
werden. Der berühmte Literatur-Historiker wusste nicht,
dass dieses ganze Material schon seit einem halben Jahr
in der Morgenstern-Biographie vorlag. Es wurde dann
sehr bald ein Gerichtsurteil erwirkt, welches den weiteren
Verkauf des Handbuchs verbot; auch musste Theodor
Fritsch 500 RM als Entschädigung zahlen. Diese Summe
traf umgehend ein, so dass ich das Gefühl hatte: Der
Mann ist seelenfroh, dass man nicht 5000 RM verlangt
hat. — Auch späterhin erreichten uns wiederholt Anfragen
von verängstigten Menschen, die Vorträge oder
Aufsätze über Morgenstern planten und bestätigt haben
wollten, dass der Dichter bestimmt kein Jude sei. Morgenstern
stand zeitlebens mit einzelnen Juden in freundschaftlicher
Verbindung, so mit Ephraim Frisch und
seiner Frau Fega, in jüngeren Jahren mit dem Dichter
Georg Hirschfeld, dem Theaterleiter Max Reinhardt und
dem Musiker Ludwig Landshoff. Auch sein Verleger
Bruno Cassirer war Jude.

Als Cassirer 1937 Deutschland verlassen und seinen Verlag
auflösen musste, hatte ich erwartet, dass Frau
Morgenstern die Bücher ihres Gatten, die dadurch frei
wurden, mir übergeben würde. Ich hatte mich deswegen
schon wiederholt bei ihr gemeldet. Statt dessen hatte sie

   S. 34
eines Tages, ohne mich vorher davon zu verständigen,
mit dem Insel Verlag abgeschlossen. Ich war darüber
sehr verstimmt. Frau Morgenstern verschanzte sich gerne
hinter die "Freunde". Es hieß dann: "Die Freunde meinen ...",
oder "aber meine Freunde sagen ...". In diesem
Fall berief sie sich auf Friedrich Kayssler, und ich
fragte nun diesen, welche Gründe er für den mich befremdenden
Schritt gehabt habe. Er antwortete, auf der
Reichsschrifttumskammer sei ihnen geraten worden, die
Bücher einem anderen Verlag zu geben, denn es sei vorteilhaft,
wenn nicht alle Bücher bei demselben Verlag
und in derselben Stadt erschienen. Von einer anderen
Stadt aus würden für den betreffenden Autor auch wieder
neue Publikumskreise gewonnen. Ich fand dies
höchst sonderbar und drückte meine Verwunderung
darüber aus, dass er unter diesen Voraussetzungen alle
vier bei Cassirer erschienenen Bücher dem Insel Verlag
gegeben habe, es wäre dann doch besser gewesen, sie auf
vier verschiedene Verlage in vier verschiedenen Städten
zu verteilen, dadurch hätte man ja noch mehr Kreise
gewinnen können. Besonders verärgert war ich, als ich
erfuhr, der Insel sei auch der Verlag des seit vielen Jahren
von mir im Verein mit Frau Morgenstern geplanten
Briefbandes zugesagt worden, und zwar habe man diesen
Briefband deshalb zusagen müssen, weil die Insel
auch den weniger gängigen Cassirer-Band "Melancholie"
und die Bücher "Klein Irmchen" und das "Hasenbuch"
übernommen habe. Ich hatte wegen des Briefbandes mit
Frau Morgenstern seit Jahren in Korrespondenz gestanden
und mir einzelne, Frau Morgenstern unbekannte
Briefe verschafft. Auch hatte ich im Interesse des Briefbandes

   S. 35
schon vor Jahren Friedrich Kayssler besucht. Frau
Morgenstern war es selbst nicht gelungen, ihn dazu zu
bewegen, die an ihn gerichteten Morgenstern-Briefe aus
seinen auf dem Speicher verwahrten Koffern hervorzuholen
und sie auf eine Briefauswahl hin durchzulesen.
Ich hatte damals sehr lange auf Kayssler eingeredet und
ihn soweit gebracht, dass er damit begann, die aufzunehmenden
Briefe abschreiben zu lassen.

Der Briefband ist bis heute, Frühjahr 1945, noch nicht
erschienen, aber ich gebe die Hoffnung nicht ganz auf,
dass Frau Morgenstern schließlich doch mir den Band
übergeben wird.*

Im Jahre 1937 erschien von "Wir fanden einen Pfad"
das 50. Tausend, von den "Stufen" das 60. Tausend.
"Die Schallmühle" hatte keinen sehr lebhaften Widerhall
gefunden. Frau Morgenstern, die Unermüdliche,
ordnete deshalb den Inhalt um, gab einiges Unveröffentlichte
dazu, und das Buch bekam mit dem neuen
Titel "Böhmischer Jahrmarkt" ein völlig neues Gesicht.
Ein Jugendfreund Morgensterns, Friedrich Beblo, zeichnete
einen Umschlag dazu, der aber etwas unruhig und
unklar ausfiel. Schließlich gab man dem Buch einen
Umschlag von Friedrich Pauser — den nun hoffentlich
endgültigen.

Burgrain/München, Mai 1945

___________
* Der Morgenstern-Briefband erschien bei Piper 1962 unter
dem Titel "Alles um des Menschen willen".

Fußnoten

  1. Legende
  2. Das Häslein
  3. V, 8 (Aus dem Nachlaß des Horaz)
  4. Palma Kunkeln naht die Frage (o. T.)
  5. An Dostojewski
  6. Autobiographische Notiz
  7. Für Reinhard Piper
  8. Aphorismus Nr. 98
  9. Wolkenspiele II