Aphorismen - In me ipsum - 1897
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1897
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Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige Sehn-
sucht nach praktischem Schaffen im Großen. Plastik wäre (und
Architektur) mein höchster Fall. Meine höchste Liebe galt immer
dem Gegenständlichen, der Linie, der Farbe, dem Ton an sich.
Schon er allein vermochte mich zu entzücken, wieviel mehr erst
seine organischen Verbindungen.
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Was ich für mich möchte: Die unbeschränkte Möglichkeit, aus-
zubilden, was von Entwickelungsfähigem in mir ist. In Sonder-
heit das, was vom Künstler und - wenn ich so unbescheiden reden
darf - vom Philosophen in mir steckt. Erkennen der Gestalten
sind für mich die höchsten Verführungen des Lebens. Ein Künst-
ler, der zugleich auf dem vorgeschobensten Punkte der Erkennt-
nis stünde, wäre mein
Künstler. Er wäre mir der sieghafteste
Typus des schöpferischen Menschen. Lionardo war vielleicht die-
ser Typus.
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Ich bin alles eher als ein Ideologe. Wenn ich nicht daran glaubte,
daß das, was ich meine Kunst nenne, dem Leben so fruchtbar
(und fruchtbarer) sei wie soundso viele gesellschaftliche Tätig-
keiten allgemein sichtbarer Art, so vermöchte ich nicht weiterzu-
leben. Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Menschen, die außer-
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halb der Maschine mehr leisten als innerhalb, geradezu die
Pflicht hätten, ihre individuelle Begabung vor dem Moloch zu
retten, wie würde ich immer wieder die inneren Stimmen, meine
versunkenen Glocken, zum Schweigen bringen können, die mein
Schaffen zu müßigem Zeitvertreib entwerten wollen, während es
mein verzehrender Ehrgeiz ist, den Dichter in mir zu seiner
höchsten ihm erreichbaren Höhe zu entwickeln, mein durch das
Mittel der Poesie in die Welt wirkendes Ich so harmonisch als
möglich erblühen und reifen zu lassen, aus mir zu züchten und
herauszuholen, was nur immer von menschheitlichem Wert in
mir steckt.
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Dieser Norden! Da wacht man in der verheißendsten Stimmung
auf. Griesgrämig, grau, teilnahmslos ruhen die großen Augen der
Fenster auf dir, als wollten sie sagen: Wozu regst du dich so auf?
Was willst du mit deinen törichten Idealen? Alles ist eitel.
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Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.
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Träume
Die wilde Jagd.
Der Schächer am Kreuz.
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Man muß sich nicht allzu schweigend entwickeln wollen und
nicht etwa erst mit dem Vollendeten vor die Welt treten: man un-
terschlägt damit zu viel psychologisches Material. Ein begabter
Mensch ist schließlich auf jeder Stufe interessant.
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Mir selber: Die nichtswürdige Phantasterei an sich
in mir
zu überwinden und sie in den Dienst des Lebens
zu stellen.
Wirklichkeitsfreude, Freude an allem, restlos, Genußkraft der
Lichtseite, aber auch
der Nacht- und Kehrseite des Daseins,
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Erhöhung der eigenen Lebenskraft durch sentimentalitätslosen
Genuß der unendlichen Bewegung
, welche das Leben ist.
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Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das
lange im Nassen gelegen hat.
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Den Gefahren, in welche mich von meinem 23. Jahre an die
Schwäche und Reizbarkeit meiner Lunge brachte, verdanke ich
nicht nur die Bestärkung in einer maßvollen und regelmäßigen
Lebensweise, sondern auch die ruhige, fast ununterbrochene in-
nere Entwickelung, die ich in diesen kritischen Jahren genom-
men habe. Ich habe also vielleicht gerade in diesen Jahren den
Grund zu einem im doppelten Sinne gesunden Leben legen
dürfen.
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Es gibt keine unwahreren und beleidigenderen Worte als: "Alles,
was ist, ist vernünftig" und das Stirnersche[1], das etwa so lautet:
Denke nicht, du hättest je etwas anderes werden können, als was
du geworden bist. Allerdings
hätte ich das, denn unser ganzes
Leben ist nur die Linie einer Möglichkeit, und wir würden oft
ganz anders erscheinen, wenn unsere Fähigkeiten auch immer
die Gelegenheiten finden würden, sich zu betätigen, sie auszule-
ben. Wie oft ich
dies empfinde, was ich alles in mir verlorenge-
hen fühle, wie ich ein Leben wie das Benvenuto Cellinis[2] beneide,
wer glaubt mir das auch nur!
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Was viele autonome Menschen oft jahrelang aller Gesellschaft
fernhält, ist, daß sie nichts so wenig vertragen können, als sich
von jedem "Wohlmeinenden" über ihre Verhältnisse, Lebensart,
Schaffensweise, Absichten, Ziele, Aussichten etc. ausfragen zu
lassen. Nichts gleicht meinem Ekel, den ich vor mir und den
Fremden empfinde, wenn es wieder einmal gelungen ist, das
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Zarteste, Verborgenste, nur aus und in dem Individuum Ver-
ständliche mir aus den allzuleichtfertigen Lippen zu locken. Ich
verachte mich aufs tiefste in diesem Punkte: denn es bedarf nur
so wenigem, um mich gedankenlos redselig - früher sagte ich
"offen" - zu machen.
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Die Interpunktion wird mich noch einmal verrückt machen.
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Fußnoten
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 21ff.