Sehr geschätzter Herr Morgenstern! (o. T.)
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Sehr geschätzter Herr Morgenstern!
Sie beabsichtigen, Ihre 'Galgenlieder' der Öffentlichkeit zu
überantworten, ein Unterfangen, zu dem ich Ihnen, wie Sie wissen,
immer Mut gemacht habe. Es fehlt unserer neueren Literatur
leider nur zu sehr an wirklich tiefen und gedankenvollen
Dichtungen, in denen sich der echt deutsche Hang zum Übersinnlichen
mit der unmittelbaren Freude an der Welt der Erscheinungen
gepaart findet.
Sie wünschen nun von mir eine Art Einführung des Lesers in Ihre
schönen Poesien, aber, mein sehr verehrter, lieber Herr, ich ziehe
doch vor, einer Aufforderung nicht zu folgen, der Sie selbst instinktiv
aus dem Wege gegangen sind, indem Sie wahrscheinlich
des Dichterwortes gedachten: 'Bilde, Künstler, rede nicht.' Meiner
unmaßgeblichen Meinung nach ist es gering, wenn der Leser
erfährt, daß Sie die 'Galgenlieder' für einen Freundeskreis erfunden
haben, mit dem Sie vor Jahren ausgelassene Abende verlebten,
daß dieser Kreis sich Galgenberg nannte und einen
Schuhu, einen Verreckerle, einen Gurgeljochem, einen Rabenaas,
einen Stummen Hannes, einen Veitstanz, ein Gespenst und
einen Faherüggh - ich schreibe wohl richtig? -, mit dem Beinamen
der Unselm, zu seinen Mitgliedern zählte, daß sein Zuhöchsthängender
zugleich der geniale Vertoner vieler Ihrer Weisen
war und daß Sie selbst, nachdem Zeit und Umstände den
Kreis schon lange auseinandergesprengt, die einmal angeschlagene
Tonart weiter pflegten, so daß zu dem ursprünglichen
Grundstock noch manches ernste und heitere Stück hinzu erstand.
In die Gedichte selbst jedoch hineinzutreten, als der Philosoph
und Philologe, der ich bin, in ihre wunderlichen Schächte
einzusteigen und mit der Grubenlampe meines außerordentlichen
Wissens, wie Sie allzu gütig schreiben, ihre Geheimnisse
und Verborgenheiten abzuleuchten, halte ich zum mindesten für
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verfrüht. Bedenken Sie auch, daß ich bei meinem Alter nicht
mehr imstande sein würde, einen wirklichen, einen ernsthaften
Kommentar Ihrer Carmina zu Ende zu führen. Denn wir dürfen
uns nicht verhehlen, daß ein solcher nicht einen, sondern eine
ganze Anzahl Bände umfassen müßte - ich erwähne bloß den
rein philologischen, den philosophischen, den psychologischen,
den naturwissenschaftlichen, den literarischen, vom rein schönliterarischen
ganz zu schweigen.
So muß ich denn, wenn auch mit blutendem Herzen, auf diesen
mich hoch ehrenden Auftrag verzichten, bin aber zu weiteren
Diensten stets gern bereit.
Hochachtungsvoll!
Jeremias Mueller, Dr.phil.
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 3, S. 295f.