Versuch einer Fastenrede. Entwurf

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123. [Fastenrede. Entwürfe und Studien 1907/08]

     [Versuch einer Fastenrede. Entwurf]

     Möge Deutschland nie glauben, daß man in eine neue
     Periode des Lebens treten könne ohne ein neues Ideal.

5

     Möge es bedenken, daß wirkliches Leben von unten
     auf, nicht von oben her wächst, daß es erworben, nicht
     gegeben wird.
     Und: Die Einheit selbst ist das Reich nicht.
     (Paul de Lagarde, Über die gegenwärtige Lage des

10

     deutschen Reichs. 1875. Der deutschen Schriften sechstes
     Stück.)

Lassen Sie mich, im Augenblick, an Maximilian Harden nur das
eine sehen: Daß er lange Jahre hindurch wohl nicht als einziger,
jedenfalls aber energischster bürgerlicher Publizist den Unernst,

15

die Lauheit, die Selbstgefälligkeit, die Verlogenheit und das
knechtschaffene Wesen verhöhnt und gebrandmarkt hat, dessen
sich ein Teil der Presse unserer sogenannten besseren Gesell­schaft
und damit ein Teil dieser Gesellschaft selbst schuldig ge­macht
hat und noch schuldig macht.

20

Man hätte den Herausgeber der "Zukunft" in vielem anders gewünscht,
ohne Zweifel.
Aber man soll nicht vom Weichselbaum Süßkirschen wollen,
noch vom Dornbusch Quitten. Genug, wenn aus dem Dornbusch
manchmal - die Flamme schlägt! Ja, genug, in einer an le­bendigen

25

Feuer[n] so armen Zeit, wie die war, auf die wir zurückblicken.

Gestatten Sie mir, diese bei aller unvermeidlichen Ungerechtig­keit
im einzelnen gleichwohl, wie ich fürchte, gerechte Anklage
jener Zeit, insonderheit, immer im Groben und Gröbsten gespro­chen,

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ihres Bürgertums, ihres Adels und ihrer Fürsten, ein wenig

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des näheren — ob auch, wie mir bis zum Übermaß bewußt, in
keinem Betrachte Zureichenden — zu begründen.
Ich denke sehr wohl an China, an Afrika, an unser Heer, unsere
Flotte, an unsere Bauern, Arbeiter, Ärzte, Gelehrten, Techniker,

5

Kaufleute, Künstler, und wen alles müßte man nicht noch nen­nen,
ich sehe das ungeheure Schauspiel nationaler Pflichterfül­lung,
das sich täglich, wie etwas durchaus Selbstverständliches,
abrollt, in seiner ganzen Größe vor mir, — und doch ist mir dies
neue Reich immer noch nur eine Hoffnung, keine Erfüllung. Wir

10

haben uns, seit Ibsen in dem Bismarckschen Deutschland verge­bens
Schönheit, Seelenschönheit, suchte, seit Nietzsches empörte
Fernsten-Liebe das bittere Wort "Europas Flachland" prägte,
seit Lagarde, der dasselbe Land das Herz Europas nannte, am
Totenfeste 1885 seine theologisch-politischen Traktate mit der

15

dumpfen Klage abschloß: Die Guten faul, die Besten ganz ver­zagt, /
und keine Hand bot sich zum heiligen Bunde. / O großer
Gott, wie ferne ist die Stunde, / in der des neuen Lebens Sonne
tagt! — vielleicht um ein Gewisses zum Besseren verändert. Der
Bildungsphilister (um an einen bewährten Ausdruck anzuknüpfen)

20

ist wenigstens zum Bildungsparvenü geworden.
David Straußische Ideale beherrschen ihn im wesentlichen nach
wie vor; aber selbst mit solchen Idealen im Blute wirkt eine ju­gendliche
Bourgeoisie besser, als eine greisenhafte, und dies —
den Glanz einer höheren Jugendlichkeit — werden die Gebildeten

25

der letzten drei, vier Lustren immerhin und in manchem Be­trachte
nicht ohne Recht über sich gebreitet sehen wollen.
Gleichwohl bleibt Spießbürger darin Spießbürger, ob er nun im
Luftschiff dahinfliegt oder in begeisterten Pantoffeln Shakespearen,
Goethen, Beethoven nachzustapfen glaubt, Persönlichkeiten,

30

von denen jede einzelne, wahrhaft erlebt, ihn erdrücken oder
von Grund aus verwandeln müßte, — gleichwohl ist und bleibt
auch der Jungstraußianer im Kardinalbekenntnis, nämlich des­sen,
was Bildung, was Kultur ist und sein soll, mit seinem Ahn­herrn
eines Urteils, einer Grundstimmung. Rufen wir uns doch

35

wieder einmal jene berühmte und schon einmal gewürdigte Auskunft

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ins Gedächtnis zurück, die im "Alten und neuen Glauben"
auf die Frage "Wie ordnen wir unser Leben?" gegeben wird, und
sehen wir zu, was daran heute — schon — von der Allgemeinheit
als verächtlich empfunden werden möchte, und was noch nicht.

5

Wird des ersten so viel sein?
Sie lautet: "Wie gleich anfangs erinnert, wir wollen" — gemeint
sind die Gebildeten — "mit niemandem streiten, sehe jeder, wie
er’s treibe: wir wollen nur noch andeuten, wie wir es treiben,
schon lange Jahre her getrieben haben. Neben unserem Berufe —

10

denn wir gehören den verschiedensten Berufsarten an, sind keineswegs
bloß Gelehrte oder Künstler, sondern Beamte und Mili­tärs,
Gewerbtreibende und Gutsbesitzer; auch das weibliche Ge­schlecht
ist unter uns nicht unvertreten; und noch einmal, wie
schon gesagt, wir sind unsrer nicht wenige, sondern viele Tau­sende

15

und nicht die schlechtesten in allen Landen — neben unsrem
Berufe, sage ich, und dem Leben in der Familie und mit den
Freunden, suchen wir uns den Sinn möglichst offen zu erhalten
für alle höheren Interessen der Menschheit; wir haben während
der letzten Jahre lebendigen Anteil genommen und jeder in sei­ner

20

Art mitgewirkt an dem großen nationalen Krieg und der Aufrichtung
des deutschen Staats, und wir finden uns durch diese so
unerwartete als herrliche Wendung der Geschicke unsrer vielge­prüften
Nation im Innersten erhoben. Dem Nachdenken über
dasjenige, was den Völkern wie den einzelnen zum Heil oder zum

25

Verderben gereicht, gibt ja dieser Krieg unerschöpflichen Stoff;
an sittlichen Lehren war nie eine Zeit reicher als die letzten Jahre.
Dem Verständnis dieser Dinge helfen wir durch geschichtliche
Studien nach, die jetzt mittelst einer Reihe anziehend und volks­tümlich
geschriebner Geschichtswerke auch dem Nichtgelehrten

30

leicht gemacht sind; dabei suchen wir unsre Naturkenntnisse zu
erweitern, wozu es an gemeinverständlichen Hülfsmitteln gleich­
falls nicht fehlt; und endlich finden wir in den Schriften unsrer
großen Dichter, bei den Aufführungen der Werke unsrer großen
Musiker eine Anregung für Geist und Gemüt, für Phantasie und

35

Humor, die nichts zu wünschen übrigläßt.

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So leben wir, so wandeln wir beglückt!"
Diese Stelle ist das Kompromittierendste, was ich in deutscher
Sprache kenne. Ich würde mich anno 73 nicht begnügt haben,
solches satte Geschwätz mit dem ehrlichen Ausdruck Bildungsphilisterei

5

zu stempeln, ich würde es noch unter das Schnurren
einer Katze hinunter verwiesen haben, ich hätte gesagt: Laßt uns
Katze und Hund als unsere höchsten Wesen verehren, denn mit
solchen Worten sind wir unter sie gesunken und dürfen den Men­schennamen
nur noch wie einen Spott tragen. Nein, zu solchem

10

Gefasel sollte sich das ewige Geheimnis, das der Mensch ja auch
als David Friedrich Strauß gewesen ist, denn doch nicht ernied­rigt
haben.
Man mag im rein Gegenwärtigen, in den jedem in jedem Augen­
blicke gegebenen "historischen" Verhältnissen, aufgehen, so

15

sehr man will, ja, oft wird ein gewisses Aufgehen höchste Tugend
und Meisterschaft sein, aber dies Einmalig-Historische braucht
doch nicht wie ein luftundurchlässiger Kautschukmantel um uns
zu hegen, wir brauchen doch deshalb nicht darauf zu verzichten,
jede Pore in dem ihr zugeborenen Element des unendlichen Lebens

20

ohne Namen atmen und sich nähren zu lassen. Es ist doch
wohl klar, was ich meine. Ich meine, daß ein solches vorbehaltlo­ses
Hinnehmen der geschichtlichen Menschenform Dei sive Naturae
zwischen Mittwoch dem X.November 1832 und Donnerstag
dem Y.Dezember 1872, als einer nun offenbar endgültig enträtselten,

25

erledigten, geregelten und demnach bereits jedem Schulkinde
in simplem "Deutsch" erklärbaren und lehrbaren Angele­genheit,
eine solche faustdicke Ding- und Wortgläubigkeit auf
ein paar Regale voll "aufklärender" Bücher hin, ein solcher Her­einfall
(es läßt sich nicht anders bezeichnen) aufs Allernächste,

30

Allerdümmste in einem Volke nicht verziehen werden kann, das
doch wirklich, und nicht nur im Schlagwort, Dichter und Denker
gehabt hat.
Nein, wir brauchen uns Gott sei Dank neben unsern Berufen den
Sinn nicht noch "möglichst offen zu erhalten für alle höheren

35

Interessen der Menschheit". Der bourgeoise Freigeist Strauß, an

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dessen Redlichkeit und bestem Willen — nebst allem Nebenwert
und Nebenverdienst — gewiß ich am letzten zweifle, darf mit die­sem
Vorschlag billigerweise das Lächeln hervorrufen, das ein
Blaustrumpf erwecken würde, der seinem in den Krieg ziehenden

5

Neffen den Rat gibt, in der Schlacht sich ja zwischendurch der
schönen Bilder Böcklins und der Wagnerschen Meistersinger zu
erinnern. Die Schlacht, die jeder Mensch, der eine Person wer­
den will, durchkämpft, ja, die er selbst ist, ist zu groß für derlei
wackere Lehren. Umgekehrt, er wird vielleicht eher seinen Sinn

10

möglichst Zusammenhalten müssen vor der Übergewalt der
Schauder, die den ergeifen, der sich die Probleme der Mensch­heit
ernsthaft stellt, Probleme, die mit jenen "höheren Interes­sen"
gar wenig zu tun haben, als welche weit mehr den Stoff der
Bierbänke als den der einsamen Kammern bilden.

15

Aber konfrontieren wir einmal den Geist jener Stelle mit dem
Geist unserer Zeit.
Es ist da von Krieg die Rede.
Ich will davon schweigen, daß man einen Krieg, der jetzt 37 Jahre
zurückliegt, also gerade eine gute Generation, schon seit vielen,

20

vielen Jahren als wenig mehr denn als ein geschichtliches Datum
unter andern geschichtlichen Daten empfindet. Ja, denkt man
daran, daß jene senilen Worte von den im Innersten erhobenen
Gebildeten, von dem unerschöpflichen Stoff zum Nachdenken
und den sittlichen Lehren, die man dem Krieg verdanke, kurz

25

nach 70, und zwar als Ausdruck einer allgemeinen Stimmung
niedergeschrieben wurden, so fragt man sich, — was man sich
doch nicht fragen darf — ob das blutige Opfer überhaupt je seiner
völlig würdige Früchte gezeitigt hat. Aber wir hatten doch immer­
hin seither — neben China — den (wenn auch unscheinbaren)

30

Feldzug in Südwest, dem unser Frenssen in seinem "Peter
Moor" ein so würdiges kleines Denkmal gesetzt hat. Oder muß
ein Krieg, um die Gemüter wirklich zu erschüttern, zur Qualität
auch noch die Quantität der Opfer fügen? Nun, so hatte man den
Burenkrieg und hatte die Riesentragödien im Osten.

35

Brauchte man so schreckliche Erinnerungen, wie Kriege sind,

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Erinnerungen nicht an den Tod, nein, aber daran, wie wir immer
besser und besser leben sollten, um eine so harmvolle Welt an
unserem Teile zu rechtfertigen, so konnten sich unsere Gebilde­ten
zum mindesten im ersten Jahrfünft des Jahrhunderts nicht

5

beklagen. Aber wo war das Deutschland, dem diese Ereignisse
mehr als nur in die Glieder gefahren wären, dem vor so viel Jammer
und so viel Heroismus sein tägliches Leben schal geworden
wäre, das sich nicht abermals beim Nachdenken und beim erho­benen
Innern und bei der sittlichen Erbauung (und fachwissenschaftlichen

10

Nutznießung) beschieden hätte, statt endlich, end­
lich aufzuwachen, die leidenschaftliche Frage im Herzen und auf
den Lippen: Was können, was sollen wir tun, um neben solchen
Katastrophen nicht nur als ein kleines vergnügungssüchtiges,
machtbesorgtes und arbeitsames Geschlecht dahinzuwimmeln?

15

Man arbeitet, ja, man arbeitet, aber nicht die Arbeit ist es, die
adelt, sondern der Geist, der über der Arbeit ist.
Weiter: Die "anziehend und volkstümlich geschriebenen Ge­schichtswerke".
Darüber braucht man wohl kaum ein Wort zu
sagen. Die Ballen populär bedruckten Papiers sind heute Legion.

20

David Friedrich Strauß würde, wenn er sie noch hätte sehen dür­fen,
den letzten Zweifel an der beglückten Zukunft des Men­schengeschlechtes
verloren haben. Und nun gar die "gemeinver­ständlichen
Hülfsmittel zur Erweiterung unserer Naturkennt­nisse"!
Die würden ihm in ihrer heutigen Form und Ausdehnung

25

geradezu die Tränen in die Augen treiben. Und ich sehe ihn, wie
er vom einen zum anderen gehen würde und all die fleißigen und
wohlmeinenden Hände drücken und sagen: Meine Hoffnung!
Meine Erfüllung! Und ist es fürwahr nicht etwas Phänomenales,
daß jetzt bald der kleinste Mann im Beich dem Floh, der ihn

30

beißt, seinen Stammbaum hersagen kann? Daß er die Gans, die
er ißt, fortan unter Entwickelungsgesichtspunkten ißt? Daß er vor
lauter Zärtlichkeit für die Mehlwürmer noch die Drehkrank­heit
bekommt und vor lauter süßem Wissen um all diesen auf
keiner Weltenkuhhaut unterzubringenden Spezialschmarren

35

noch den letzten Rest von Aufmerksamkeit auf sich und seine

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ehmals unsterbliche Seele einbüßt? Ah, die Entwickelungslehre!
Ist sie nicht - einfach — eine neue Religion?
Nein. Keine jedenfalls, so wie sie heute von gutmütigen und ge­lehrten
Optimisten und obendrein von Bildungskomitees für fünf

5

Groschen die Düte verkauft wird. Es sei ferne von mir, die Natur­wissenschaft
schmähen zu wollen. Aber sie möge - oder vielmehr
ihr Auf-Klärus, denn nur als Weltenträtseler Haeckel, niemals als
stille, treue Heilige Mme. Curie, wird sie hier apostrophiert - al­len
Ernstes wieder einmal etwas skeptischer werden. Vielleicht

10

tanzt sie ihre nächsten Tänze einmal der Abwechselung halber
auf Fritz Mauthners Tanzboden. Damit sie auf dieser verruchten
Diele ein wenig Seekrankheit des Geistes koste, dem edlen Übel,
das die Götter noch immer für jede allzu feuchtfröhliche Fest­stimmung
bereithalten.

15

Die Entwickelungslehre hat an und für sich so viel und so wenig
mit Religion zu schaffen, wie die Geographie oder die Theologie.
Sie kann einer Wiederkehr des religiösen Gefühls den Boden be­reiten
helfen, indem sie der durch den inneren Verfall der Kir­chen
einer künstlerisch-einheitlichen Weltansicht beraubten

20

Volksseele abermals die Fähigkeit zum Staunen kräftigt, indem
sie dem naiven Gefühl der Ehrfurcht, das einst von der Gottheit
lebendigem Kleid sprach, die Muster dieses Kleids nunmehr auf­dröselnd,
neue Brücken baut, aber den großen Marschbefehl, auf
den es allein ankommt, ihn wird man von ganzen Bataillonen von

25

Gelehrten umsonst erwarten.
Für mich stehn die "Königsgedanken" des Darwinschen Zeital­ters
- im "Zarathustra". Da, — von einem Nicht"wissenschaftler",
Nicht"naturwissenschaftler" wurde die Entwickelungslehre
emporgehoben ins Gebiet zeugender und schaffender

30

Mächte.
Wie heißt es da!
"Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und
vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch
jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe. - Seht,

35

ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn

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der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der
Erde.
Und zum ändern: Entwickelung? Aber es gibt nicht Anfang noch
Ende. Also war alles schon einmal, also wird alles noch einmal

5

sein. So sehen wir denn zu, daß wir zu jedem unserer Tage sagen
dürfen und mögen: Noch einmal, dieser Tag! Und in alle Ewig­keit
nocheinmal!"
Man pflegt den Übermenschen-Gedanken heute ins Nahe und
Nächste hinabzuziehen und den ändern gern als Marotte abzulehnen,

10

wie denn überhaupt ein Mann, der dem modernen Geist,
zum mindesten in Deutschland, die Schmach erspart hat, vor den
großen Schöpfer- und Priestergedanken der Vergangenheit als
Bankerotteur dazustehen, - das habe ich zuletzt wieder vor Do­stojewskis
Werssilow empfunden, - nur zu leicht und gern den

15

Artisten, Künstlern, Dichtern zugeschoben wird, mit demselben
Rechte etwa, mit dem man den Vesuv zur römischen Pyrotechnik
rechnen könnte.
Der Übermensch also, ein philosophisches Postulat, demnach et­was
historisch Unrealisierbares', wie sich von selbst versteht, ist,

20

um hier von der Marotte zu schweigen, als welcher es nicht an
Größe gebricht, aber die, eben weil zu sehr aus Wissenschaft,
Sprache, Denken, kurz Wort- und Dingglauben erwachsen, mehr
ein zyklopischer Alp denn ein neuer Himmel genannt werden
darf, der eigentliche große rechtfertigende Zuchtgedanke der

25

Zeit. Er ist keine vorgebliche Welterklärung, sondern Welt-Bestimmung,
Welt-Wille, Welt-Schöpfung. Er ist Antichristentum
in dem Sinne, als Nietzsche fühlte: Das, was heute nach und in
zwanzig Jahrhunderten Christentum geworden ist und öffentlich
heißt, hilft uns zu nichts Neuem mehr, hilft uns nicht mehr über

30

uns hinaus. Und darum fort damit. Aber der Moderne hört nur,
daß "Gott tot ist". Daß Gott im selben Moment neu auferstand,
als neues "Wort" — davon spürt er noch wenig. Und doch ist es so.
Der Wille zum Übermenschen ist eine neue Religion, wie jeder
riesenhafte Wille über sich hinaus Beligion ist.

35

Niemand hat den Ruf: Hinaus, nur hinaus über dies erbärmliche

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Jetzt! so mit innerster Inbrunst ausgestoßen, wie dieser fleischgewordene
Geist und Widergeist unserer Zeit, es sei denn — ihr ande­rer
Großer: Paul de Lagarde. Mit diesen zwei Männern setzt die
zweite deutsche Kultur ein, oder sie setzt nie ein. Unsere Dichtung,

5

Musik, Philosophie war ihr Vorspiel. Es begann mit Luther und
endigte vor Bismarck (dem sprachgewaltigen Bauer, der uns die
Erde gab, aus der alles nach ihm wuchs, und dem weltklugen und
willensstarken Junker, durch den und unter dem sich die Stämme
den neuen gemeinsamen Leib schufen), zwei Nothelfern - der

10

eine im Sprechen, der andre im Handeln, führender Geist keiner
von ihnen. Auftakt des Vorspiels der eine, die notwendige Pause
zwischen dem Vorspiel und der eigentlichen Symphonie der
andre. Die Möglichkeit dieser Symphonie selbst hob mit Lagarde
an und Nietzsche, beides geborenen Führern (der ältere noch

15

mehr als der jüngere), beides Leitmotiven in Person, beides Willens-
Stichflammen ins Dunkel der Jahrhunderte vor uns. Ver­kennt
der Deutsche dies Paar, so verkennt er sich selbst. Mit sol­chen
Menschen, als lebendigen Vorbildern, wird er den ganzen
Erdball adeln, sie nur auf den Lippen, nicht im Herzen tragend

20

wird er ein Zufalls-Tier unter Zufalls-Tieren bleiben. Unsere Zukunft
liegt nach wie vor im — Geiste. Seien wir Imperialisten des
Geistes. Kein Volk auf Erden hat in seiner jüngsten Vergangenheit
zwei Söhne, wie diese, die ich nicht müde werde zu nennen. Bisher
galt Napoleon als das letzte große Willensereignis Europas. Er ist

25

es nicht mehr. Zwei deutsche Schulmeister haben ihn verdrängt
und überboten, und noch andre Feldherrn sind das, auf ändern
Kiegsschauplätzen, und zu ändern Triumphen.
Unsre ganze Zeit ist Fleiß. Und wir Deutschen sind vielleicht die
Fleißigsten der Fleißigen. Aller und jeder Respekt davor. Aber

30

mit Fleiß allein und wenig darüber machen wir keine inneren
Eroberungen, weder bei den Polen noch in den Reichslanden
noch im Auslande, wo man dem Deutschen aus einem völlig ge­rechten
Instinkt heraus so lange nicht wertvollere Sympathien
entgegenbringen wird, als er im wesentlichen nicht mehr ins Feld

35

führen kann, als Strebsamkeit oder Schneidigkeit oder Gemütlichkeit.

   S. 342

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Das Imponderable ist es, was auf Erden das Herz der
einzelnen wie der Völker gewinnt, und der Reichsdeutsche, den
ich meine, dieser suppenkluge Typus, der in einem einigermaßen
disziplinierten Staate den Inbegriff aller Kultur erblickt, der da

55

felsenfest glaubt, daß der Italiener, der Slawe, der Franzose des­
halb "minderwertig" sei, weil der eine ungeheizte Eisenbahnen,
der andre keinen Sinn für "die Forderung des Tages", der dritte
zu wenig Kinder hat, ist vorderhand noch der ponderabelsten Ty­pen
einer. (Die Japaner! Wie erobern sie jeden, der Volks-Kunstwerke

10

zu würdigen weiß! Wie haben sie verstanden, ihren Bie­nenfleiß zu vergeistigen, sie, die "Heiden", die Gelben, die "Bar­baren"! - )
Das russische Volk! Kein Mustervolk im ganzen. Aber
welcher geisterhaften, überirdischen Schönheit Strahl brach
doch immer wieder von seiner Söhne und Töchter Stirnen, ihnen

15

ewigen Ruhm und ewige Liebe werbend, solange Menschen das
Mond- vom Sonnenlicht und das Sonnenlicht vom Milchstraßenlicht
unterscheiden werden.
Ja, diese Jugend! Sie warf sich in die Speichen der Zeit, ihr Herz
ertrug nicht, abseits zu schlagen und gehen zu lassen, was gehen

20

wollte. Sie irrte gewiß viele Male in der Wahl ihrer Mittel - denn
der politische Mord (zu dem ja auch mancher Edle gedrängt
ward) ist nur Negation, schafft bloß das "einmalige historische
Factum" aus der Welt, nur das Symptom, niemals das Grund­
übel, ist und bleibt dunkel und traurig und so recht der letzte Ausweg

25

materialistisch gerichteter Zeiten - aber über allem Irren hat
sie doch "das Größte", die "Stunde der großen Verachtung" er­lebt,
in der ihr ihr Glück zum Ekel wurde wie ihre Vernunft und
ihre Tugend. Die Stunde, von der jener Passus der Zarathustra-
Vorrede handelt, der mit dem Spruche schließt: Nicht euer Geiz, -

30

eure Genügsamkeit schreit zum Himmel, euer Geiz selbst in eu­rer
Sünde schreit gen Himmel!
(Was dies mit Maximilian Harden zu tun hat?
Nun, sagen wir, daß, wenn er einen Sohn hätte, sein Sohn ihm
eines nicht zum Vorwurf machen könnte: daß sein Vater lau gewesen

35

wäre. Und ihm zuerkennen müßte: daß er des Fürsten

   S. 343

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Bülow, in dessen unermüdlicher Ablehnung, als leitenden
Staatsmanns, sein Instinkt nicht wankend wurde, vom ersten
Kanzler fuglos übernommene Klage vom ewig unzufriedenen
Deutschen in den Wind geschlagen habe, im Geist der Antwort,

5

die schon Bismarck aus seines tieferen Geschwisters Munde entgegenklang:
Ich hoffe, es wird niemals jemand einen zufriedenen
Deutschen sehen.
Man hat Herrn Harden einen Stimmungsmenschen gescholten.
Aber (und wenn er es wäre!)) was war denn das andere Kennzei­chen

10

der letzten fünfzehn Jahre, das Korrelat zum Fleiß und Wenig-
mehr-als-Fleiß, als - Stimmung? Will heißen: als jenes fort­währende
Auf- und Abflackern des Gefühls, des von keinem
überragenden Verstand noch Willen in gerader Bahn vorwärts
und empor gezwungenen, in sich unsichern, ratlosen, von heut

15

auf morgen lebenden Gefühls, das in jenem Augenblick unsere
Leuchte wurde, da wir darauf verzichteten, das Reich von innen
heraus aufzubauen, um dafür von Kompromiß zu Kompromiß,
von Halbheit zu Halbheit, von Dilettantismus zu Dilettantismus
trottend oder stürzend, ein Gebäude aufzurichten, dem nicht nur

20

die Inschrift, dem noch mehr als das fehlt: die Seele. Die Seele
zum mindesten, um die es sich wahrhaft verlohnt hätte, die deut­schen
Stämme mit Blut und Eisen zu einen. Denn, was man auch
sagen möge, um einer bloßen Flotte, um einer bloßen Industrie,
um einer bloßen Machtstellung willen brauchte das deutsche

25

Dornröschen nicht zum zweiten Male zum politischen Leben geweckt
zu werden. Ich wenigstens schätze den Deutschen und
seine Sendung auf Erden so hoch ein, daß er für mich erst über all
diesem — anfängt.
Wenn Herrn Hardens Publizistik Stimmung war, - was war dann

30

unsere innere wie äußere Politik, was das hin und her Schmollen
und Fraternisieren der Fürsten und Völker, was dies fortwäh­rende
des deutschen Charakters ganz unwürdige Festefeiern,
Denkmalsetzen und Schönreden, was die letzte Reichstagsauflösung
und -Wiederwahl, was der konservativ-liberale Pakt (wo

35

doch alles Heil nur aus einem einheitlichen harten und eckigen

   S. 344

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Willen und nie aus solcher von Fall zu Fall wirtschaftender, ei­nem
Theater vielleicht, aber nicht einer Nation erlaubten Ak­kordpolitik
erwächst, weshalb uns nicht neue Parteimischma­sche,
sondern Neubildungen-von-Grund-auf nottun), was die

5

Begeisterung für die Kolonien (möchte die nun freilich wirklich
zum Gefühl erstarken; denn die Kolonien brauchen und schulen
selbständige Naturen, züchten vor allem eine gesunde Verach­tung
der heimischen Wichtigtuerei und Kirchturmzänkerei; ob­
schon mir trotz aller trainierenden Umwege doch wohl in

10

Deutschland selbst und Mitteleuropa unseres Faustischen Dran­ges
noch ganz andere Aufgaben zu harren scheinen - ich liebe,
um hier nur etwas zu sagen, nicht umsonst meine Nordsee, um
ihr nicht das Land wieder entrungen sehen zu wollen, das sie uns
schon nahm und immer noch nimmt, und lebe nicht umsonst den

15

besten Teil meines Lebens in den Alpen, um sie nicht im Laufe
der Jahrhunderte noch zu anderem herangezogen wissen zu wol­len,
als wozu sie heute im allgemeinen herhalten müssen: Zur
Mästung von Hotelwirten, zur Stallfütterung von Sommerfri­schlern,
zur Machtstärkung Roms und zum langsamen Buin ihrer

20

wackeren Urbewohner durch Fremdenindustrie, Großstadt-
"publikum" und Pfaffenwirtschaft zugleich), was ein außeror­dentlicher
Bruchteil unserer modernen Literatur, Kunst, Musik,
was (um abzubrechen) auch endlich jetzt dieser neuste Entrü­stungssturm
hüben wie drüben?

25

Nein, mir ist, als hätte Herr Harden solchem Stimmungswesen
denn doch mehr entgegengewirkt, als es mitgemacht. Jene Aus­fälle
aber, deren Geschmacklosigkeit allerdings nicht zu verblümen
ist, sehe ich so: als das letzte - verzweifelte, und darum auch
in der Wahl der Mittel desperate — Gefechtsangebot eines langen,

30

konsequenten Kleinkrieges eben wider jenen stimmunghaften
Charakter, den mir Deutschlands Entwickelung unter seinem
dritten Kaiser gewonnen zu haben scheint. Und warum es nicht
aussprechen, da es doch meine Überzeugung — freilich nur eines
Privatmanns und Laien Überzeugung - ist: ich glaube, daß diese

35

Entwickelung, zu so viel Gutem und Dankenswertem sie unbestritten

   S. 345

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auch geführt hat, sich doch noch ganz anders hätte gestal­ten
können, wenn unserm Kaiser von jeher eine stets und im rit­terlichsten
Sinne aufrechte, politisch reife und dazu einflußreiche
Bürger- oder Adels-(oder Bürger-und-Adels-)Kaste zur Seite,

5

und, wo’s notwendig schien, gegenüber gestanden wäre.
Ich kann mir nicht versagen, hier ein paar Worte des sechsund­zwanzigjährigen
Lagarde aus dem Jahre 1853 anzuführen, in de­nen
er, wie überall, noch heute der Betrachtung und Nachprü­fung
Wertes sagt. "Der Adel" sagt er; um gleich darauf auch Vor­schläge

10

zur Stärkung und Vermehrung des Adels durch die besten
Elemente des Bürgertums, zur Hinzubildung einer "Gentiy" zur
"Nobility" zu machen; " der Adel soll die Gesamtheit aller inner­lich
und äußerlich unabhängigen Familien sein, zwischen dem
Könige und den täglich für den Tag Erwerbenden stehend, jenen

15

gegen diese und diese gegen jenen schützend. Was haben wir in
Deutschland? Eine große Menge Leute, welche ein Von im Namen
führen, deren gemeinsamer Charakter alles andere eher ist,
als innerliche und äußerliche Unabhängigkeit, welche sich nicht
als feste Schranke zwischen Krone und Arbeitern fühlen, nicht als

20

die, welche nach beiden Seiten hin Gerechtigkeit gewähren sol­len,
nicht als das wahre Volk, welches die Volksmaterie von unten
in die Höhe lockt, und den Fürsten und dem Kaiser oben die
Schranken ihres Wirkens durch bloßes Dasein zieht, sondern
welche allzeit bereite Diener der Kronen und Krönchen sind."

25

Diese Sätze mögen im einzelnen widerlegbar und widerlegt sein,
ihre Forderungen als verfehlt oder erfüllt empfunden, ihre An­klagen
als veraltet und gegenwartfremd hingestellt werden: ihr
Geist wird uns heute mahnen dürfen, wie ehmals.
Ich weiß noch, wie ich anno 95 aus Hamburg und Friedrichsruh

30

heimkehrte, wo ich mit tausend gleichaltrigen Studenten von
dem weißen blauäugigen Riesen bewillkommt und bewirtet wor­den
war (ich seh ihn noch oben stehen, auf seiner Schloßaltane,
entblößten Hauptes, den Kürassierhelm auf der Brüstung neben
sich, und uns wohl eine halbe Stunde lang durch eine Ansprache

35

ehrend, von der ich kein Wort behielt, weil ich nur immer ihn

   S. 346

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selbst sah, das Menschenwunder und den hohen Kämpen, dem
wir das Reich dankten) und dann in der Folge das bittere Sprüch­lein
in mein Taschenbuch schrieb: "Deutsche Studenten": "Zum
Sachsenwalde pilgern wir / und trinken mit dem Genius Bier. /

5

Wir haben Grund, den alten Herrn zu loben, / der eignen Den­kens
längst uns überhoben."
Aber ich weiß auch noch, wie ich zwei Jahre vorher aus meiner
Vaterstadt München den jungen "Apostaten" als "Bundesgenos­sen"
akklamierte, ihn, den fast einzigen öffentlichen Schriftsteller,

10

der es unternahm, sich mit dem Oben, dem Unten und der
Mitte von Fall zu Fall persönlich auseinanderzusetzen, allen
dreien das Behagen zu stören, kurz, an seinem armen, geringen
und unzulänglichen Teile das zu tun, was anderer, was unserer
besten Männer verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen

15

wäre, besser, ruhiger und würdiger zu tun. Man unterließ es und
hat jetzt kein Recht, einen Frondeur abzulehnen, den trotz allem
und allem, was man gegen ihn Vorbringen und einwenden mag,
ganze Gutgesinntheit nicht zu ersetzen imstande war.
Mit jenem eigentümlichen Idealismus, den wir von den Heine,

20

Börne, Lassalle bis herunter zu Georg Brandes — ohne daß diese
Namen sonst verglichen werden sollen - kennen und, wiewohl er
uns oft im Innersten wider Geschmack und Herz, schätzen, be­wundern,
ja lieben (oder zum mindesten ehrlich hassen und
grimmig befehden) - denn Feuer bleibt Feuer, und nur das

25

Feuerlose ist das Unfruchtbare — begann der von "öffentlicher
Meinung" (alias "privaten Faulheiten") fortan Abtrünnige so et­was
wie das böse Gewissen der Zeit werden zu wollen.
Und abermals sage ich: Wie mögt ihr den Freischärler zu schmä­hen
wagen, wenn ihr selbst hinterm Ofen bleibt und den regulä-ren

30

schönen offnen Krieg, den "Vater aller guten Dinge", der ei­gentlich
euere Sache wäre, nicht führt? So beschämt ihn doch
durch lichtes Heldentum, ihr trägen "Blonden", den eifrigen
"Schwarzen"! Wo Baldur erscheint, verliert Loke ganz von selbst
an Ansehen. Aber wo war, wo ist — Baldur?

35

Herrn Harden einfach zu negieren, niederzuschimpfen, abzuschütteln

   S. 347

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ist eine Handvoll Dreck wert. Nichts ist fluchwürdig auf
Erden als die bloßen, puren, unschöpferischen Negierer. Sie sind
nichts jenseits von, sie sind weder gut, weder böse, sie sind
nichts als fades, graues Schmelztiegelblei, und sie allein hat bis­

5

her alles von sich gewiesen, was Mann hieß, von Urzeiten an bis
hinauf zu den Dichtern der "Hölle" und des "Brand". Man soll
im Beich des Geistes von nichts wissen wollen als von Überwin­dung
durchs Positive. Es besser machen, durch höhere Art be­schämen,
durch mehr Licht in den Schatten dringen — das ist es.

10

Wo das Bogenlicht aufsprüht, da wird das Gaslicht gelb: ohne daß
es auch nur berührt wird. Und jeder von uns muß wünschen und
wünscht es auch, daß er den finde, dem er als dem Berufeneren
die auf einen Moment ergriffene Fahne zum Weitertragen über­
geben kann. Ich selbst rechne mich zu diesen. Ich selbst bin in

15

einem gewissen Sinne der Unberufenste der Unberufenen. Tag
für Tag, während ich dies schreibe, frage ich mich: Darfst du das
tun? Wagst du dich da nicht überall über deine Grenzen? Ist nicht
eben dieses Aussprechen-Wollen, was ist (ach, was dir "ist"!),
der Beweis dafür, daß dir selbst das Beste noch mangelt: die

20

wahre Selbstzucht, die eiserne Beschränkung auf dein ureigenstes
Gebiet? Aber ebenso unermüdlich antworte ich mir: Komm
mir nicht mit dem ureigensten Gebiet! Du bist ein Mensch mit
offenen Sinnen und viel auf dem Herzen und hast von jeher auf
jede Einschachtelung gepfiffen. Sei Spezialist, wenn’s sein muß,

25

im Nebenamt, aber im Hauptamt sei Mensch. Wage zu irren, in
hundert Einzelheiten, was verschlägt’s! Weißt du dich nur im we­
sentlichen sicher.
Fünfzehn Jahre habe ich mir das Wort fast verboten. Aber der
Zeit dabei zugesehen. Als ich die Universität bezog, hielt der So­zialismus

30

die Gemüter im Bann. Was hätte da werden können!
Welche innere Regeneration eines ganzen Volkes! Was wurde
draus? Eine Handvoll mehr oder minder praktischer Gesetze,
eine fanatische Interessenpartei, ein Feilschen, Markten und
Zanken statt ein reines einiges Wollen. Weiter. Nietzsche wurde

35

verschlungen. Aber wie viele versuchten’s, ihm nachzuleben?

   S. 348

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Paul de Lagarde war und blieb totgeschwiegen. Ibsen wurde der
Dichter der Zeit, er, der sie verachtete. Man wurde "ibsenfrei"
und fühlte das "Brand"mal der Halbheit nicht, das man all in
seiner Reife nach wie vor auf der Stirn trug. Ei freilich, Stille im

5

gab’s überall, aber sie blieben sehr still. Sehr auf ihren
ureigensten Gebieten.
Wer aber, weil er die schlummernden Kräfte kennt und ahnt und
vielleicht selbst in sich wirken fühlt, nun doch idealisieren
möchte, was ich — bei aller Bewußtheit dessen, was in ein so grobes

10

einseitiges Bild nun einmal nicht mithineingehört — eine Illustration
zu einigen Fundamentalsätzen der Zweiten Unzeitgemä­ßen
und eine wesentlich respektablere Neuausgabe des Straußischen
Bildungsphilistertums nenne, der sehe sich die Zeugen aus
Stein an, die man sich selbst zur Schande gebaut hat und noch

15

baut. Der betrachte die modernen Viertel unserer Großstädte,
dieser von jeder Ameise und jeder Biene beschämten Dokumente
der Geldgier, Großmannssucht, Instinktlosigkit, Unechtheit,
Stimmungsfexerei und Gefühlsarmut. Von Kunst sei gar keine
Rede. Kunst darf nie verlangt werden. Kunst ist Gnade. Aber innerer

20

Anstand. Aber das, was jeder Bauer, Fischer und Handwer­ker
hat: Einfachheit, Ganzheit, Würde.
Aber wo fände man ein Ende? Denn wo man in dies Leben von
heute auch hineingreift, es ist überall das gleiche. Ob man vom
Spielzeug reden wollte, mit dem die Warenhäuser unsere Kinderwelt

25

verwüsten — niederreißen sollte man diese Kästen, aus denen
tausenden und abertausenden blühenden Leben geistiger Tod
und Verblödung zugetragen wird; ob man der Presse zu Leibe
gehen wollte, die alle Dinge in eins vermanscht, die zerbrochene
Glasscheibe des Kaufmanns Schulze und das zerbrochene Herz

30

Cyprian Norwids, den Ausfall eines Operettenabends und den ei­nes
Kriegszugs wider Morenga (von der Schundpresse, diesem
lebendig gewordenen Straßenkot zu schweigen), oder ob man
dem nachgehn wollte, wie auch die höchste, reinste Gedanken-
und Kunstoffenbarung heute nur noch bestenfalls als Mode wirkend

35

wird.

   S. 349

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Nur von einem noch.
Man ist bereits wieder dabei, über die in Frage stehenden Pro­zesse
"zur Tagesordnung überzugehen". In schöner Männlich­keit
ist hier und dort der Ruf nach "absoluter Sauberkeit", "rück­sichtsloser

5

Erforschung der Wahrheit" und dergleichen laut geworden;
und nun mag das allgemeine Gewissen sich wieder beru­higen.
Ganz, als ob es das wäre, worauf es letzten Endes allein
ankäme. Als ob einen in all solchen Verhandlungen noch etwas
anderes ernsthaft und bitterlich interessieren könnte, als eben der

10

unselige Zeitgeist selber, der sich auch in ihnen so unverkennbar
offenbart, als ein Geist der breithin herrschenden tiefunschöpfe­rischen
Mittelmäßigkeit, aus dem auch nicht ein Blitz wahrhaft
überlegener reinigender Gesinnung emporschlägt.
Doch davon an anderer Stelle vielleicht einmal mehr.

15

Für mich sind all diese großen und kleinen Prozesse, um was es
sich in ihnen auch drehen mag, nur (längst nicht mehr nötige)
Belege dafür, daß heute weder die Art unserer Rechtspflege noch
das Interesse der Gesellschaft an ihren Entscheidungen in dem
Grade ernst genommen werden darf, wie es erforderlich wäre.

20

Solange es aber mit deren Reform noch gute Wege hat, möge die
Gesellschaft wenigstens das Ihre tun: nämlich sich endlich wieder
einmal darauf besinnen, daß ein Prozeß denn doch nicht vor­nehmlich
als ein zirzensisches Spiel zu bewerten und auszukosten
sei; ja, noch weit mehr: sich endlich wieder einmal dessen bewußt

25

werden, daß es keine Einzelschuld gibt, nur Gesamtschuld, daß
das vor ihren neugierigen Augen gerichtete Opfer ihrer Behörden
gerichtetes Fleisch von ihrem Fleische und gerichtetes Blut von
ihrem Blute ist, daß hinter dem Schuldigen auf der Anklagebank
noch wir selber als Mitschuldige stehen, daß ein Urteil, das nicht

30

von jedem einzelnen von uns als ihm mitgesprochen empfunden
wird, zu einer Missetat wird, nicht besser, als die Tat des Verur­teilten
selber.
Entrüstung - des sei doch nur jeder gedenk - macht immer lä­cherlich.
Denn im Augenblick der Entrüstung erhebt sich vor

35

dem unbefangenen Betrachter die ganze Unzulänglichkeit eben

   S. 350

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all dieser Entrüsteten selber. Und Christus spricht zu ihnen: Wer
unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Und dann
müssen sie alle hinausgehen. Alle. Der ganze christliche Staat
muß dann eigentlich hinausgehen. Nun, das ist kaum möglich,

5

da christlicher Staat fast eine contradictio in adjecto ist. Aber das
ist gewiß, daß er "in seines Nichts durchbohrendem Gefühle"
zum mindesten in sich hinein gehen könnte und sollte. -
Will man aber hundertmal mehr und Besseres, als solche flüchti­
gen Notizen eines einfachen Mitlebenden geben können und mögen,

10

will’s vor allem die Jugend noch einmal gesagt haben, wo das
große Ethos zu finden, in dem sie sich, sofern dem einen und dem
anderen der Strudel- und schnellenreiche Nietzsche ein zu ge­fährliches
und oft auch [...] nur widerratbares Wasser ist, gesund
und stark baden kann, wie in einem wohl auch tiefen und gefährlichen,

15

- denn wo wäre Größe nicht gefährlich! — aber vielleicht
noch stahlhaltigeren Born, der ihrer nur wartet, der seit 20, 30
und 50 Jahren des neuen Adels deutscher Nation wartet, so wird
ihr jede Seite der Deutschen Schriften von Paul de Lagarde den
Mann und Führer für ihr Heut und Morgen weisen, der Bismarcks

20

Schöpfung die Seele einhauchen wird, wenn anders wir
nach all der gegenwärtigen Zivilisation, der Erde noch einmal
eine — Kultur zu schenken bestimmt sind.

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 333ff.
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