Aphorismen - Kunst - 1903

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1903

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Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr
Geheimnis ist, dass sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern
auch alles Leben, das sich mit ihnen vermählt, zum Kunstwerk

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machen, indem sie es zu einem Bilde abtönen und feierlich um-
rahmen. Betritt die schlimme römische Sinnenfängerin Gesù[1],
wann immer du willst, oder die ehrwürdige Ara Coeli[2] oder die
stattliche Maria Maggiore[3]; welche Gruppen, Gesten, Mienen,
welche gehaltenen und tiefen Ausdrücke des Individuums, wel-

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che stets bedeutenden Bilder ! Gewiß, alles, was die Menschen
zu einem bestimmten Zwecke sammelt, vereinigt sie so mit sich
zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der Bahnhof, die Kaserne,
das Schiff, eine Straße, ein Kornfeld im Herbst - aber wohl nichts
bietet so die Gewähr eines künstlerisch abgeschlossenen und ab-

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gerundeten natürlichen Lebensgemäldes wie die Kirche, nichts
distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Glück vom kunst-
armen Alltag wie sie.

[365]

Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle Dinge vom
Standpunkt des Malers aus zu betrachten.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Il Gesù
  2. Wikipedia:Santa Maria in Aracoeli
  3. Wikipedia:Santa Maria Maggiore

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 92
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