Die Versammlung der Nägel
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7. Die Versammlung der Nägel
von Christian Morgenstern
"Wir müssen auf jeden Fall eine neue Versammlung einberufen!"
sagte der lange Drahtstift zu dem kleinen Blaustift.
"Das wäre allerdings höchst notwendig!" erwiderte dieser. "Aber
wie eine Proklamation verfassen, da keiner von uns schreiben
kann?"
"Als ob wir nicht eine Feder bitten könnten, du Hasenhirn!"
"Die du mit deinem krummen Rückgrat dich trefflich eignen
würdest aufzusuchen. Einem einzigen Bückling, wie du einer bist,
dürfte ihr Herz nicht widerstehen können."
Der Drahtstift suchte sich mit einem Fluche aufzurichten, aber
umsonst, er war wirklich Invalide.
"Streitet euch doch nicht!" rief da plötzlich eine feine Stimme
dazwischen. "Ich will euch ja gern helfen. Ich bin zwar nur eine
Zeichenfeder, aber ich werde mir schon Mühe geben!" Dabei sah
sie den kleinen Blaustift sehr munter an.
Der war gleich Feuer und Flamme, und nachdem der Lange
durch ein paar zärtliche Blicke wieder besänftigt war, begann
man sich eifrig dem gedachten Plane hinzugeben, und kam
schließlich überein, die Proklamation auf ein kleines Zigaretten-
Mundstück, das nahebei in einer Aschenschale lag, zu schreiben
und sie der Zimmerspinne zur Beförderung anzuvertrauen.
Nach vielem hin und her gewann das Schriftstück endlich folgende
Fassung:
Die Unterzeichneten beehren sich, auf die erste
Stunde nach Lampen-Untergang zwischen dem
nächsten Sonn-Tag und Mond-Tag die achtbaren
und hochlöblichen Herren Nägel aus sämtlichen
Reichen und Unterreichen von Zimmerland, zumal
aus den vier gewaltigen Ebenen-Provinzen Längswand,
Breitwand, Seitwand und Fensterland zu einer
neuen Versammlung einzuberufen, deren
Zweck die in voriger Versammlung leider mißglückte
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Wahl eines neuen Oberhauptes ist. Zum Ort der
Versammlung ist die große türkische Wiese der Unterprovinz
Teppich gewählt.
Mit landsmännischen Grüßen
in geziemender Ehrerbietung
Lang, Drahtstift a. D., Kurz, Blaustift z. D.
Pultstadt, Herberge zur offenen Schachtel.
Während Tusche, die Zeichenfeder, diesen Aufruf säuberlich und
mit vielen Schnörkeln auf das Zigaretten-Mundstück übertrug,
begaben sich Lang und Kurz auf die Fliegenjagd, um der Zimmerspinne
einen der Wichtigkeit des Auftrages entsprechenden
Botenlohn anbieten zu können. Nachdem sie wohl ein halbes
Dutzend Fliegen gespießt, kehrten sie zur Herberge zurück und
überließen es dem frischen Blutgeruch, das feinnasige Weiblein
herbeizuziehen.
Und ihre Erwartung betrog sie nicht.
Geschäftig kam die Zimmerspinne herzu und ließ sich gern auf
die Sache ein, zumal sie sich eine interessante Reise und viel
Ehre davon versprach. Geschickt kroch sie in das Röllchen hinein,
so daß sie es nun wie ein Panzerhemd um den Leib hatte,
und begab sich so, von den Segenswünschen der drei begleitet,
die Fliegen hinter sich her schleifend auf ihre verantwortliche
Wanderschaft...
Der Sonn-Tag war seinem Ende nahe und Kurz, Lang und Tusche
in begreiflicher Aufregung. Es mochte noch etwa sechs Stunden
dauern; denn die Lampe, Zimmerlands Nachtgestirn, die eben
aufging, mußte erst wieder untergegangen sein. Die Wämser der
beiden Stifte glänzten wie Spiegel, und Tusche schien noch einmal
so schlank und hübsch, so daß Kurz nicht von ihrer Seite
wich.
Endlich ward es finster in Zimmerland.
Das Reichsungetüm, von dem niemand wußte, was es war, das
sich aber beständig in Zimmerland hin und her bewegte und
wegen seiner stets unvorhergesehenen beispiellosen Gewalttaten
wie ein schrecklicher Gott oder Teufel gefürchtet ward, tappte
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noch einmal unheimlich auf und ab, warf sich dann zu Boden
und schlief unter fürchterlichem Schnaufen und Schnarchen ein.
"Jetzt wird es Zeit!" sagte Kurz leise und machte sich mit Lang
und Tusche nach der Unterprovinz Teppich auf den Weg.
Da war schon viel Volks versammelt.
Von den Reißzwecken mit den runden Strohhüten bis zu den
Reichsbaronen und Grafen mit mächtigen Hakennasen war alles
vertreten, dazu fielen kokett geschnürte Schrauben aller Art und
eine Gruppe Ehren-Nadeln in blauen Kleidern auf.
Eine Menge Offiziere mit messingenen Helmen eilten die türkische
Wiese eifrig auf und nieder: die hatten Ordnung zu halten
und die ganze Feierlichkeit einzuleiten.
In einer Ecke hatten sich die Dachpappenleute um einen schwarzen
Schmied zusammengeschart und ließen aus ihrer drohenden
Haltung erkennen, daß sie sich jeder Neuwahl eines aristokratischen
Königs aufs hartnäckigste widersetzen würden.
Mit einem Male kam Bewegung in die Massen.
Die Granden, von Kopf bis zu Fuß in schwarzer Eisenrüstung,
betraten unter Vorausmarsch des Riesenstift-Regiments und des
Corps der Blaustift-Pagen den durch Drahthakoniere gesperrten
Teil des Versammlungsfeldes.
Alle, außer den Dachpappenleuten, nahmen einen Augenblick
die Hüte ab, so groß war der Eindruck dieser mächtigen Herren.
Nun begann der Herold, ein baumlanger Offizier mit prächtigem
Goldhelm, seine Schriftstücke zu verlesen.
Zuletzt aber, als nun die Wahl selbst vor sich gehen sollte, erhob
sich ein solcher Lärm und Zank, ein solches Stampfen und Säbelklirren,
daß Lang sich fast weinend zu Kurz umwandte und - aber
was mußte er sehen?
Kurz und Tusche lagen sich in den Armen und kümmerten sich
viel um das, was um sie vorging.
Es war ein vollkommenes Tohuwabohu.
Da plötzlich ward eine Totenstille, und alles stand starr und
stramm wie ein Haufe preußischer Soldaten.
Das Reichsungetüm hatte sich gewälzt und sah mit gläsernen
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Augen auf die Unterprovinz Teppich und das übrige Zimmerland.
"Wo sind denn die Bilder?" sagte das Ungetüm zu sich - "und der
Spiegel und die Wandbretter und die Gardinen? Was ist denn das
- die Wände sind ja ganz kahl, als ob alles heruntergenommen
und in die Ecken gestellt wäre!? ..."
Überdem schliefen seine Augen wieder ein, und es wälzte sich
wieder auf die andere Seite.
Die türkische Wiese war im Nu geleert. Wortlos eilte jeder nach
Hause.
"Was man doch für verrücktes Zeug zusammenträumt!" sagte
am nächsten Morgen der junge Arzt lachend zu seiner Wirtin, die
ihm den Kaffee brachte.
"Denken Sie sich..."
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 41ff.
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