Die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze
S. 282
- Für das Jahrbuch Der Rhythmus. 1912
113. [Die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze]
Erlauben Sie mir, aus Ihrem schönen Jahrbuch einige Stellen
hervorzuheben, die ich mir beim ersten Lesen mit dem Bleistift
angemerkt habe, weil sie mir entweder einen hohen Begriff von
Geist und Art Ihres Unternehmens gaben, oder zugleich auch in
irgendeinem weiteren Sinne bedeutungsvoll erschienen.
Man sei nur mit uns des frohen Glaubens, daß im Menschen noch
eine Fülle von Kräften schlummert, die es gilt zu wecken und zu
entwickeln.
Es ging Jaques-Dalcroze wie manchem Entdecker: ihm wurde
seine Entdeckung geschenkt, geschenkt von dem über den Zeiten
waltenden Geist, der dafür sorgt, daß eine Entdeckung immer
dann gemacht wird, wenn sie ein Glied sein kann in der unendlichen
Kette menschlicher Aufwärtsentwicklung, der auch dafür
sorgt, daß sie von dem gemacht wird, der sie am besten verwerten
kann.
So gut wie das Muskelsystem, kann man auch das Nervensystem
entwickeln.
Das Temperament entwickeln heißt unsere Fähigkeit des Mit
schwingens vermehren, heißt aber auch durch Willenskraft nutzlose
Schwingungen unterdrücken.
Es ist unmöglich andere zu entwickeln, wenn man nicht alle
Möglichkeiten der eigenen Entwicklung versucht hat, wenn man
nicht gelernt hat, sich selbst zu besiegen, sich besser zu machen,
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seine schlechten Instinkte zu unterdrücken, die guten zu stärken
und an die Stelle des primitiven von der Natur geschaffenen
Menschen einen vollkommeneren zu setzen, der durch den Willen
gebildet ist und der seine Kräfte kennt.
Unsere Gegner begreifen nicht, daß die körperlichen Übungen,
mit denen wir uns abgeben, nicht bloße Körperkultur sind, sondern
ein Mittel, um unsern Geist zu befreien.
So ist dieser Zustand der Freude hervorgerufen in uns durch ein
Gefühl der Befreiung und der Verantwortlichkeit, durch die klare
Anschauung dessen, was in uns produktiv ist, durch das Gleichgewicht
unserer natürlichen Kräfte, durch den harmonischen
Rhythmus unseres Wollens und Könnens. Sie hängt ab von unseren
schöpferischen Fähigkeiten, den angeborenen und den erworbenen,
sie wird größer, je mehr unsere Schaffenskraft wächst,
je mehr unser Wille uns von den Fesseln befreit, die von unserer
Geburt an auf uns lasten. Die Fähigkeit, in uns selbst klar zu sehen,
gibt uns jedenfalls ein Gefühl von Befreiung, denn sie eröffnet
einen Schnellverkehr nicht nur zwischen unserer Einbildungskraft
und der ausführenden Kraft, zwischen unserer Aufnahmefähigkeit
und unseren Gefühlen, sondern auch zwischen
den verschiedenen Arten von Gefühlen, die in uns wohnen. Sie
erlaubt uns schneller unserer Gedanken Herr zu werden, geschwinder
und hellsehender unsere künftigen Handlungen zu
überschauen und leichter festzustellen, ob unsere gegenwärtigen
Handlungen geeignet sind, die Zukunft zu sichern. Die Freude
ist eine Kraft und ein Licht. Bei einigen seltenen Individuen mag
dieses Licht von ihrer Geburt an leuchten. Bei uns ändern ist es
Pflicht, durch dauernde Anstrengung in unseren dunklen Seelen
diesen Funken der Freude aufzufachen. Und mag er zunächst
nur mit ängstlichem Glanze glimmen und oft verlöschen, allmählich
entzündet und unterhält er einen Grad von Licht und
Wärme, der immer größer wird und von Tag zu Tag wärmer,
strahlender, wohltätiger. Dieses Licht erhellt nicht nur unsere
Gegenwart, sondern auch unsere Zukunft, es zeigt uns den Weg,
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den wir beschreiten sollen. Wir können es nicht von außen bekommen.
Es stammt aus uns selbst und strahlt unsere besten
Kräfte nach außen. Es kann auch nicht in uns bleiben; unwiderstehlich
strahlt es und verbreitet es ein Licht über die, die uns
umgeben, über die, die eng mit unserem Leben verbunden sind,
und schließlich gar über die, die uns gänzlich gleichgültig schienen.
Wie kann man ein solches Licht besitzen, ohne das Bedürfnis
zu haben, es anderen mitzuteilen? Wie könnte man für sich
allein behalten, was mit solcher Kraft, mit solch wunderbarer
Heftigkeit aus den Quellen unseres Seins strömt? Je mehr wir die
Schätze der Freude in uns sich anhäufen sehen, desto mehr fühlen
wir das Bedürfnis, sie an die zu verteilen, die sie nicht besitzen!
Lesen Sie die kleine Broschüre »Joie et action« von Henri
Bois. Denken Sie an den Soldaten von Marathon, der im Besitze
der guten Nachricht glühenden Herzens dahinstürmt, um sie seinen
Brüdern zu bringen; er läuft, ohne seine Kräfte zu schonen,
und stürzt schließlich erschöpft hin in dem Moment, wo er sie
ihnen mitteilt. Aber er stirbt in der Freude, seinen Auftrag erfüllt
zu haben. Ebenso wollen wir unsere Kräfte, die durch die Arbeit
und durch die Freude in uns erzeugt sind, verwenden, indem wir
sie nicht nur selbst genießen, sondern freigebig über die Mitmenschen
ausstrahlen lassen.
Wie entsteht nun diese Freude, wie entwickelt sie sich, wie wird
sie dauernd? Ich habe es schon gesagt: dank unserer Sehnsucht,
in bewußter Weise alles, was in uns brauchbar ist, zu entwickeln,
dadurch, daß wir in ununterbrochener Arbeit neue Gewohnheiten
in uns schaffen, die ihrerseits wieder in uns unbewußte Eindrücke
hervorrufen, die schließlich überquellen und aus uns herausströmen.
Unser ganzes Leben hängt ja von unseren Gewohnheiten
ab; all unser Unglück kommt von unseren schlechten Gewohnheiten,
alle unsere Freude von unseren guten. Die Tatsache,
daß wir durch unsere Willenskraft eine Beihe von fast gleichgültigen
Handlungen verbessern, genügt, um uns das Selbstvertrauen
zu geben, das unerläßlich ist, um die Erneuerungsarbeit
im großen zu beginnen.
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Ich möchte diesen herrlichen Worten noch ein paar Sätze folgen
lassen, die der tiefsinnige Holländer Frederik van Eeden seinem
weisen Alten Vico Muralto in den Mund legt:
Der Wille zum Glück kann in einigen von uns wohl so heftig
brennen, daß seine Flamme durch alles aufgeworfene Leid hindurch
nur um so höher auflodert; allein der Freudenfunken muß
sichtbar weiterglühen, und es ist aller Menschen erste Pflicht, die
heilige Lampe der Freude brennend zu erhalten.
Der uns erschaffen, führt uns an dem Zügel der Freude, ein anderes
Bindeglied zwischen ihm und uns gibt es nicht. Wenngleich
der Weg durch Dunkelheit hindurchführt, dennoch schwebt eine
Rufstimme der Seligkeit unablässig vor uns her. Das ist unser
Wille und Gottes Wille. Uneinigkeit ist nur Mißverstehen.
Ich weiß wohl, daß Christus ruft durch das Licht des Glückes,
und daß wir dem höchsten Glück, dem klarsten Licht folgen sollen;
aber ich wußte auch, daß wir das niemals finden können für
uns selber allein, weil das höchste Glück gemeinschaftliches
Glück ist. Wenn eigene Freudigkeit nicht auf irgendeine Weise
ausstrahlt über die Welt, dann ist sie nicht die höchste, und mag
sie auch noch so sehr locken.
Die Gruppenbildung wandelt sich unter dem Einflüsse einzelner
Individuen, die ursprünglich genug sind, um die Stimme der
Menschheit selber, die Stimme Christi zu verstehen, und mächtig
genug, um die Gefolgschaft der Vielen zu erzwingen. Und der
Einfluß dieser Wenigen wird stärker sein, je mehr ihre ursprüngliehen
Ideen den Gruppenideen verwandt sind. Alle Gruppenmitglieder
empfinden etwas von dem Urspünglichen, von dem Urverstand
der Menschheit, sie stehen alle noch in Verbindung mit
unserer Stammseele, obwohl lange nicht so nahe und innig wie
die wenigen Ursprünglichen...
Wird aber die Ursprünglichkeit des einzelnen Individuums von
der Vielheit anerkannt, so folgt sie und ehrt und respektiert und
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huldigt später mit Lobreden und Monumenten. Und um so früher,
wenn der »Ursprüngliche« eine persönliche suggestive
Macht besitzt und durch irgendein erstaunliches Talent imponiert,
möge es nun organisatorisch, dramatisch oder musikalisch
sein.
Indessen hat dieser Führer und Bahnbrecher nichts andres getan,
als daß er die äußere Organisation mit dem inneren Leben der
Menschheit, dem Wesen Christi selber, in engeren Kontakt
brachte.
(Frederik van Eeden : Die Nachtbraut)
Das ist es, was mir den eigentümlichen Wert der »Bildungsanstalt«
wie ihrer Festspiele auszumachen scheint: Einmal: Daß
hier mit dem Glauben an Entwickelungsmöglichkeiten der
menschlichen Natur Ernst gemacht, nicht bloß gespielt wird.
Man redet heute bis zum Überdruß von Entwickelung. Behauptet
aber jemand, nun, sagen wir z. B. die Möglichkeit, im Menschen,
um mit Goethe zu sprechen, Geistesauge, Geistesohren zu entwickeln,
dann hat die Entwickelung auf einmal keine Bekenner
mehr, denn da steht man ja vor etwas, wenigstens für die meisten,
wirklich Neuem, und etwas wirklich Neues, man sei nur aufrichtig,
gibt es nicht, darf es nicht geben. Entwickelung in Ehren, aber
sie darf nichts entwickeln, selbstverständlich, es sei denn bereits
Entwickeltes noch einmal.
Solcher Gesinnung gegenüber bedeutet Ihr Werk einen Vorstoß
in eine reifere, freiere Zukunft, eine vom Bann einer vielfach nur
allzu selbstgenügsamen, lauen »Jetztzeit«, deren rhythmischer
Ehrgeiz bestenfalls (und hier zugegeben) nicht ohne Heroismus
im Disziplinarischen gipfelt, erlösende Tat. Und zum ändern -
aber das ist eigentlich kein »anderes«, denn es gehört in jeden
gesunden Evolutionsprozeß hinein, ist ein notwendiger Teil von
ihm: das Glücksgefühl, das alles wahrhaft Schöpferische begleitet!
Wo es auftritt, - und mit welch hinreißender Wärme strömt es
aus so vielen Worten Ihres Jahrbuchs, aus den beigefügten Gruppenbildern
und nicht zuletzt den reinen Linien des Baus, dessen
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Charakter für mich etwas von klarem Wasser oder hellem Himmelblau
hat, - ist vieles, wenn nicht alles verbürgt.
Ich halte mich nicht für befugt, auf das Besondere Ihrer rhythmischen
Schule einzugehen. Dazu gehört vor allem - Anschauung.
Sie mir zu schaffen ist mir zum mindesten vorläufig nicht möglich.
Wie gern ich aber käme und diesen Werktagseifer und diese
Sonntagsfreude einer brüderlich und idealistisch vorwärtsstrebenden
Jugend und ihrer Führer auf mich wirken ließe, um dann
als Gewißheit zu fühlen, was mir jetzt nur erst zu glauben zusteht:
daß in diesem jüngsten Menschheitsgärtlein Hellerau - kultiviert
und nicht bloß - zivilisiert wird, davon mögen Sie überzeugt sein!
Christian Morgenstern, Arosa
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 282ff.