Der Ginganz

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Ein Stiefel wandern und sein Knecht
von Knickebühl gen Entenbrecht.


Urplötzlich auf dem Felde drauss
begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!


Der Knecht drauf: Es ist nicht an dem;
doch sagt mir, lieber Herre, -: wem ?


Dem Stiefel gibt es einen Ruck:
Fürwahr, beim heiligen Nepomuk,


ich ging ganz in Gedanken hin ...
Du weißt, dass ich ein andrer bin,


seitdem ich meinen Herrn verlor ...
Der Knecht wirft beide Arm' empor,


als wollt' er sagen: lass doch, lass!
Und weiter zieht das Paar fürbass.


Anmerkungen

Verfasser hat sich erlaubt, aus dem Worte des Stiefels: "Ich ging ganz in Gedanken hin!" die Wörter "ging ganz" herauszugreifen und, zu einem Ganzen vereinigt, zum Range eines neuen Substantivs masc. gen. (in allen casibus unveränderlich, ohne Pluralis) zu erheben. Ein Gingganz bedeutet für ihn damit fortan ein in Gedanken Vertiefter, Verlorener, ein Zerstreuter, ein Grübler, Träumer, Sinnierer. -

Knecht - Stiefel-Knecht.

Knickebühl, Entenbrecht - Zwei Ortschaften, zwischen denen das "Feld" (Zeile 3) liegt.

Urplötzlich - Nachdem der Stiefel, der seinen Besitzer verloren hat (Zeile 11), eine Weile so für sich hingegangen, überkommt es ihn plötzlich. Er glaubt sich, wie sonst, am Fuße seines Herrn stecken und einherwandern. Aber zugleich ist ihm auch dieses (eingebildete) Wandern - Müssen lästig. Er fordert daher den Knecht auf, ihn auszuziehen, worauf ihn dieser durch seine gutmütige Frage in die Wirklichkeit zurückstürzt. Er erkennt jetzt dass er ja gar nicht gezwungen, sondern freiwillig "geht" und sucht sein wunderliches Ansinnen vor dem Knecht zu rechtfertigen. Der aber in seiner Einfachheit und Treuherzigkeit winkt mit beiden Armen ab. "Er könne sich das schon denken, er fühle durchaus mit und halte es für seines Herrn ganz unwürdig, ihm, dem dummen Burschen, Vortrag zu halten usw."

Nepomuk geb. um 1330 in Pomuk, ward Generalvikar in Prag und auf Befehl des Königs Wenzel am 20. März 1393 in der Moldau ertränkt (nach den Jesuiten freilich bereits am 29. April 1383). - Es muss unentschieden bleiben, welcher Version der Stiefel gefolgt ist. Nur das scheint festzustehen, dass der Zeile 11 genannte "Herr" ein böhmischer Auswanderer gewesen, - Auswanderer deshalb, da die Szene, den Ortsnamen zufolge, irgendwo im nördlichen Deutschland, etwa in der Nähe von Emden, zu suchen sein dürfte. -

Kommentar

Entstehung:
Erstdruck:
Vertont von: Paul Graener
Illustriert von: Hans Reyersbach | Klaus Ensikat | Fritz Huhnen
Leben und Zeit