CMLmRS: Bühnenkunst

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Christian Morgenstern und die Bühnenkunst

Der letzte der zwölf Aphorismen aus den "Stufen" über das "Theater", geschrieben
in den Jahren 1905-1911, lautet: "Man kann das Theater (beispielsweise)
nicht reformieren, wenn man nicht zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert.
Es ist der Irrtum unserer Zeit, daß sie meint, man könne wesentliche Probleme
aus dem Zusammenhang herauspflücken und für sich allein lösen." Morgenstern
hat diese Erkenntnis nicht etwa nur aus einem intensiven Miterleben der
Theaterentwicklung während seiner Berliner Jahre geschöpft. Es war, was er auf
wenigen Seiten zusammenfaßte, die Frucht einer zweijährigen Redaktionstätigkeit,
von der heute, man muß sagen, nichts mehr bekannt ist. Und doch stand
die von ihm 1904 und 1905 redigierte illustrierte Halbmonatsschrift "Das Theater"
im Mittelpunkt der Berliner Bühnenwelt. "Blätter für neuere Bestrebungen
der Bühne" war der Untertitel dieser Zeitschrift, welche auch mit den Programmen
bei den Aufführungen im "Neuen Theater" und im "Kleinen Theater" verkauft
wurden. Max Reinhardt leitete beide Bühnen, von denen das "Kleine Theater"
unter dem noch immer bekannten Namen "Schall und Rauch" 1901 eröffnet
wurde. Im "Neuen Theater" aber brachte Reinhardt seine größeren Inszenierungen
heraus, bevor im Sommer 1905 das "Deutsche Theater", in welches er bald
übersiedelte, umgebaut und mit einer Drehbühne ausgestattet wurde, die eine
technische Neuerung in die Regiekunst hereinbrachte. So hat Morgenstern gerade
bis zu diesem entscheidenden Wendepunkt im Berliner Theaterleben in seiner Zeitschrift
selbst mancherlei Aufsätze veröffentlicht, aber auch namhafte Schriftsteller,
Theaterkritiker und Schauspieler zu Worte kommen lassen. Der Verleger, Bruno
Cassirer, sorgte für die Wiedergabe von zahlreichen Bühnenentwürfen, Figurinen
oder Szenenbildern, so daß die beiden Jahrgänge schon einen nicht unwesentlichen
Ausschnitt der Theatergeschichte zu Beginn unseres Jahrhunderts darstellen. In
Heft 7 der "Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung" haben wir 1962
den Beitrag von Christian Morgenstern zu einem Buch über die Duse bereits veröffentlicht.
Nachstehend folgt eine Buchbesprechung über "Goethe als Theaterleiter",
welche für die Richtung, die Morgenstern unbeirrt um die verschiedenartigen
Stilarten der Berliner Bühnen, auch Reinhardt gegenüber, verfolgte, kennzeichnet.
Der bescheidene Titel lautete "Gelegentliches" und beschäftigte sich mit
der "Wiener Kritik" und "Aufgaben für Schauspieler" in zwei vorangehenden Aufsätzen.

    "Es ist kein sehr trostreiches, aber dafür ein um so lehrreicheres Bild, das die
    kleine Einzelschrift Philipp Steins 'Goethe als Theaterleiter' (Das Theater,
    Band XII) von Goethes direktorialem Wirken aufrollt. Als ihm der Herzog
    die Oberleitung seines Hoftheaters überträgt, hat er zunächst seine Truppe
    aus gesellschaftlicher und künstlerischer Verwahrlosung heraus zu einem einigermaßen
    erträglichen Ensemble zu erziehen. Am meisten unterstützt ihn
    darin die Dazwischenkunft Ifflands, mit dessen Kunst eine ganz neue Epoche
    in Weimar anhebt. Aber seine eigentliche und eigenste Tätigkeit beginnt doch
    erst, als er mit Schiller zusammen unternimmt, seine Schauspieler der Bewältigung

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    höherer Aufgaben, wie sie das Stildrama stellt, zuzuführen. Seine
    damals aufgezeichneten Regeln für Schauspieler sind bekannt und pflegen
    sich, soweit sie nicht als selbstverständlich befolgt werden, keiner sehr freundlichen
    Würdigung zu erfreuen. Und doch wird — trotz allem Veralteten -
    ihre Grundstimmung jeder teilen, dem naturalistisches Spiel, selbst in seiner
    Vollendung, nicht die Lösung des darstellerischen Problems, sondern nur die
    eine Lösung von zweien bedeutet. Er wird den Ingrimm begreifen, mit dem
    Goethe auf das Persönliche seiner Schauspieler losging, das sich seinem Ideal
    von Maß und Würde so unbildsam widersetzte, und sich gestehen müssen, daß
    wir auch heute noch nicht erreicht haben, was er damals erstrebte: eine dem
    Ernst und der Freundlichkeit antiker Kunstübung ebenbürtige, tragische
    Bühne. Was bisher in dieser Richtung versucht wurde, scheiterte wohl alles an
    derselben inneren Unbildsamkeit des Schauspielermaterials, und es ist nicht
    abzusehen, daß dies, im großen gerechnet, jemals anders werden sollte. Denn
    diese tragische Bühne - wofern von ihr auf die Maske verzichtet wird -
    hätte ein so hochstehendes Personal zur Voraussetzung, daß nur eben die
    innerlichsten und dabei stilistisch begabtesten Talente unseres heutigen Theaters
    sie davon bewahren könnten, sogleich wieder zum Schauplatz gespreizter
    deklamatorischer Manier zu werden. Der alternde Goethe hatte sich mit dieser
    Manier, zu der sein System alsbald entarten mußte, abzufinden; ja er war
    vielleicht von Anfang an viel zu sehr Menschenkenner und -Verächter, um
    irgend etwas anderes zu erwarten. Mir wenigstens erscheint seine Forderung:
    Erst schön, dann wahr! die Forderung eines tiefresignierten Realpolitikers,
    der, da er weiß, daß man den Menschen von innen nicht so schnell beikommen
    kann, und hieße man selbst Goethe, sich fürs erste wenigstens äußerlich
    zu modeln und erträglich zu machen sucht. Heute ist er ihnen bereits mehr
    beigekommen, und wer weiß, ob heute nicht vorübergehend, hier oder dort
    einmal als glücklicher Zufall und Zwischenfall, seine idealische Bühne zur
    flüchtigen Wahrheit werden mag. Noch mehr aber fast gibt seine Anregung
    zu denken, antikisierende Stücke - wie er meinte -, in einem neuen strengen
    Geist von uns neu und selbständig zu schaffende Werke - wie wir wollen
    würden - in Masken aufzuführen. Vielleicht liegt hier ein für uns noch ganz
    neuer Weg: aus dem Persönlichen, Allzuindividuellen heraus ins Allgemeinere,
    Typischere. m."[1]

Es ist zu bedauern, daß Morgenstern, faßt man ins Auge, was Rudolf Steiner als
Herausgeber der "Dramaturgischen Blätter", dem offiziellen Organ des Deutschen
Bühnenvereins, wenige Jahre vorher in zahlreichen Aufsätzen auseinandersetzte,
diesem nicht persönlich in Berlin begegnet ist. Aber es ist aufschlußreich,
Morgensterns Bemerkungen mit den Ausführungen Rudolf Steiners aus dem Herbst
1924 in den Vorträgen über "Sprachgestaltung und Dramatische Kunst" zu vergleichen.
Man wird eine Übereinstimmung beider feststellen können. Die Geistesverwandtschaft
zeigte sich aber auch durch das Echo, welches die Vortragskunst

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Marie Steiners bei Morgenstern fand, wenn man den Brief - Seite 23/24 -
liest, welchen Morgenstern an diese schreibt, nachdem er der Rezitation seiner
Gedichte beigewohnt hatte, bezeichnete doch Steiner die von Marie Steiner ausgeübte
Deklamationskunst als Erfüllung eines Ideals, das ihn zeit seines Lebens
begleitete. Auch hier aber steht Morgenstern fast allein da mit seinem uneingeschränkten
Urteil. Er zeichnet sich wie kaum ein zweiter Dichter dadurch aus, daß
er nicht nur für die Dramatik, sondern eben für die Vortrags- und Darstellungskunst
ein weitgehendes Verständnis besaß. Man lese daraufhin nur, wie er Friedrich
Kayßler, dem Freunde und großen Menschendarsteller, seine Eindrücke von der
Aufführung der Mysteriendramen Rudolf Steiners in München schildert (siehe
Seite 20/21). Wer außer ihm erkannte - damals - den umwälzenden Impuls für die
künstlerische Kultur unseres Jahrhunderts? Aber man darf auch sagen, indem wir
ein Geleitwort zu einem Sprech-Chor-Programm mit Dichtungen von Christian
Morgenstern folgen lassen: wer hat in so tief einfühlender Weise die Wesensart des
Dichters gekennzeichnet wie hier Marie Steiner?

    GELEITWORT ZU EINEM SPRECHCHOR-PROGRAMM

    mit Dichtungen von Christian Morgenstern aus
    "Wir fanden einen Pfad" und "Mensch Wanderer"

    1943

    Wir haben die Zeit der überspitzten Persönlichkeit erlebt, der Mensch hat
    seinen Zusammenhang mit dem Weltenall verloren, die Seelen gehen aneinander
    vorbei. In erschütternder Weise hat sich an einer so repräsentativen Persönlichkeit
    wie Nietzsche gezeigt, wohin das Ringen nach dem Übermenschen
    führt, wenn man ihn nur im Physischen sucht und den Weg zum Übersinnlichen,
    sei es auch nur im Denken, nicht findet.

    Christian Morgenstern hat diese Tragödie eines in Ehrlichkeit ringenden bedeutenden
    Menschen tief miterlebt. Nietzsche war eine der Etappen seines
    Entwicklungsweges gewesen; er war ihm aber nicht verfallen, denn die Natur
    hatte zu ihm aus der Fülle ihrer Geistigkeit gesprochen, und sein Suchen hatte
    ihn zu Rudolf Steiner geführt, der seinem Denken die Wege wies, die den
    Menschen wieder zum Bürger des Universums und zum Bruder der Menschen
    machen.

    Die zarten Töne seiner Lyrik würden, von einem Chore gesprochen, nicht
    zu ihrer tiefsten Wirkung kommen; sie verlangen das Intimste, das die Seele
    geben kann, die subtilste innere Bewegung, die nur die Stimme des Einzelnen
    in allen Regungen wiedergeben kann. Da hingegen, wo der Mensch sich im
    Menschen findet, ihn mit seiner Liebe umfassend, wo die Seele im All untertaucht
    und in sich den Widerhall aller Stimmen der Natur und der Göttlichkeit
    vernimmt, da ist es auch berechtigt, zum Mittel des chorischen Sprechens
    zu greifen, um die Tiefen dieser schöpferischen Kräfte zu erleben. Liegt
    ja doch der Ursprung aller Kunst in den antiken Mysterien, die den Chor

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    zur Stimme des Worts, zum Träger der schöpferischen Offenbarung machten.
    Zu dieser Offenbarung drängt es die Menschen wieder hin. Sie suchen heute,
    wenn auch vielfach mit verkehrten Mitteln, sich das Unbewußte, das in ihnen
    rumort, klarzumachen. Die Jugend strebt nach Gemeinschaft, - sie will das
    Antisoziale überwinden, das so stark in der sich abschließenden Persönlichkeit
    liegt - und sucht die Wege zueinander. Sie will irgendwie hinaus - in die
    weite Welt. Es ist, als sollte die Zeit des Erden-Eremitentums überwunden
    werden. Politische und soziale Parteien haben für ihre Kämpfe in unkünstlerischer
    Weise zum Mittel des Chorsprechens gegriffen, um die Leidenschaften
    zu entfachen, deren sie sich zu ihren Zwecken bedienen wollten. Künstlerisch
    strebende Menschen konnten ungefähr zu gleicher Zeit mit einer Arbeit
    hervortreten, die, im Stillen zunächst gepflegt, sie eine Gemeinsamkeit
    hatte erleben lassen, die ein höheres Niveau versprach: den Zusammenklang
    der Seelen im Schönen durch das wahrheitkündende Wort.

    Wie selbstverständlich entfaltete sich zuerst das Erleben dieser neuen Welt
    an den Chören der attischen Tragödie. Aber dann auch an Goethes 'Faust',
    an Schillers <Braut von Messina>. Und von da aus wagte man sich an die moderne
    Dichtung. Rudolf Steiner, Christian Morgenstern, Albert Steffen, Conrad
    Ferdinand Meyer gaben reichlichen Stoff für dieses in die Sphäre des
    Übersinnlichen gehobene Sprechen, das eine reale Beziehung zu den geistigen
    Welten und ihren Kräften eröffnete.

    Die für das Programm gewählten Gedichte Christian Morgensterns, dessen
    29. Todestag sich am 31. März gejährt hat, sind - wenn auch nicht chorisch
    gedacht - doch zum größten Teil chorisch empfunden. Denn sie wenden sich
    im Geist der umfassenden Liebe, des Mitempfindens, der Kraft ausströmenden
    Erkenntnistat an die <Brüder>. Oder sie tauchen unter in den Geist der
    Natur und stellen wieder her den Zusammenhang des Menschen mit seinem
    göttlichen Ursprung, mit den Wesenheiten, welche das Weltenall umspannen
    und unsere Seelen durchziehen. In diesem Sinne schien es gerechtfertigt,
    den so oft für das intime Sprechen und für die humorvoll pointierte Wiedergabe
    herangerufenen Dichter, auch dem chorischen Sprechen mit seinen
    schicksalgereiftesten Dichtungen der letzten Lebensjahre zu verbinden.
        Marie Steiner

Es war, wenn wir so sagen dürfen, ein kongeniales Miteinanderschaffen, was
während einer nur kurz bemessenen Lebensspanne auf künstlerischem Felde entstehen
konnte. Und so kann auch eine der zahlreichen Eurythmieformen, welche
Rudolf Steiner zu den Schöpfungen des Dichterfreundes schuf, in der Wiedergabe
noch zeigen, wie Morgenstern auf die Entwicklung der Eurythmie einwirkte.
Zusammenfassend sehen wir: frühzeitig hatte Steiner in einem Überblick über
"Lyrik der Gegenwart" auf Morgenstern in seiner besonderen Eigenart hingewiesen.
Rudolf Steiner am Beginn der Entwicklung des Dichters; Rudolf Steiner
am Lebensende dem früh Dahingeschiedenen ein bleibendes Denkmal setzend.
    Edwin Froböse

 

 

Christian Morgensterns Lebensbegegnungen mit Rudolf Steiner. 1971
Worte von Rudolf Steiner über Christian Morgenstern und Christian Morgenstern über Rudolf Steiner | Das Ostermotiv im Wesen und Werk Christian Morgensterns. Vorbemerkung zum Inhalt dieses Heftes | Christian Morgensterns Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner. Eine Chronik, zusammengestellt von Hella Wiesberger | Übersicht der Ansprachen und Gedenkworte Rudolf Steiners über Christian Morgenstern | Gedichte und Sprüche von Christian Morgenstern | Edwin Froböse: Christian Morgenstern und die Bühnenkunst | Christian Morgenstern: Für Rudolf Steiner ("So wie ein Mensch") | Beilage: Porträtfoto von Christian Morgenstern aus dem Jahr 1906


Fußnoten

  1. Goethe als Theaterleiter