Aus der Stadt Heinrich Heines
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110. Aus der Stadt Heinrich Heines
Es wird mir eine kleine Streitschrift übersendet: 'Wie stellt sich
Düsseldorf zu den Reformbestrebungen seines Schauspielhau-
ses, ein Beitrag ... von Hans Wehberg.' Mancher hat vielleicht
von Düsseldorf nie viel mehr gewußt, als daß es 'ein Geburtsort
wider Willen', nämlich der Heinrich Heines sei; nun erfährt er
hier, daß es eine Stadt mit zwei Theatern ist und sogar von Ultramontanen
bewohnt wird. Es will nun wohl in dieser Musenstadt
das neue Schauspielhaus nicht recht gedeihen, und zwar hauptsächlich
gedachter Überälpler halber, welchen das mit jeder
Bühne unvermeidlich verbundene gotteslästerliche Wesen
(Schauspielerei, Darbietung von Theaterstücken weltlicher
Dichter, Verführung zum Selbstdenken) ein arger Dorn im Auge
zu sein scheint. Wenigstens wendet sich jene Broschüre ganz heftig
wider den Düsseldorfer, insonderheit den kirchlich organisierten.
"Bildung", heißt es da, "ist nach Schopenhauer Aktivität
des Geistes. Daß im Düsseldorfer Zuschauer der Geist aktiv sei,
kann man schwerlich behaupten." (Nun, wo ist der Geist aktiv, in
Leipzig, in Breslau, in Wien? Vielleicht in Luckenwalde...)
"Über den Schauspieler kommt der Geist und die Urteilskraft des
Düsseldorfers nie hinaus." (Die Besucher der reichshauptstädtischen
Theater kümmern sich dafür nur um den Dichter; oder hat
man je einen Berliner getroffen, der etwa nach einer Vorstellung
im Deutschen Theater gesagt hätte: Nein, dieser Reinhardt? Alles
sagt dort, wie aus einem Munde: Nein, dieser Shakespeare!) Aber
auch einen evangelischen Pastor gibt es in Düsseldorf, und von
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ihm erzählt der Verfasser, er habe zu einem Konfirmanden, der in
eine Schülervorstellung des Schauspielhauses wollte, betrübt gesagt:
"Dahin kann Dir aber der liebe Gott nicht folgen."
Nun lebt in dieser, 1797 durch die Geburt Heines ausgezeichneten
Niederlassung anno 1907 noch ein andrer deutscher Dichter,
der Dramatiker und Dramaturg Eulenberg. Diesem entfallen
dort irgendeinmal „Sätze, wie der: daß der Mensch zweifellos
vom Tiere abstamme”. Das ganze loyale Düsseldorf erhebt sich
darauf wie ein Mann, und als der scheußliche Ketzer gar noch in
einer Matinee über Nietzsche redet, da wird beschlossen - die
Glocken zu läuten. Tags darauf wird eine Gegenmatinee veranstaltet
und Eulenberg, mit einem ihm (als Symbild seiner Weltanschauung)
auf den Kopf gebundenen Gockel und in einen aus
einem Exemplar des 'Antichrist' verfertigten Harlekins-Papierdomino
gekleidet, auf einem wundervollen Scheiterhaufen aus
katholischen Mehlspeisresten (der Tag vorher ist gerade ein Freitag
gewesen) feierlich verbrannt. Hierauf zieht die begeisterte
Menge nach dem Schauspielhaus und macht es samt allen seinen
Insassen, voran Louise Dumont, seiner tapfern Direktrice,
gleichfalls dem Erdboden gleich.
Statt seiner baut Peter Behrens nun ein katholisches Gesellentheater,
das im Herbst 1908 mit Ernst von Raupachs Volksschauspiel
'Der Müller und sein Kind' eröffnet wird.
Christian Morgenstern
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 275f.