Aphorismen - Weltbild: Am Tor - 1910

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...

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1910

[1678]

A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen
    Sie mir das, können Sie mir das sagen?
B. Ja, das kann ich. Der Philister in ihm.

[1679]

Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.

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[1680]

Der Gedanke Gottes muß freilich der Tod des Individuums sein.
Darum hält er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund
auf.

[1681]


Es ist eine oft zu machende Wahrnehmung, daß wir uns in der

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Beurteilung irgendeiner großen Idee weniger durch ihre Gegner

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als durch den Schwarm ihrer sogenannten Freunde und Verteidiger
beirren lassen. Wir müßten uns daher stets klar vor Augen
halten, daß eine große Wahrheit ganz und gar unabhängig von
allem Menschenwerk ist, daß weder Lob noch Tadel ihren Wert

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irgendwie verändern kann, daß sie vielmehr ewig gleich, ewig erhaben
und ewig gültig ist. Nur wie sie sich in den Seelen der Menschen
widerspiegelt, ist verschieden und zugleich ein untrüglicher
Maßstab für die Reinheit und Tiefe unseres sittlichen Bewußtseins.
Ist nicht die Religion das beste Beispiel dafür?

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Oder gibt es keine Sonne, weil sie uns oft von Wolken verdeckt
ist?

[1682]

Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge betrachtest, so
machst du leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk
dessen, daß sich die Welt von da droben ganz anders ausnimmt

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als von dir aus. Ja, dies verhält sich bis zu einem gewissen
Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit aller Einbildungskraft
auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst. Um einen
Standpunkt ganz verstehen und würdigen zu können, muß man
diesen Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal

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eingenommen haben.
Aus diesem Grunde läßt sich alles Göttliche nicht eigentlich beurteilen,
es sei denn von Menschen, die in persona im Übermenschlichen
zu verkehren vermögen.

[1683]

Die Menschheit ist ein großes Kind, dem feindliche Mächte unaufhörlich

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neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht
wesendich entbabysiere. Was muß sie dagegen tun? Das Spielzeug,
soweit es irgend geht, - spiritualisieren, statt sich von ihm
materialisieren zu lassen.

[1684]

Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht die Geschichte

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der Menschheit anders an.

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[1685]

Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit
in einem Kosmos wie dem unsern alles seine Wege gehen
darf. Jede Meinung, jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und
sei es noch so wunderlich oder verkehrt, kann gesagt werden, jede

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Urteilsnuance bis zur höchsten Erkenntnis der Wahrheit hinauf,
bis zur tiefsten Schmach der Verblendung hinab darf da sein und
ist da und unterliegt keinem andern Gesetze als dem der allmählichen
Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe geläuterten Vernunft.


[1686]
10

Wenn die Menschen sich weiterentwickeln, müssen auch ihre
Götter sich mit- und weiterentwickeln, all die geistigen Wesenheiten,
die an ihnen gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer,
der das Kind bis zu dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird
dann ebenfalls um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiterentwickelt

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sein. Wer überhaupt göttliche Demiurgen annimmt, der soll
sie nicht als starre Götzen verehren.

[1687]

Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu
aller, Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Fußring und
Bleikugel. Aber ein ander Schauspiel doch als all das andre. Er

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gewöhnt das Schleppen nicht, das alle andern mehr oder minder
gewöhnen. Er empört sich sein ganzes Leben lang, flattert empor,
strebt empor, königlich und unablässig. Auch er vermag sich
nicht wirklich in die Luft zu schwingen - und dies weniger, weil er
die Gewichte am Fuß nicht zu heben imstande ist, als weil ihn das

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ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch läßt, - besser
noch, weil er's nicht mit hochziehen kann , - aber er bleibt ein
lebendig Memento Coeli, er verliert seine Göttlichkeit nicht an
den schrecklichen Alltag, den Staub und die Straße, nicht an den
Trott der Millionen.

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[1688]

Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu empfangen
ist. Aber sie muß es immer wieder von neuem und in immer wieder
neuer Form empfangen und verarbeiten.

[1689]

Die Lehre der Reinkarnation z. B., - sie ist längst da. Aber sie

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mußte eine Weile beiseite gelassen werden - die ganze europäische
Zivilisation geht auf dies Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser
Zyklus das Seine erfüllt, jetzt darf sie, als eine unermeßliche
Wohltat, in den Gang der westlichen Entwickelung wieder eintreten.
In einem Sinne, der erst jetzt möglich ist, zweitausend

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Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern
Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,
erleuchten, erlösen.

[1690]

Wie das Licht von der Sonne herunterfließt und jeden Grashalm
herauslockt, so wie man ohne dieses Licht nicht von einem Grün

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sprechen könnte und von einer Blume auf der Erde..., so würde
alles innere Leben der Welt, vor allem das fortschreitende, nicht
sein können, wenn nicht ein inneres geistiges Licht unentwegt
hineinsegnete in die Welt, in die innere Welt der Lebewesen
hinein.

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In diesem hinunterfließenden Tropfen des Hohen, des Großen,
des Anregenden der Welt, da weben die Abgeschiedenen, die Verstorbenen
mit. Da sind sie mit darinnen.

 

 

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