Aphorismen - Theater - 1908
S. 144
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Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters. Nicht nur das
Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen - und nicht
nur Stanislawskis - nicht widerstehen können, warum wohl?
Weil von den Russen das ausging, was in den Deutschen heute
höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen
nationalen Lebens lebt: Liebe. Liebe zu einander, zu uns, zu ihren
Dichtern, wortlose, unausgesprochene, uneingestandene,
aber selbstverständliche Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens
daß man noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die
letzte Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch wir uns
hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem Kritizismus,
mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten,
sondern verstehend und liebend einander zu fördern,
einander zu steigern, einander zu vervollkommnen suchten.
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Es ist nur sehr viel leichter, zu wünschen und von Großem, wie es
sein müßte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und
die großen Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige
Leben um einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr
guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in Bausch und
Bogen verwerfen, wenn man nicht just in den Punkten, in denen
man gern befriedigt sein möchte, auf seine Rechnung zu kommen
scheint. Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange nicht
im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel
in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch
tief ab vor allen möglichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende,
einseitige und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen
fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres Volkes oft
nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist, weil die persönliche
innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht da sein kann,
vermutlich mit irgendeinem Klischeeausdruck wie Schmierenkomödianten
abtun würde: und ich bin weit entfernt davon, diesen
braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten der
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Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison
dienen, anders als mit einer Hochachtung zu begegnen, die
mir fast immer noch irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet.
Aber ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter
Außenseiter bin und daß der Berufsmensch wohl unwillkürlich
dem Schicksal des Spezialisten, d.i. des Einäugigen, des
Monophtalmoden, verfällt. Das eine Auge starr auf die Bühne
gerichtet, sieht er alles nur in der Kunstfläche, während es in
Wahrheit bis in den Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist,
auch dies, auch diese Bühnenmenschheit da droben.
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Wie kann man einem Schauspieler "die Wahrheit sagen" und
zugleich den Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem
man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, Steine, Tiere - ist der Mensch
der Liebe weniger würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe
aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto mehr
Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler durch und durch
sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird, richterlich
von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts
als seine eigene Unschönheit. Man kann von derselben Leistung
fast wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.
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Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 144f.