Aphorismen - Theater - 1906

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...

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1906

[593]

Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen
Worten machen wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will -
dieser wird sie vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so
gerade ihren feinsten Gehalt verändern: er mag sie so leidenschaftlich

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gemeint haben, wie er mag, dieser wird vielleicht nie im
Leben bis zur Schwelle wahrer innerlicher Hingerissenheit gelangt
sein. Der Schauspieler ist der Räuberkünstler par excellence.

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Aber oft auch ist der Räuber größer als der Beraubte und der
Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn erschlug,
damit zu abenteuern beginnt.

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Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich mir für mein Studierzimmer

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zunächst einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm würde
ich täglich mindestens zwei Stunden verbringen und meinem
Körper eine Geschmeidigkeit anzüchten, die mir später gestattete,
auch die leiseste Gemütsbewegung in unwillkürliche Sichtbarkeit
umzusetzen. Ich würde mich dabei nicht in malerische

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oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich würde die Seele
ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder
dienstbar machen. Unmittelbare Übertragung dessen, was mich
bewegte, wäre mein Ziel, so daß man nicht einen Körper und
einen Geist zu sehen vermeinen sollte, sondern nur eins. Ich

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würde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck meines Innenlebens
haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens
wäre bereits der Stil, den ich will. Er wäre, meiner Natur entsprechend,
zugleich lebhaft und maßvoll. Er wäre, wie ich hoffen
dürfte, eindringlich, nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich

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von der Darstellung moderner Menschen.) Des weiteren
würde ich folgendes tun: Ich würde mich nach Empfang meiner
Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln suchen. Ich
würde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, d.h.
in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem

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Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu gehört allerdings eine
eiserne Natur, aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug
bezahlt, daß er sich wie ein Krieger mit allem nur möglichen Raffinement
wider das Zerstörende seines Berufes wappnen kann,
gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel und nicht

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zum Behagen. Hätte ich pathologische oder Verbrechernaturen
darzustellen, so würde ich wie Hermann Müller es gelegentlich
tat, Irrenhäuser, und wie's Richard Vallentin vor dem "Nachtasyl"
machte, Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich

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wochenlang in Dörfern aufgehalten haben, bevor sie ein Stück mit
Bauern spielten. Das nenne ich auf die Eroberung des andern,
das wir nicht sind, aber der Kunst halber einmal sein wollen, losgehen;
das möchte ich vielleicht mit dem Namen praktischer

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Dualismus bezeichnen.
Mag sein, daß ich nichts von alledem täte, wenn ich Schauspieler
wäre, d.h. natürlich auch meiner ganzen Veranlagung nach,
nicht nur nominatim, Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich
bin, glaube ich, ich würde das tun, wenn ich das wäre.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 139ff.
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