Aphorismen - Politisches, Soziales - 1907
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...
1907
- [731]
Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der
Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute
zu sein.
- [732]
For the happy few - sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur
Öffentlichkeit sein?
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- [733]
Einen Krieg beginnen heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen,
statt ihn auflösen.[1]
- [734]
Des Krieges Eltern heißen Schwachsinn und Trägheit. Sie finden
es weit einfacher und bequemer, ein Kind: den Krieg, in die Welt
zu setzen, als in sich zu gehen und in Selbsterkenntnis und Selbstzucht
Geist und schöpferische Kraft zu werden. Das Wesen des
Schwachsinns ist, vor wirklichen Schwierigkeiten zu kapitulieren,
das Wesen der Trägheit, im Hergebrachten weiter zu verharren.
Die zivilisierten Völker wären heute reif genug, den - im
übrigen mehr traditionellen als noch naiv immanenten - Raubtierstandpunkt
aufzugeben und eine Gestaltung und Verteilung
der Erde im Sinne erwachsener und überlegener Geistigkeit anzubahnen
und durchzuführen. Aber der Geist ward noch nicht
stark in ihnen. Noch herrscht in ihnen der Machthaber im alten
Verstande, das heißt, der noch wesentlich unvergeistigte Mensch,
der Krieger, dessen Genie im möglichst gefährlichen Zuhauen
liegt, und der Kaufmann, der im Schatten des ihn schützenden
Säbels seinem Vorteil nachgeht. Materialismus ist noch alles, gemein
der Zweck, gemein das Mittel. Daß da etwas ist, was gegen
sich selber wütet, sich selbst zum Krüppel schießt und sich selbst
im Schacher entehrt, daß die Völker des Erdballs noch etwas anderes
sind als zwanzig Schachteln Bleisoldaten, die zwei unsichtbare
Leutnants, Gott und Teufel, als Kasinokriegsspiel wider einander
auspacken, daß da ein Ganzes ist, das eines Tages sich
selbst als solches erkennen könnte und dann schaudernd fragen:
Und das alles tat ich mir selbst
? — davon ahnt, was heute die
"Macht" hat und von neuem wieder zur Macht kommt, wenig.
Das nennt jede liefere Idee von Mensch und Erde Phantasterei
und die eigene Gedankenwelt: praktische Lebensphilosophie,
Realpolitik, Religion des Mannes.
Ei wohl, die Beschränktheit hat viele und stolze Namen: doch wer
vom Giebelzimmer aus die Straße betrachtet, der wird die marschierende
Truppe als solche wohl achten, aber ihr Ziel, ihren
Zweck inferior und subaltern nennen. Die Machthaber, die Krämer
und Junker von heute mögen recht brauchbares Material
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sein, aber sie sind eben nur Material, sie sind untergeordnete
Kaste, sie sind Franktireurs, plündernde Bande auf eigne Faust,
Libertins, die sich aus ihrer eignen Mitte immer wieder dieselben
Hauptleute wählen; sie wissen die Tradition wohl fortzusetzen
wie Colleoni, aber sie wissen nicht um Kern und Zukunft des
Menschen wie Leonardo. Betrachtet, was sie wieder über Europa,
über den Erdball heraufbeschwören. Wieviel Kraft und
Rasse sie noch vergeuden und erschöpfen wollen und werden -
aus Unvermögen zu bilden, zu gestalten. Das heißt man dann:
geschichtliche Notwendigkeit, notwendigen Rassenausgleich
oder dergleichen. O gewiß, es schaut sich wie ein machtvolles
Spektakel an, was sich da zwischen Amerika und Japan, zwischen
China und dem Westen, zwischen England und seinen Widersachern
zubereitet, und doch wäre es ungleich größer, all diese Fragen
menschenschöpferisch statt tierdumpf zu lösen, und doch
wäre ein einziger Fürst oder Präsident, der ein Original, ein Genie,
ein wahrhaft Eigener wäre, und doch wäre ein einziger Herrscher
aus der Philosophenkaste genug, eine Renaissance der
Menschheit herbeizuführen, vor der alle vorangehenden wie private
Episoden verblassen würden.
- [735]
Da sitzen ein paar italienische Arbeiter im steinigen Rinnsal des
Baches. Einer trägt ein rotes Hemd, ein andrer rote Socken, ein
dritter ein rotes Tuch als Gürtel. Alle haben etwas Rotes an sich -
aus Gesinnung. Wäre die Farbe der Sozialisten schwarz oder
weiß, so würden sie sich schwarz oder weiß tragen. Ich aber, sie
betrachtend, genieße die Farbe ihrer Gesinnung rein ästhetisch,
als Zuwachs meiner Augenlust, als unmittelbare flüchtige Lebenserhöhung.
Es dürfte wenige Bälle geben, in denen eine rein
moralische Tendenz so rein künstlerisch wirkt.
- [736]
Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst
dir's nicht gelten lassen.
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- [737]
Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen - bis man
eines Tages erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer
unter die tragischen Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und
furchtbarer als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche
Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht: daß es
ihn wohl tüchtig erhalten mag. im gegebenen Augenblick in den
Tod zugehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich
zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
- [738]
Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die
ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und
Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.
- [739]
Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen
fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich verlange weder
soziales Gefühl von dir, noch Verehrung des "Nächsten". Aber
wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm
von deinem Essen mitteilen: das versteht sich von selbst. Nun, ich
verlange nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie mit einem
Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten Not: solidarisch.
- [740]
Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne
Grauen denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend
an der inneren Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten,
als so von außen dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche
beiwohnen zu müssen.
- [741]
Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen
deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de Lagardes
messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig
von allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem
erhabenen Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am
wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit,
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der Verneinung. - Aber eine beständige
Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege die Entwickelung hätte
einschlagen können und welche sie eingeschlagen hat, wird ihn
nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der Tribut
sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
- [742]
Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung
einflößen - als eines der wenigen großen Machtgebilde
auf Erden, die dauern?
- [743]
Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst anfangen
werden, im
Geist zu leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre
getan und neue Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so
wird es nicht bei der Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der
heutigen Geschäfte bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter
antreten, Organisationen werden entstehen, an die heut nur
die Reichsten auch nur zu denken wagen, und werden sich halten:
weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen dann
stärker geworden sein wird als die Lust, die heute regiert, die Lust
zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen wie im
bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des
Genießens, des Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon
zuletzt halb Europa erfüllte und in deren Bann unzähliges
Volk allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß es
noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit einem "vive
l'empereur" auf den Lippen zu sterben, als mit einem "ni Dieu ni
Maître" zu leben.
- [744]
Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich
quittieren.
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- [745]
Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude,
ist auch der größte Destruktor der "Welt". Spinoza ist nichts andres
und wird darum auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor
Mauthner in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle andern
Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt vielleicht die
tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des Geistes bisher
erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre
den Moralkritiker Nietzsche, und man hat den ganzen Gegensatz
zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche
ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen;
der ZWECK heiligt ihm alle Mittel, er lebt und stirbt für
selbstgeschaffene, irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare
der menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen,
überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind die
Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.
Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren
hineinzuhorchen.
Eine interessante Mischung von beidem ist der Mystiker, ist für
mich vor allem Meister Eckehart. Spinoza war so nahe an der
Mystik, wie nur ein jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr
Reich nicht. Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die
Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in ihm wie die
Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch seine Heiterkeit.
Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig,
das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus
über die "Welt" hinweg. Den Germanen aber ist diese "Welt"
doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial. Entwickelungsstoff,
sie wollen nicht so sehr über die Welt hinaus als in sie hinein.
Goethe nahm sich von Spinoza: die Freiheit, das gute Gewissen.
Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß diese
verhaßte Wahn von einem außer- oder überweltlichen Gott eben
nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in
sich ging er hin und wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das
Leben hinein, das er um sich vorfand, befruchtete sich aus ihm
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und es mit sich und wurde so "in der Beschränkung" der "Meister",
als den wir ihn immer wieder erleben.
- [746]
Die Weltgeschichte sind wir Lebendigen. Wir beschreiben uns
und nennen das Weltgeschichte. Mit Fug; denn diese Beschreibung
ist die Geschichte der Welt, die wir sind. Wer "war" Cäsar?
Cäsar "war" niemand, Cäsar ist - wir.
Anders: Wer "war" Cäsar vom Moment seiner Zeugung bis jetzt
zu diesem meinem Augenblick. Eine Vorstellung, für sich wie für
jeden andern. Nun, eine Vorstellung ist nur, und wenn ich sage
"sie war" (z.B. die Vorstellung meines verstorbenen Vorfahrs von
Cäsar war die und die) so ist diese War-Vorstellung nur als
Ist-Vorstellung möglich - versteht man den Gedankengang? Wo
existiert Cäsar sonst noch außer in unserer gegenwärtigen, gegenwärtigsten
Vorstellung? Nun eben, immer noch in uns, als
wir, noch einmal gesagt: Er ist wir, so wie wir alles sind
, was je
"war".
- [747]
Und wenn sich morgen der schauerliche Charakter des Menschenlebens
auf Erden ein wenig milderte. - würde das eine Vergangenheit
vergessen machen können, deren letzter (geschichtlicher)
Abschnitt allein so viel des Teuflischen birgt, daß wir die
Scheußlichkeiten unzähliger dunkler Jahrtausende gar nicht
mehr hinzuzunehmen brauchen?
- [748]
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man
sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein
Trinkgeld mehr (welch überlebte Bezeichnung), sondern nur
noch Klubgeld geben.
- [749]
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk,
das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von
einem Philosophen, von einem Arzt, von einem Soldaten. Ganz
anders wie der Friseur etwa, der den Komödianten nie ganz los
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wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt,
d.h. ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder
verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der täglichen
Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut
der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben
neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von
den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgfältig
besetzt werden. Wann übrigens wird diese Universität, nach der
unser ganzes Leben von heute ruft und zu der bereits unzählige
Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?
- [750]
In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem
andern den Hut abnmimt. "Ich nehme den Hut vor dir ab, damit
du den Hut vor mir abnimmst." Ein stillschweigendes Übereinkommen,
das den, der klug und "liebenswürdig" in seinem Sinne
handelt, in der "allgemeinen Achtung" außerordentliche Grade
erreichen läßt.
- [751]
Wann wird es endlich nur noch eine
Nation geben, nämlich die
der anständigen Menschen?
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Fußnoten
- ↑ Illustriert von: Ruth Tesmar
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 170ff.