Aphorismen - Natur - 1905
S. 67
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1905
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Diese Landschaft hat gar nichts Äußerliches, Lautes. Sie spricht
selbst fast gar nicht, sie singt höchstens leise an stillen sonnigen
Abenden, wenn das Meer spiegelgraublau mit dem Himmel zusammenzurinnen
scheint; wenn auf den westlichen Hauswänden
der Halligwerften[1] ein leuchtender Schein liegt und die weiten,
klaren Felder und Marschen mit ihren verstreuten Rössern, Rindern
und Lämmern eine beschauliche Wehmut atmen. Nichts ist
großartig hier, die sanfte Großzügigkeit der Marschen bei gewissen
Beleuchtungen etwa ausgenommen. Alles ist lieblich und gut,
schlicht, ohne ärmlich zu sein; beschränkt, ohne doch der Weite
zu entbehren. Nur die scheinbar so feste Linie am südlichen Horizont
— die Halligen Hooge, Nordmarsch-Langeneß und Oland
- unterstreicht diese Milde mit schweigendem Ernst.
Untergegangene und dem Untergang geweihte Dörfer sind vielleicht
noch nichts eigentlich Tragisches; denn hier stand und
steht kein tieferer Besitz der Menschheit auf dem Spiele. Aber sie
sind doch wie ein langgehaltener Ton in der großen Vergänglichkeits-
Symphonie "Vineta", der einem zuletzt ins innerste Herz
dringt und unwillkürliche brennende Tränen entlockt.
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Die Natur kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.
- [249]
Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: "Wie? Sie bedauern
den Tod eines Seehunds? Ausrotten müßte man diese Tiere.
Glauben Sie etwa, sie seien nützlich? Sie sind die ärgsten Fischräuber,
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die es gibt, ganz schädliche, unnütze Geschöpfe!" Ich
dachte an die feuchten dunklen Augen der gutmütigen Tiere, und
sie erschienen mir so viel schöner als diese Anschauung eines in
Moral gesottenen Pedanten[2], dem sich sein eigenes grenzenloses
Räubertum als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.
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Mir genügt zur Zeit das Schwatzen der Seevögel, das leise Sich-
Wiegen des stachligen Strandhafers, ein wenig durch die Finger
rinnender Sand und die graublaugrüne Fläche vor mir mit ihrer
seltsamen Unbedingtheit.
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Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben
fernen Berge.
- [252]
Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand gewühlten
Mulde beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindrücke
meines Lebens ins Gedächtnis. Den einen empfing ich
in den Thermen des Caracalla[3], und was hier nur Bild und Gleichnis,
war dort melancholische Wirklichkeit. Von den mächtigen
Gewölberesten rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes
Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich stärker
erhob, flog wohl auch ein größerer Stein polternd in die Tiefe. Es
war ein unheimliches und erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit,
dem der gefährdete Wanderer dort beiwohnte, und zugleich
das Totenraunen einer Kultur, das vielleicht noch währen
wird, wenn der Petersdom[4] das seinige anheben sollte. Den andern
gaben mir die norwegischen Berge mit ihren ewigen Steinschlägen,
in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen
scheinen.
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Gebell eines "Achtung"-Hundes
Nervosität durch Geschrei von Kindern
Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman)
Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)
Beschimpfung (da nichts erfolgt)
Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)
Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)
(er teilt die Sache der Außenwelt mit)
Quittungen über vieles
Rivalität
mit andren Hunden
Solidarität
Grundloser Unwille
Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.
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Fußnoten
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 67