Aphorismen - Kritik der Zeit - 1907

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   S. 191

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1907

[815]

Wehe dem Kämpfer wider die Stützen von "Thron und Altar",
dem Leidenschaft die Besinnung raubt. Eine Katze oder ein

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Baum würde ihn eher verstehen als jene Gesellschaft. Wehe dem,
der es nicht über sich bringt, sie bloß zu bemitleiden oder zu verachten.
Wehe dem, den der Haß erfaßt. Es gibt nur einen Weg für
ihn.

[816]

Man sollte heute im allgemeinen nicht mehr von Fürsten, sondern

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von Letzten reden. Landesletzt wäre wie geschaffen als
deutsches Wort für Serenissimus.

[817]

"Geist" ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich
eigener Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldstück
im Rinnstein.

   S. 192

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[818]


In Deutschland fängt der Mensch noch immer erst beim - Baron?
jawohl, sozusagen beim Baron an. Man sagt zwar statt Baron gewöhnlich
Individualität, Persönlichkeit. Charakter oder dergleichen,
aber es bleibt sich gleich. Der gemeine Mann, der Mensch

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an sich, so wie er der Liebling der Russen ist, findet bei uns noch
keine Beachtung geschweige denn Liebe. Und vielleicht ist unser
deutscher Mensch an sich auch weniger interessant als etwa der
gewöhnliche Russe.

[819]

Wenn der Deutsche nur mit Begriffen um sich schlagen kann, ist

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er selig. Und je unklarer die einzelnen Begriffe, je mehr "Stimmung",
desto besser.

[820]

Der Deutsche läßt schwer einen großen Charakter leben. Eh' er
ihn nicht seziert oder zum mindesten aufs Brett gespießt hat,
kann er nichts mit ihm anfangen. Er ist ein wahrer Fanatiker des

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Vorhertotmachens.

[821]

Dessen, was sich heute als moderne deutsche Kultur auftut und
was auch ich immer erst noch moderne deutsche Zivilisation
nenne, ein gigantisches Bric-à-brac, dem auch ich die Forderung
des einheitlichen Volkskunstwerkes, der einheitlichen Volkspersönlichkeit

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gegenüberstelle. Unser Volk als Kunstwerk, - aber
freilich nicht von einem Siegesalleehandwerker, sondern von einem
Buonarottimeister aus seiner widerspenstigen Fluh herausgearbeitet
und herausgehauen - das sehe auch ich als das einzige
Ziel, das einen Deutschen heute noch bewegen kann, Deutscher

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zu bleiben und nicht sich irgendwo in der Südsee oder auf einer
jener Halligen der Nordsee zu vergraben, welche zwar noch
deutsch sind, es aber dank dem Mutterlande von Jahr zu Jahr
weniger werden, um sich der unendlich gütigeren, reineren und
gewaltigeren Heimat stumm und stolz preiszugeben: dem deutschen

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Muttermeere .

   S. 193

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[822]

Wenn es Maximilian Harden nicht gäbe, so müßte er erfunden
werden, so sehr paßt er in unsere ganze deutsche Zivilisation von
heute. In dieser Zivilisation - ich glaube, man darf noch lange
nicht Kultur sagen - ist nur eines echt: ein ungestümer Tätigkeitsdrang.

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Ein Wille zur Macht um jeden Preis. Auch um den der
Reife, der Tiefe, der Würde. Dieser Wille, diese verzehrende Energie
ist das Gold, mit dem unsre Zeit [zahlt?]. Man fordre kein
andres. Und man unterschätze es nicht. Viel ist schon gewonnen,
wenn überhaupt wieder gewollt wird. Sein Grundcharakter ist

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einem jeden gegeben, über den läßt sich nicht debattieren.

[823]

Zeitglossen. Man liest immer wieder völlig glaubwürdig gehaltene
Berichte von Folterungen in Riga (und anderswo). Ich frage:
Was tue ich, wenn nebenan mein Nachbar auch nur seinen Hund
bei den Pfoten aufhängt und ihn mit Stricknadeln in den Unterleib

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sticht? Ich gehe hinüber zu ihm und sage: Entweder nimmst
du den Hund ab und tötest ihn oder was du sonst Lust hast - oder
ich stürze mich im nächsten Augenblick auf dich!
Was tun die wohledlen christlichen Nationen - in ähnlichen Fällen?
Sie "mischen sich um Gottes Willen nicht ein". Sie stopfen

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sich die Ohren fest zu; was kümmert sie, was der Nachbar treibt;
sie brauchen ihn viel zu notwendig für ihre Geschaftchen und Intereßchen.
Und die Fürsten fallen sich um den Hals nach wie vor,
und die Geldmänner feiern ihr Geld nach wie vor, und die Presse
behält ihre feierliche und hochachtungsvolle "Haltung" nach wie

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vor - und der Nachbar hängt sein Kind an den Haaren an die
Zimmerdecke nach wie vor. Es ist eine Lust, unter solchen wahrhaft
hochgesinnten Völkern zu leben.

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 191ff.
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