Aphorismen - Kritik der Zeit - 1906

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...

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1906

[806]

Man könnte Kulturperioden von ungeheurer Größe träumen:
Aber, so wie die Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird
sie zur Weisheit wohl erst durch Müdigkeit kommen, erst dann,
wenn es sich der Weisheit nicht mehr verlohnt.

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Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, daß Größe nicht so nebenbei

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im Weiterabwickeln täglicher Geschäfte und Notdürfte
erreicht werden kann? Frage doch herum, wer sich heut noch für
solche Riesenorganisationen, bei deren Heraufführung ganze
Generationen keine Rolle spielen dürften, erwärmen möchte?

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Der eine wird dich verständnislos anblicken, der andre seine Geschäfte,
den täglichen Zwang seines Lebens vorschützen, der
dritte wird gerade verliebt sein, der vierte ist Künstler und hat
keine Zeit, der sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente
sagt: er interessiere sich lediglich für sich selbst und seine eigne

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Vervollkommnung, in ihm könne Gott allein verwirklicht werden,
es gäbe kein Ziel für "die Menschheit", nur sein Ziel, und
darum sei er für keine Utopie, als welche den Menschen nur von
sich und seiner innersten, eigentlichsten Aufgabe, sich in sich
selbst zu vollenden, weglocken könne. Und dieser siebente hat

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vielleicht recht. Jedenfalls solange recht, bis ihm ein höheres
Recht, d.h. eine höhere Macht das Heft aus der Hand nimmt.
Nämlich der Despot, der zugleich Genie, das Genie, das zugleich
Despot ist. Der König Piatons. Der einzige Baumeister, den es
noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er kommen? Der letzte Ort,

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wo er noch möglich gewesen wäre, war Rußland. Aber mit der
Unfähigkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner außerordentlichsten
Möglichkeiten verloren. Denn freiwillig
wird kein Volk mehr zur Kastenbildung zurückkehren; dafür ist
es das Ungetüm mit Millionen Köpfen, das nur Sinn für sich und

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seine nahen Interessen, das keinen Ehrgeiz und keine Schöpfersehnsucht
hat. Das Wirtschaftliche tritt mit ihm in sein Recht.
Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder Ambition,
etwas Höheres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch
nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf

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die Stufe der Tierheit zurück , während er sich zum Bürger eines
irdischen Himmelreichs zu erheben glaubt. Das Volk will endlich
nur noch sich selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit
dankt der Mensch als Schöpfer ab. Der Geist wird über diese endlose
Horde noch ein letztes Abendrot ergießen, dann wird auch er

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dumpf und verstört die Höhlen der Einzelseele aufsuchen und

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eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine
Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch
über die Erde wandeln: Die großen Verzichter und Durchschauer
des Traumes Mensch, einsame Halbgötter inmitten des Fiaskos

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des Versuchs der Erde, im Menschen zum Kunstwerk zu werden.
Ja, vielleicht werden diese Menschen, die wie riesenhafte Heilige
dann das Fazit aller irdischen Historie in sich tragen, die größten
und erschütterndsten Menschen sein, die je gelebt haben. Aber
kein Tempel ist um sie - auf unendlichen Trümmern schlagen sie

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ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen.

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Die meisten Menschen sind nur bemalte Puppen. Oder: erwachsen
geschminkte und gekleidete Kinder.

[808]

Der Tag ist abgegriffen, laßt uns in den Morgen zurücksteigen.[1].

[809]

Welcher Mensch kann das Große und Echte heben, ohne das

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Kleine und Unechte zu hassen? Antwort: Der "moderne"
Mensch.

[810]

Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit
geworden wie Essen, Trinken und Schlafen; und deshalb ist
es so gemein. Wie sehr bedarf doch der Mensch großer und größter

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Schrecken und Trübsale, damit er nicht immer wieder in
Schlaf versinke!

[811]

Vorläufig sind wir anno 2000 wenigstens so weit gelangt, zu erkennen,
daß wir in einem Augiasstall leben und daß alle künftige
Kulturarbeit vornehmlich darin bestehen muß, aus diesem Augiasstall

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eine einigermaßen saubere Halle zu machen, in der zur
Not auch Menschen ohne Gefährdung des Lebens und der Ehre
sich werden aufhalten können.

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[812]

Man stelle sich den Geist eines Volkes zu den verschiedensten
Tageszeiten vor. Niedrigster Stand: Nach Tisch.

[813]

Wer der Großstadt einmal gut werden will, muß sie an einem
schönen, etwas dunstigen Morgen auf dem Deck eines Omnibus

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durchfahren. Wenn so langsam aus den schweigenden Steinkolossen
das Leben niedergeht. Alles noch so wie am ersten Tag.
Ist es nicht wie eine große Woge, die von früh an sich über die
Stadt ergießt, um nachts dann wieder zu ihrer Ebbenhöhe zurückzukehren.
Auch , wie das Meer, vom Monde beeinflußt.

[814]

Man muß sich die Massenwirkung der Großstadt vorstellen, um
zu einem gewissen Genuß des Ungeheuers zu gelangen.

 

 

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Fußnoten

  1. Illustriert von: Ruth Tesmar

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 188ff.
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