Aphorismen - Erkennen - 1897
S. 286
1897
- [1334]
Wenn der alte Atlas unser Wissen um die Welt, die er auf seinen
Schultern trug, gehabt hätte, er wäre ebenso unter ihrer Last zusammengebrochen
wie dieser moderne Atlas, der die Welt über
die Brücke von Mensch zu Übermensch tragen wollte.
- [1335]
Die Religion des Individualismus ist eine neue Schutzwehr gegen
die Erkenntnis unserer vollständigen Bedingtheit.
- [1336]
Prometheus empfängt einen Blitz, der ihn zu einem Sterblichen
macht und bringt ihn, so getroffen, den Menschen.
- [1337]
Es gibt einen Gedanken, der unsere ganze Lebensführung und
Betrachtung verändern würde: die Gewißheit unserer Unzerstörbarkeit
durch den Tod.
- [1338]
Die große Vernunft des Todes.
- [1339]
Man sollte bei einer Frage nicht nur darauf achten, wonach gefragt
wird, sondern vor allem, von welchem Standpunkte aus gefragt
wird. Über das Problem vom Werte der Wahrheit hinaus
gäbe es vielleicht noch das Problem vom Standpunkte dessen, der
nach dem Werte der Wahrheit fragt, also das Problem des Problems
vom Werte der Wahrheit.
- [1340]
Gott - du Gedankenlöwe der Menschheit, der sie nun nie mehr
ganz aus seinen Klauen läßt, als Leichnam noch sie umklammernd
und als Alp sie belastend, solange es noch Krankheit und
Elend auf Erden gibt.
S. 287
- [1341]
Gedanken wollen oft wie Kinder und Hunde, daß man mit ihnen
im Freien spazierengeht.
- [1342]
"Der Wunsch ist der Vater des Gedankens" ist vielleicht der philosophischste
Gedanke der Menschheit, der Grundstein ihrer
ganzen Geistesgeschichte.
- [1343]
Man kann die Temperament-Pole glaube ich mit Radikalisten
und Harmonisten einteilen. (Nietzsche und Goethe.)
- [1344]
Die Straßen gehen alle hinaus in die Ewigkeit.
- [1345]
Erkenntnis. Der Mensch, auf dem Rücken den Stein der Ewigkeit
schleppend.
- [1346]
Der Spiegel, leer
ohne mich.
- [1347]
Über alles wächst das Gras der Ewigkeit, und der Wind der Ewigkeit
singt darin seine unverständlichen Lieder.
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Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 286f.